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Johannes Larcher: Was die ORF-Wahl über Österreich sagt

Nach seiner erfolglosen Bewerbung als ORF-General übt der internationale Medienmanager Johannes Larcher im Gastkommentar scharfe Kritik an Österreich. Die ORF-Wahl stehe symbolisch für den Zustand dieses Landes: die lokale Elite halte internationale Leistungsträger und Innovatoren absichtlich fern.

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Im März dieses Jahres habe ich mich entschlossen, für die Generaldirektion des ORF zu kandidieren. Nach Jahrzehnten erfolgreicher Führungstätigkeit im globalen Mediengeschäft, u.a. bei Hulu, WarnerBros, HBO, und Storytel, wollte ich beitragen, öffentlich-rechtliche Medien in Österreich fit für die Zukunft zu machen. Der ORF ist wichtig für Österreich, und ich sah eine Gelegenheit, helfen zu können.

Ich bin’s bekanntermaßen nicht geworden, und mir wurde recht unverblümt vermittelt, dass ich zwar sehr qualifiziert, aber leider „nicht ausreichend anschlussfähig“ und „nicht steuerbar genug“ bin. 

Überraschend war das nicht. Und eigentlich kann es mir auch egal sein, dass mein Versuch zu helfen letztlich nicht genügend Resonanz gefunden hat. Mein Leben wird ohne den ORF und die gewaltigen Herausforderungen, die er nun zu meistern hat, etwas entspannter und auch nicht weniger aufregend sein.

Aber in vielerlei Hinsicht ist das, was in diesem Auswahlverfahren für die ORF-Spitze geschah, symbolisch für spezifische strukturelle Probleme, die Österreich seit Jahrzehnten plagen und das Land zurückhalten. Und darüber mache ich mir Sorgen.

Wenn eine Institution und die dafür verantwortlichen politiknahen Gremien hochqualifizierte, unabhängige internationale Führungskräfte (wie etwa meinen Co-Bewerber Markus Breitenecker oder mich) zugunsten eines politisch sichereren, aber weniger qualifizierten lokalen Insiders ablehnen, schadet das Österreich gleich auf mehrfache Weise:

1. Protektionismus statt Leistungsprinzip = wirtschaftliche Stagnation

In einer gesunden Wirtschaft wird Wachstum durch effiziente Allokation von Ressourcen angetrieben – die besten Leute und Kapital werden in den Positionen und auf den Projekten eingesetzt, durch die sie den höchsten Nutzen erzielen können.

Der Fokus auf die Aufrechterhaltung des lokalen politischen Gleichgewichts (Proporzsystem) führt unweigerlich dazu, dass Loyalität, Parteizugehörigkeit und Vorhersagbarkeit Vorrang vor Kompetenz, Leistung und Fähigkeit erhalten.

Wenn kritische Infrastrukturträger und große öffentliche Institutionen vorrangig nach politischen Erwägungen und Eigeninteressen der Parteien besetzt werden, leidet letztlich das Produktivitätswachstum. Diese protektionistische Dynamik führt zu strukturellen Nachteilen, die zu steigenden Lohnkosten, mangelndem Wachstum und wirtschaftlicher Stagnation beitragen. In einer Welt mit hartem wirtschaftlichem Wettbewerb aus China und den USA wird solch protektionistisches Verhalten zu einer gefährlichen Schwachstelle für den Wirtschaftsstandort – und damit für Beschäftigung, individuelle Vermögensbildung und die Fähigkeit, in die Zukunft des Landes zu investieren.

2. Die Ablehnung von „disruptiver“ Führung = Innovationsdefizite

Echte Innovation erfordert starke Kundenorientierung, die Infragestellung des Status quo, eine hohe Risikotoleranz und die Bereitschaft, etablierte und überkommene Prozesse zu durchbrechen und weiterzuentwickeln. 

Führungskräfte aufgrund ihrer Eigenständigkeit abzulehnen, ist ein systemisches Merkmal, und kein isolierter Fehler. Die österreichische Politik und Unternehmensführung bevorzugen Risikovermeidung gegenüber Transformation. Unabhängige Führungskräfte bringen Erfahrung mit externen Maßstäben ein und hinterfragen etablierte Vorgehensweisen, wodurch die bestehenden, lukrativen Strukturen gefährdet werden. Innovation bleibt auf der Strecke.

Unabhängiges, risikokapitalbasiertes Wachstum erfordert Innovation auf Grundlage von Entscheidungswillen und starken Führungsqualitäten. Durch das systematische Aussortieren innovativer Führungskräfte hinkt Österreich in Finanzierung und Governance von Innovation den globalen Technologie- und Marktrealitäten immer deutlicher hinterher. Analysen des FORWIT (Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung) belegen diesbezüglich systemische Defizite beim Innovationstransfer, die wirtschaftliches Wachstum verlangsamen.

3. Der Schutzschild „Nicht lokal genug“ = Abwanderung und fehlende Attraktivität für hochqualifizierte Fachkräfte

Internationale Kandidaten werden aufgrund angeblicher Unfähigkeit, im lokalen kulturellen Umfeld erfolgreich sein zu können, disqualifiziert.

Diese Stigmatisierung als „nicht österreichisch genug“ ist ein institutioneller Abwehrmechanismus, der die lokale Elite vor externer Konkurrenz schützen soll. Unter dem Deckmantel von „lokalen Besonderheiten“ errichtet er eine Barriere gegen globale Best Practices. Das Argument, die österreichische Kultur, Wirtschaft und Politik seien so einzigartig, dass sie nur von einem echten Insider verstanden und gesteuert werden können, ist eine bequeme, aber anachronistische Ausrede, um notwendige Veränderung zu vermeiden. Es erinnert an Zeiten, als Österreich ein europäisches Imperium und nicht ein Land mit neun Millionen deutschsprachigen Einwohnern war.

Hochqualifizierte, global mobile Führungskräfte und Innovatoren erkennen diese Hürden. Wenn Top-Talente von außerhalb merken, dass die Chancen für Insidernetzwerke ungleich besser sind, bleiben sie weg, und ersparen sich den byzantinisch anmutenden Weg durch den Wiener Bestellungsreigen. Diese provinzielle Denkweise beschleunigt die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte und signalisiert Bewerbern von außen, dass In Österreich Kompetenz und Leistung viel weniger zählen als ein lokales Netzwerk.

4. Die politischen Implikationen = der Aufstieg des Populismus

Zwischen institutionellem Verhalten und stark steigender Unterstützung für populistische politische Kräfte besteht ein direkter Zusammenhang.

  • Die Enttäuschung über die Eliten: Der österreichischen Öffentlichkeit wird vom politischen Establishment ständig versichert, die öffentlichen Strukturen würden jetzt umfassend modernisiert, politischer Einfluss und Eigeninteressen zurückgedrängt. Die Erosion der öffentlichen Dienstleistungen, wirtschaftliche Stagnation, Inflation und politische Vetternwirtschaft sprechen eine andere Sprache.
     
  • Die Instrumentalisierung der Doppelmoral: Populistische Kräfte nutzen diese Diskrepanz gezielt aus. Sie instrumentalisieren Situationen wie die Ernennung eines ORF-Generaldirektors – wo eine Institution ihr eigenes Netzwerk schützt, während sie gleichzeitig Modernisierung predigt – und verwenden sie als Beweis dafür, dass die Elite eigennützig und heuchlerisch ist.
     
  • Die Frustrationswahl: Wenn notwendige Reformen nicht angegangen oder aktiv verhindert werden, schließen enttäuschte BürgerInnen daraus, dass das System von innen nicht mehr reformierbar ist. Sie wenden sich populistischen Parteien zu, nicht unbedingt aus ideologischer Überzeugung, sondern als grobes Mittel, um ein institutionelles Netzwerk zu zerschlagen, das sie als ausgrenzend, unfair und wachstumshemmend empfinden.

Der vielbeachtete Prozess der Ernennung des ORF-Generaldirektors war eines von vielen Beispielen, durch die Österreich zusehends den wirtschaftlichen Anschluss verliert, und die zu einer tiefen politischen Polarisierung beitragen.

Dem neuen ORF-Generaldirektor wünsche ich den Mut, jene Strippenzieher, die für ihn – aus Eigeninteresse oder Sideletter-Pakttreue – intrigiert haben, in die Schranken zu weisen und mit einem eigenen, rein nach Kompetenz bestellten Führungsteam einen neuen, starken ORF zu bauen.

Meinem Heimatland wünsche ich, dass sich seine Regierung nicht weiter wie das Orchester auf der Titanic benimmt und weiterspielt, als geschehe nichts. Nicht viel weniger als die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Österreich und die partizipative Demokratie stehen auf dem Spiel.

Zur Person

Sechs Stimmen erhielt Medienmanager Johannes Larcher bei der Wahl zum ORF-Generaldirektor und landete damit auf dem zweiten Platz hinter Clemens Pig (21 Stimmen). Larcher schaut auf eine internationale Karriere zurück: Bei der Streamingplattform Hulu war er für das internationale Geschäft zuständig, später verantwortete er den arabischsprachigen Streamingdienst Shahid. 2020 wechselte er zu Warner Media als General Manager von HBO MAX International. Zuletzt war er CEO der schwedischen Storytel Group.