<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Das Prinzip Chuzpe

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Das Prinzip Chuzpe

Mit welchen Methoden Mitt Romney doch noch das Weiße Haus erobern will.

Roger Cohen ist zu beneiden. Dem Kolumnisten der „New York Times“ ist etwas Außerordentliches gelungen: Mit einem Kalauer hat er ein neues Wort geprägt, dessen Bedeutung in den USA inzwischen Millionen kennen: „Romnesia“ – ein Zusammenziehen von „Romney“ und „Amnesia“. Amnesie – also ein krankhafter Gedächtnisverlust.

Cohen analysierte in einem Kommentar Mitt Romneys zahllose „Flip-Flops“, die raschen Positionswechsel, die der republikanische Präsidentschaftskandidat in den vergangenen Monaten vollzogen hat:
In den Primaries, als es darum ging, die radikale Basis seiner Partei zu gewinnen, war er noch ganz Tea Party: Die Steuern würden auch für das eine Prozent der Reichsten im Land gesenkt, versprach er. In einer Debatte mit Barack Obama wollte er jetzt nichts mehr davon wissen. Die 42 Prozent der Amerikaner, die keine Bundessteuern zahlen, kümmerten ihn nicht, sagte er noch vor wenigen Wochen: Die seien nicht fähig, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, quasi Sozialschmarotzer, die ohnehin Obama wählen. Nun präsentiert er sich als Champion der Middle Class, zu der in Wirklichkeit viele dieser 42 Prozent gehören. Auch in der Außenpolitik: Der in den Vorwahlen als Kalter-Krieg-Scharfmacher auftretende Romney, der lieber heute als morgen den Iran angreifen wollte, stimmt nun plötzlich Obamas gemäßigtem Kurs zu und will auch auf Diplomatie setzen. In allen Bereichen hat sich Romney gewendet, sich in rasendem Tempo von ganz rechts in die Mitte geschummelt.

Cohen fragt polemisch, ob der Republikaner heute bereits vergessen habe, was er gestern von sich gegeben habe, und ist verwundert, dass so mancher amerikanische Wähler ebenfalls unter Romnesie leide, wenn er dem kürzlich noch rabiaten republikanischen Kandidaten seinen jetzigen staatsmännischen Zentrismus abnimmt. Romneys Wendungen haben ihm in den vergangenen Tagen ja tatsächlich einen unerwarteten Aufschwung verschafft.

Es war der Präsident selbst, der die Wortschöpfung des Roger Cohen populär machte. Seit einigen Tagen fehlt in keiner Obama-Wahlrede die Beschreibung der Symptome dieser Krankheit und wie diese bei seinem Rivalen auftreten. Schließlich warnt Obama immer wieder vor der Ansteckungsgefahr und versichert, dass Romnesie heilbar sei und die Behandlung in seinem neuen Gesundheitssystem, in ­„Obamacare“, von der Krankenkasse bezahlt werde.

So witzig, so gut. Und als Polemik offenbar brauchbar. Bloß trifft die Metapher des Vergessens nicht wirklich den Sachverhalt. Da gibt es für das, was Romney tut, ein – gar nicht neues – Wort, das passender das Agieren des Republikaners beschreibt: Chuzpe. Dieser aus dem Jiddischen stammende, einst in Österreich gebräuchliche Begriff oszilliert in seiner Bedeutung zwischen Frechheit, Anmaßung und Unverschämtheit. Eine Chuzpe ist, wenn ein des Mordes an seinen Eltern Angeklagter für Milde plädiert, er sei schließlich Vollwaise. So lautet eine Scherzdefinition.

Politiker lügen zuweilen. Das ist normal. Sie ändern fallweise opportunistisch ihre politischen Positionen. Auch das gehört zu ihrem Geschäft. Die Unverfrorenheit aber, mit der Romney seine 180-Grad-Schwenks vollzieht und sich gleichzeitig mit allem Pathos als prinzipienfester Mann präsentiert – diese Dreistigkeit geht weit über das Übliche hinaus.

Ebenso schamlos ist auch die Taktik der Republikaner, wenn sie Obama vorwerfen, in den vergangenen vier Jahren nichts zustande gebracht zu haben, wo es doch sie waren, die jegliche Reformversuche des Weißen Hauses blockierten und jedem noch so viel versprechenden Vorhaben des Präsidenten eine Abfuhr erteilten. Was für eine Chuzpe!

Natürlich ist das Prinzip Chuzpe als politische Methode nicht bloß Spezialität der US-Republikaner. Die findet auch anderswo ihre Anwendung. Zwei kleine Beispiele aus unserer Heimat: Da wäre die ÖVP, die seit Jahrzehnten jegliche SP-Versuche, das Schulwesen zu modernisieren, hintertreibt – und dann den Sozialdemokraten vorwirft, in der Bildungspolitik zu versagen. Oder Werner Faymanns Agieren in der Inseraten-Affäre: Er käme ja gerne in den U-Ausschuss, würde er eingeladen, sagte er lächelnd. Und gleichzeitig hat er dafür gesorgt, dass die Genossen im Parlament seine Zitierung vor das Untersuchungsgremium verhindern.

Erschreckend ist, dass man dieser Tage mit Chuzpe weit kommen kann. Roger Cohen führt dies auf den Zeitgeist zurück. „Alles ist heutzutage situationsbezogen“, beklagt der Kolumnist. Das Publikum erwarte gar nicht mehr, dass die Politik sich konsistent zeigt. Es zähle heute Wendigkeit, nicht der aufrechte und gerade Gang. Der gilt als altmodisch. Und angesichts der Masse an Informationen und Meinungen, die auf uns einstürzen, „zucken die Leute bloß mit der Schulter, wenn gezeigt wird, dass etwas unwahr ist, widersprüchlich oder eine offene Lüge“. Sie seien bereits so daran gewöhnt, dass ihnen das gar nicht mehr auffällt.

Man kann nur hoffen, dass Cohens depressive Diagnose sich als überzogen erweist; dass sich die Romnesie noch nicht zu einer Epidemie ausgewachsen hat; dass die Chuzpe bei den amerikanischen Präsidentenwahlen doch nicht den Sieg davonträgt; und dass aus dem Flippen letztlich ein Flop wird. Man kann noch hoffen – aber nur mehr wenige Tage.

georg.ostenhof@profil.at