Geistige Landesverteidigung ist keine Kriegspädagogik
Das Bundesheer probte die letzten zehn Tage im Wechselgebiet in einer groß angelegten Übung die Verteidigung im Fall eines Angriffs. Was absurd klingt, werde ein immer realeres Szenario, sind sich Experten einig. Hierzulande glaubt man trotzdem nicht daran, dass ein Krieg drohen könnte. Oder man will es schlicht nicht wahrhaben. Das ist fatal, denn die erste Verteidigungslinie ist nicht die Landesgrenze, sie ist im Kopf. Dort entscheidet sich, ob ein Staat weiß, was ihn bedroht, und was er zu verteidigen bereit ist. Deshalb ist die Debatte über geistige Landesverteidigung so wichtig – und so schwierig.
Wir haben uns in einer bequemen Erzählung eingerichtet: Wir sind neutral, also sind wir sicher. Das war immer schon verkürzt, heute ist das gefährlich. Neutralität ist kein Schutzschirm, der automatisch aufgeht, wenn es ernst wird. Sie muss politisch glaubwürdig, wirtschaftlich abgesichert, zivil vorbereitet und militärisch verteidigungsfähig sein. Sonst ist sie ein schöneres Wort für „Wehrlosigkeit“.
Verteidigungsministerin Klaudia Tanner hat das Thema „geistige Landesverteidigung“ zurecht ganz oben auf die Agenda geschrieben: In Salzburg hat man begonnen, Lehrpersonal zu externen Informationsoffizierinnen und Informationsoffizieren auszubilden. Niederösterreich, Wien und die pädagogischen Hochschulen ziehen nach. Lehrende werden in Sicherheitslage, Geopolitik und hybride Bedrohungen geschult. Offiziere beraten bei Schulbuchinhalten. Auf manche mag das wie eine Militarisierung der Schule wirken. Dieser Reflex ist nachvollziehbar, aber falsch. Klar, Schule darf kein Rekrutierungsbüro sein – aber muss ein Ort sein, an dem junge Menschen lernen, dass Demokratie kein Konsumprodukt ist. Rechtsstaat, Freiheit, Versorgungssicherheit, unabhängige Medien: All das ist nicht naturgegeben, sondern muss verteidigt werden. Außerdem ist Sachkenntnis keine Indoktrination. Wer erklären kann, was hybride Bedrohungen, Desinformation, kritische Infrastruktur, Wehrpflicht oder Neutralität bedeuten, macht Schülerinnen und Schüler nicht zu Soldaten. Er oder sie macht sie urteilsfähiger.
Sie dürfen sich verantwortlich fühlen!
Österreich hat Sicherheitspolitik zu lange ausgelagert – an das Bundesheer, an ein paar Experten, an die Hoffnung, dass schon nichts passieren wird. Das Heer war im öffentlichen Bewusstsein für Hochwasser, Schneemassen und Katastrophenhilfe zuständig. Dass es im Kern für Landesverteidigung existiert, störte die nationale Gemütlichkeit.
Doch die Weltlage richtet sich nicht nach unseren Befindlichkeiten. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt – und bei uns angekommen: Cyberangriffe, Sabotage, Energieabhängigkeit, unterbrochene Lieferketten, Propaganda und politische Erpressbarkeit sind keine Theorie mehr. Umfassende Landesverteidigung heißt außerdem nicht, ein möglichst hochgerüstetes Militär zu haben. Sie heißt: ein Staat, der funktioniert, wenn es ernst wird. Das beste Heer nützt wenig, wenn daheim das Stromnetz ausfällt, Lebensmittel fehlen, Behörden nicht kommunizieren können – und dann niemand weiß, was zu tun ist. Andere Länder verstehen Sicherheit längst als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe – Finnland etwa. Ein Land, das bis vor drei Jahren übrigens auch noch neutral war.
Österreich muss aufhören, die eigene Verletzlichkeit als Tugend zu verkaufen. Die Politik müsste ehrlich sagen, dass Sicherheit Geld kostet, Vorbereitung mühsam ist und Eigenverantwortung dazugehört. Vorräte, Zivilschutz, Energieversorgung, digitale Resilienz, Krisenmanagement – das klingt unsexy, ist aber die Voraussetzung dafür, im Ernstfall nicht nur auf Hilfe von außen hoffen zu müssen.
Niemand will sein Kind in den Krieg schicken. Aber genau deshalb muss man vorbereitet sein. Abschreckung beginnt beim Willen einer Gesellschaft, sich nicht einschüchtern zu lassen. Wehrfähigkeit ohne Wehrwille ist hohl. Wehrwille ohne demokratische Bildung ist gefährlich. Beides braucht ein Fundament: das Bewusstsein, dass Freiheit verletzlich ist.
Geistige Landesverteidigung ist keine Kriegspädagogik. Sie ist demokratische Erwachsenenbildung für ein Land, das sich zu lange kindlich verhalten hat. Sie verlangt, die Augen aufzumachen und hinzuschauen. Der gelernte Österreicher tut das ungern. Er vertraut auf Neutralität, Improvisation, die Feuerwehr, den Staat und im Zweifel auf andere. Souveränität bedeutet, selbst handlungsfähig zu sein – und zwar jetzt. Österreich muss nicht kriegsbegeistert werden. Es muss erwachsen werden.