<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Argonie

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Argonie

Die USA und Europa stecken mit ihrer Politik gegenüber Teheran in der Sackgasse.

Die ökonomischen Sanktionen gegen den Iran wirken nicht. So streng war kaum je ein Embargo, die Strafmaßnahmen von USA, UN und Europa gegen das Teheraner Regime treffen die iranische Wirtschaft gewaltig – und dennoch wollen Mahmoud Ahmadinejad, Ayatollah Khamenei und Co nicht nachgeben.

Auch nach den jüngsten Verhandlungen in Almaty Ende Februar nicht: Die nukleare Anreicherung geht weiter. Unmittelbar nach den Gesprächen in Kasachstan, die im April ihre Fortsetzung finden sollen, verfassten Abgeordnete des iranischen Parlaments eine Petition, in der sie die eigenen Verhandler drängen, hart zu bleiben: „Der Westen muss begreifen, dass der iranische Nuklearzug, der auf den Schienen in eine friedliche Zukunft rollt, niemals zum Stehen gebracht werden wird.“ Ob Teheran die Weichen hin zur iranischen Bombe gestellt hat, wie der Westen glaubt, oder aber tatsächlich nur friedliche Absichten verfolgt, bleibt offen. Eins ist freilich sicher: Die Politik der immer schärfer werdenden Sanktionen führt nirgendwohin.

Und das war vorherzusehen. Gegen so genannte Schurkenstaaten – vielleicht mit Ausnahme des südafrikanischen Apartheidstaats – waren Sanktionen bisher kaum je zielführend. Das ergeben gleich mehrere jüngere historische Untersuchungen: Der Völkerbund konnte Benito Mussolini in den dreißiger Jahren nicht davon abhalten, Äthiopien zu erobern; 1990 hat auch kein überhartes Finanzembargo Saddam ­Hussein dazu gebracht, aus Kuwait abzuziehen; Nordkorea ignorierte gerade mit seinem dritten Nukleartest die UN-Sanktionen. Und was ist die Bilanz von einem halben Jahrhundert wirtschaftlicher Isolierung von Castro-Kuba? Eben.

Also bleibt nur ein Krieg gegen den Iran? Die Israelis drohen damit. Und Barack Obama will ebenfalls die militärische Option nicht vom Tisch nehmen. Insgeheim wissen die Fachleute aber, dass das auch kein gangbarer Weg ist. Wie man aus Geheimdienstkreisen vernimmt, gibt es da keinen Zweifel: Mit Waffengewalt ist den persischen Nuklearambitionen nicht beizukommen. Die Atomanlagen sind zu verstreut und zu versteckt, als dass sie schnell zerstört werden könnten. Monatelange Bombardements wären notwendig. Und dann wäre nicht einmal sicher, dass man in dem durch den Angriff devastierten Land tatsächlich alles getroffen hat.
Was tun? Die Ratlosigkeit ist greifbar. Dennoch wird der Iran im Westen weiter als Feind der Menschheit Nummer eins gehandelt. Und die Mullahs haben in der Populärkultur längst ihren Platz als die großen Schurken gefunden.

„And the Oscar goes to … ‚Argo‘.“: Michelle Obama war extra aus dem Weißen Haus zugeschaltet worden, um die Auszeichnung des besten Films des Jahres zu verkünden. Der Streifen basiert auf einer wahren Begebenheit. Als im Jahr 1980 radikale Studenten die amerikanische Vertre-
tung in Teheran besetzen und an die 50 Diplomaten als Geiseln nehmen, können sechs von diesen unbemerkt in die kanadische Botschaft fliehen. Um sie unbeschadet nach Hause zu bringen, gibt Hollywood in Kooperation mit der CIA vor, in Teheran Teile eines Science-Fiction-Films mit dem Titel „Argo“ drehen zu wollen. Mit dieser abenteuerlichen Inszenierung werden die sechs Diplomaten dann als vorgebliche Mitglieder der Film-Crew außer Landes gebracht.

Ein spannender und witziger Plot. Und der Film ist mit einer Einleitung versehen, die historisch ganz korrekt zeigt, warum die Iraner einen derartigen Groll gegen die USA hegten. Dennoch ist er eine Geschichtsklitterung.

„Argo“ schildert den Iran des Jahres 1980 als düsteren, totalitären Staat, in dem an Straßenlaternen Gehenkte baumeln, in dem man fanatische Massen und bösartige Regime­vertreter in Aktion sieht und sich Ausländer nur unter Lebensgefahr bewegen können. Die einzige positive persische Figur: eine Hausangestellte in der kanadischen Botschaft, welche die US-Diplomaten nicht verrät.

Ich war im Februar 1981, wenige Wochen nachdem das Geiseldrama ein unblutiges Ende gefunden hatte, in Teheran. Mir bot sich ein völlig anderes Bild. Es stimmt schon: Ayatollah Khomeini und die Mullahs waren dabei, die Revolution von 1979 endgültig zu usurpieren, die so genannten Revolutionsgarden trieben ihr Unwesen, und man begann, die Medienfreiheit einzuschränken. Aber noch war Abolhassan Banisadr, ein eher liberal-islamischer Politiker, der Präsident. Säkulare Parteien und Gruppen agierten noch relativ frei, und ich konnte ganz offen mit oppositionellen Intellektuellen Gespräche führen, ohne mich je bedroht zu fühlen.

Warum also diese Verzerrung? Gewiss ist diese der notwendigen Dramatik des Thrillers geschuldet, in dem ein heldenhafter CIA-Agent im Kampf gegen das Böse die Rettungsaktion leitet. Gleichzeitig aber hätte eine realistische Darstellung der damaligen Wirklichkeit dem Bild widersprochen, das die westliche Propaganda seit Jahren vom heutigen Iran und seiner Entstehungsgeschichte zeichnet. Und so ist der mit dem Oscar ausgezeichnete und von der First Lady geadelte Film Teil dieser Propaganda.

Da mögen Sanktionen persische Atomanreicherungen nicht zu stoppen vermögen. Aber vielleicht könnten sie doch helfen, die theokratische Herrschaft zum Einsturz zu bringen. Wie wenig stabil die ist, hat nicht zuletzt der – blutig niedergeschlagene – Aufstand der iranischen Gesellschaft im Jahr 2009 gezeigt.

georg.ostenhof@profil.at