<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Der gute Klassenkampf

Warum die Streiks in China hilfreich für die marode Weltwirtschaft sind.

Eines zumindest haben die chinesischen Machthaber mit der Ankündigung, die fixe Bindung des Yuan an den Dollar aufzugeben, erreicht: Sie sind nicht die Sündenböcke auf dem G20-Gipfel. Ein drohender Handelskrieg mit den USA ist vorläufig abgeblasen.
Immer bitterer waren die Klagen des Westens geworden, Peking bremse mit der künstlich niedrig gehaltenen chinesischen Währung den Aufschwung der Weltwirtschaft, überschwemme den Weltmarkt mit Gütern zu Dumpingpreisen und importiere Arbeitsplätze aus dem Westen. Immer lauter war die Forderung geworden, der Yuan müsse aufgewertet werden.
Verständlich also, dass die Börsen zunächst geradezu euphorisch reagierten, als Peking erklärte, auf eine flexiblere Währungspolitik umsteigen zu wollen. Schon frohlockten die Anleger: Jetzt könnten sie mit ihren etwas billiger gewordenen Waren auf dem gigantischen fernöstlichen Markt reüssieren, westliche Rohstoffexporte würden für China billiger, und 1,3 Milliarden Chinesen könnten es sich zunehmend leisten, westliche Produkte zu konsumieren.
Der Anfangsbegeisterung folgte Ernüchterung, als man sah, dass die erhoffte große Aufwertung nicht kam, der Yuan nur ganz wenig in die Höhe ging.
Grundlegender Optimismus aber bleibt. Allmählich ­dürfte die chinesische Währung sich ihrem „wahren Wert“ an­nähern, wird analysiert: Peking habe einen Schritt in die richtige Richtung getan, das gewaltige Ungleichgewicht
der Weltwirtschaft werde sich Schritt für Schritt ver­ringern.

Es gibt aber noch andere Nachrichten aus China, die Anlass geben, die internationalen Börsen in Hochstimmung zu versetzen – Nachrichten, die von Börsianern aus verständlichen Gründen nur zögerlich als positiv wahrgenommen werden: An den Küsten Chinas breitete sich in den vergangenen Wochen eine Streikwelle aus, und das ist vermutlich erst der Anfang. Ja, doch: Klassenkampf in China ist gut für die globale Ökonomie.
Bisher haben die chinesischen Werktätigen, in deren Namen die kommunistische Partei regiert, nur unterdurchschnittlich vom grandiosen Aufstieg der Volksrepublik profitiert. Gewiss: Das einmalige Wirtschaftswunder hat Hunderte Millionen aus der absoluten Armut herausgeholt, auch ist der Lebensstandard in den aufblühenden Städten im Osten des Landes spektakulär gestiegen. Aber in den 15 Jahren bis 2008 legte die Arbeitsproduktivität laut Berechnungen der Investmentbank Nomura im Schnitt um 21 Prozent im Jahr zu. Der Anstieg der Löhne blieb im selben Zeitraum jeweils um acht Prozentpunkte zurück, und die Arbeitsbedingungen sind meist skandalös. Die brutale Ausbeutung wollen die Arbeiter nicht mehr hinnehmen, sie wollen nicht länger „Bitterkeit essen“, wie eine chinesische Redensart lautet. Sie begehren auf. Und das mit Erfolg.

Die vor allem in der Autozulieferungs- und Elektronikbranche Streikenden nahmen in den vergangenen Wochen regelmäßig die Arbeit erst wieder auf, wenn Lohnerhöhungen von 25 bis 100 Prozent zugestanden wurden. Zwar ist den chinesischen Medien verboten, Fotos und Filmaufnahmen von Streikenden zu veröffentlichen, berichtet wird trotzdem. Und das Internet trägt das Seine bei: Die Froh­botschaft von den für die Arbeiter so lukrativen Streiks verbreitet sich wie ein Lauffeuer und lässt den Funken überspringen.
Davor haben die Unternehmer panische Angst. Einzelne lassen bereits, ohne mit kampfbereiten Belegschaften konfrontiert zu sein, die Saläre ihrer Beschäftigten präventiv aufbessern. Auch die politische Führung beugt vor. Soziale Unruhen sind für sie eine Horrorvorstellung. Das Wissen über die Logik und Dynamik proletarischer Bewegungen haben die herrschenden Kommunisten in ihrer DNA. Und so verstärken die Herren in Peking schon seit einiger Zeit – wenn auch in sehr beschränktem Rahmen – die Rechte der Arbeiter und heben die Mindestlöhne regelmäßig an, am ­1. Mai dieses Jahres etwa um 17 Prozent.
Es wird nichts helfen, der Geist ist aus der Flasche. Es ist vorgezeichnet, was in den kommenden Jahren passieren wird. Die Streikbewegungen vernetzen sich, mit jedem Erfolg steigt das Selbstbewusstsein der Menschen, Zugeständnisse von oben wirken weniger dämpfend als vielmehr animierend. Zunächst küren die Arbeiter unabhängige Belegschaftsvertreter, dann fordern sie unabhängige, Branchen und Regionen übergreifende Gewerkschaften. Im kommunistischen China, das in den vergangenen drei Jahrzehnten zur Fabrik der Welt wurde, erleben wir den Beginn dessen, was in Europa im 19. Jahrhundert im Verlauf der Industrialisierung entstand: eine moderne Arbeiterbewegung.

Und was soll für den Westen so erfreulich daran sein? Warum sollten sich die Börsen dieser Welt über die Kämpfe des chinesischen Proletariats für bessere Löhne freuen? Aus dem gleichen Grund, aus dem sie die Aufwertung des Yuan gut finden. Beides signalisiert, dass das Reich der Mitte in eine neue Phase eingetreten ist, in der die Chinesen nicht nur für den Konsum des Westens produzieren, sondern auch für jenen der eigenen Bevölkerung, dass sich ein Binnenmarkt entwickelt und das Wirtschaftswachstum in Zukunft nicht mehr nur auf Export basiert. Wahrscheinlich trägt die neue Begehrlichkeit der arbeitenden Chinesen mittelfristig mehr zu solch einer gedeihlichen Entwicklung bei als jede noch so dramatische Aufwertung des Yuan.
PS: Auch vom Exportweltmeister Deutschland wird allseits gefordert, weniger zu sparen und mehr zu konsumieren. Vielleicht sollten die deutschen Arbeitnehmer, deren Löhne in den vergangenen Jahren weitgehend stagnierten, sich von China inspirieren lassen und gleichfalls zu streiken beginnen. Im Dienste der Weltwirtschaft, versteht sich.

georg.ostenhof@profil.at