profil-Kolumnist Franz Schellhorn

Franz Schellhorn: Klassen-Lotterie

Ob Schüler eine gute Bildung erhalten, ist im Wohlfahrtsstaat Österreich reine Glückssache. Das zeigt sich insbesondere in Zeiten des großen Lockdowns.

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Ein übertriebener Hang zur Diplomatie gehört eher nicht zu den Grundeigenschaften österreichischer Lehrergewerkschafter. Den Wunsch von Bildungsminister Heinz Faßmann, die Fenstertage nach Christi Himmelfahrt und Fronleichnam für den Unterricht zu nutzen, bezeichnete der oberste Standesvertreter der Lehrer, Paul Kimberger, recht schnörkellos als "Frechheit". Die schulautonomen Tage seien schließlich in der Jahresarbeitszeit berücksichtigt, also so etwas wie ein vertraglich zugesicherter Zeitausgleich.

Nun haben viele Eltern in den vergangenen sieben Wochen des Homeschoolings nicht nur ihre Kinder besser kennengelernt (und umgekehrt), sondern auch aus allernächster Nähe gesehen, welch fordernden und anstrengenden Beruf Lehrer ausüben. Bei vielen ist die Achtung für den Lehrerberuf jetzt endlich dort, wo sie die meisten Pädagogen immer schon gerne gehabt hätten. Der Chef der Lehrergewerkschaft schafft es jedoch, diesen Imagegewinn mit einem Auftritt zunichte zu machen und in der Bevölkerung verständnisloses Kopfschütteln auszulösen. Insbesondere bei jenen Bürgern, die seit Wochen arbeiten, um das Werkl noch irgendwie am Laufen zu halten. Vor allem aber bei jenen 1,7 Millionen Menschen, die ihren Job verloren haben oder in Kurzarbeit sind.

Die einzig richtige Reaktion der Lehrergewerkschaft wäre freilich die folgende gewesen: "Selbstverständlich sind wir in dieser schweren Zeit bereit, auf zwei Fenstertage zu verzichten, wenn es darum geht, jenen Kindern zu helfen, die in den vergangenen Wochen und Monaten nicht jene Unterstützung bekommen haben, die sie gebraucht hätten. Und ja, viele unserer Lehrerkollegen haben selbst Kinder zu Hause und anstrengende Wochen hinter sich. Aber wir alle wissen um unsere privilegierte Lage. Wir Lehrer haben einen sicheren Job, bekommen pünktlich unser Gehalt überwiesen, während andere um ihre Existenz bangen müssen. Deshalb reiten wir nicht auf ein paar Fenstertagen herum, sondern helfen, wo wir nur können."

Das ändert freilich nichts daran, dass viele Lehrer einen bleibenden Eindruck bei den Eltern hinterlassen haben. Vor allem jene, die unermüdlich den Kontakt zu ihren Schülern suchen, dilettierenden Eltern unterstützend zur Hand gehen und über Skype, Zoom, Teams &Co unterrichten. Aber auch jene Lehrer, die angeblich keinen Computer zu Hause haben und seit Wochen verschollen sind.

All die verschiedenen Lehrertypen - von höchst engagiert bis ostentativ relaxt - sind oft an ein und derselben Schule anzutreffen. Es gibt in den Schulen nämlich nicht das, was man gemeinhin Qualitätssicherung nennt. Das ist nicht den Lehrern anzulasten, sondern ihrem Arbeitgeber, dem Staat. Seine Aufgabe ist es, Mindeststandards zu definieren und dafür zu sorgen, dass Schulen über die nötige Infrastruktur verfügen und sich alle Lehrer gezielt weiterbilden, um sich in der digitalisierten Welt zurechtzufinden.

Das alles fehlt, deshalb machen es die Lehrer so, wie sie das für richtig halten. Womit es in einem Land wie Österreich zur reinsten Lotterie wird, ob Schüler gute und engagierte Lehrer bekommen - oder eben nicht. In Nichtcorona-Zeiten wie in Corona-Zeiten. Bezahlt kriegen alle Pädagogen gleich viel, nur die Dienstjahre machen den Unterschied. Wie weit sie ihre Schüler bringen oder ob sie sich digitale Kompetenzen angeeignet haben, spielt keine Rolle.

In den kommenden Monaten sollte der Staat seiner Rolle als Arbeitgeber nachkommen und alle Anstrengungen darauf richten, die offensichtlichen Defizite zu beheben.

Nun hören wir ja immer wieder vom "digitalen Masterplan". Ein Bildungsminister um den anderen proklamiert ihn, umgesetzt wird er jedoch in anderen Ländern. Zum Beispiel in den Niederlanden, in Finnland oder in Estland. 95 Prozent der estnischen Pädagogen verwenden digitale Lehrmethoden im Unterricht. Für die entsprechende Fortbildung wurden Sonderzahlungen an die Lehrer ausgeschüttet, Schulen mit guten Digitalkonzepten mit Förderungen und Hardware belohnt. Und vor fünf Jahren wurde damit begonnen, die gesamten Lehrinhalte in den Schulen zu digitalisieren. Das macht sich jetzt bezahlt.

Ebenfalls vor ziemlich genau fünf Jahren verkündete die damalige Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek: "Das digitale Schulbuch kommt!" Das gibt es bis heute nicht. Hierzulande wird die Digitalisierung nämlich gekonnt ignoriert oder bekämpft. Deshalb wurden Lehrer, Schüler und Eltern ohne Vorbereitung in das Homeschooling geschickt. Ärztekongresse, Gerichtsverhandlungen, Vorstandsund Aufsichtsratssitzungen sowie Teamsitzungen werden mittlerweile problemlos über digitale Kanäle abgewickelt. Lehrer werden hingegen von ihren Standesvertretern gewarnt, diese Kanäle nicht zu verwenden, weil sie angeblich den Datenschutz verletzen.

In den kommenden Monaten sollte der Staat seiner Rolle als Arbeitgeber nachkommen und alle Anstrengungen darauf richten, die offensichtlichen Defizite zu beheben. Es braucht die notwendige Infrastruktur und die Weiterbildung der Lehrer in Sachen (gar nicht mehr so) neuer Technologien. Auch auf die Gefahr hin, dass Herr Kimberger das für eine Frechheit hält.