<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ein Lied für Angela Merkel

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Ein Lied für Angela Merkel

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wird 60. Wir gratulieren.

„Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde raues Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele durchzogen
und dennoch sank unsere Fahne nicht.“

Das ist die erste Strophe eines deutschen Volksliedes aus dem Piratenmilieu, das Angela Merkel sehr liebt. So hat sie einmal bekannt.
Die Bundeskanzlerin wird am 17. Juli 60 Jahre alt. Die „Bild“-Zeitung kam nun auf die Idee, ihr in einer großen Parallelaktion zu ihrem runden Geburtstag ein Ständchen darzubringen: „Wir singen Angela Merkel ein Lied“, lautet das Boulevard-Projekt, bei dem sich Politiker aller Couleurs und auch sangesbegabte Leser zusammenfinden, um in einem Studio Merkels Lieblingssong zu schmettern. Arrangiert von Leslie Mandoki, der seinerzeit mit „Dschingis Khan“ berühmt wurde, sollen dann pünktlich zum Geburtstag die Stürme und Wogen online brausen.

Merkel selbst will den Jubeltag in kleinem Kreis von 1000 Freunden begehen. Als Hauptredner bei der Feier hat sie sich den Geschichtsprofessor aus Konstanz Jürgen Osterhammel gewünscht. Seinen Toast wird er unter dem aufregenden Titel „Vergangenheiten: Über die Zeithorizonte der Geschichte“ vortragen.

Und da setzt der Spott des Magazins „Der Spiegel“ an: Angela Merkel wolle damit „die historische Dimension ihrer Existenz in den Blick nehmen“, mutmaßt in seiner Kolumne Jakob Augstein, um der Kanzlerin im gleichen Atemzug auszurichten, sie möge sich keine Illusionen machen: Zu einer historischen Figur eigne sie sich ganz und gar nicht. Denn: „Sie gestaltet Geschichte nicht. Sie wohnt ihr bei.“

Man kann mit einiger Sicherheit annehmen, dass Augstein irrt. Merkel wird wahrscheinlich als eine der großen Gestalten der deutschen und europäischen Politik in die Geschichtsbücher eingehen. Es mag ihrem „passiven Pragmatismus“, wie Augstein formuliert, und ihrer Machtpolitik des Zögerns und Bremsens an Glamour und Charisma ermangeln. Auch kann man kritisieren, dass sie mit ihrer letztlich nationalegoistischen EU-Politik eine notwendige große Reform der EU verhindert und ihr europaweit durchgesetzter Sparkurs viel Schaden angerichtet hat.

Aber sie wurde nicht grundlos von den US-Medien Jahr für Jahr zur mächtigsten Frau der Welt erklärt. In der Tat dominiert Merkel die europäische Politik bis heute in einem bis dahin unvorstellbarem Maße. Und bei aller Kritik: Sie hat die EU in den tobenden Stürmen der Krise durch die brausenden Wogen hindurchgesteuert, ohne dass das Schiff, wie vielfach vorausgesagt, untergegangen wäre. Die blau-gelbe Sternenfahne Europas flattert im Wind. Und das Schwarz-Rot-Gold leuchtet nicht erst seit dem 7:1 gegen die Brasilianer kräftig. Den Deutschen geht es unter Angela Merkel besser denn je.

Es gibt noch anderes, was ihr einen Platz in der Historie sichert: Die Pastorentochter aus dem Osten hat als CDU-Chefin den politischen Konservativismus Deutschlands von Grund auf modernisiert. Ihr nüchterner und unprätentiöse Politstil, der lange Zeit als Ausdruck von Ungeschicklichkeit galt, dürfte sich immer mehr als der zeitgemäße schlechthin erweisen. Und während fast alle anderen EU-Länder einen Aufschwung von Nationalismus und Rechtsextremismus erleben, ist Deutschland unter Merkel von dieser Tendenz erfrischend unberührt geblieben.

Bei diesem Anlass sei aber auch erwähnt: Ihren Zenit hat Merkel überschritten. Von der Machtfülle, an der sie sich in den vergangenen Jahren erfreuen konnte, muss sie einiges abgeben. Und zwar auf mehreren Ebenen.

Mit der EU-Wahl sind das Europäische Parlament und die EU-Kommission gestärkt: Deren Präsident verzeichnet einen Zugewinn an direkter Legitimität. Jean-Claude Juncker ist nicht bloß eine Kreatur der europäischen Staatskanzleien. Diesmal wurde der Präsident letztlich durch das europäische Wahlvolk gekürt. Merkel hat immer auf „Intergouvernementalität“ gesetzt – sprich: Die Regierungschefs der EU-Länder machen sich die wichtigen Dinge untereinander aus. Das wird so nicht mehr gehen.

Mit Premier Matteo Renzi hat Merkel einen kräftigen Gegenspieler in der EU bekommen. Der charismatische italienische Reform-Sozi versammelt eine größere Wählermehrheit hinter sich als jeder andere Regierungschef in Europa. Er führt eine Gruppe von Südländern an, die gegen Merkels rigiden Austeritätskurs Front macht und eine gezielte Wachstumspolitik fordert. Und in Deutschland haben Renzi und Co. einen Verbündeten in Merkels Koalitionspartner – der SPD.

Schließlich wird der Kanzlerin in Deutschland ihr bisheriges Quasi-Monopol auf die internationale Politik streitig gemacht: Der sozialdemokratische Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Bundespräsident Joachim Gauck fordern unisono eine aktivere und entschlossenere Welt- und Europapolitik – ein Schwenk, der so gar nicht nach Merkels Geschmack ist.

Es wäre aber nicht Angela Merkel, käme sie mit dieser veränderten Konstellation nicht zurecht. In den vergangenen Jahren hat sich ihre Politik ja nicht nur durch vorsichtigen Pragmatismus ausgezeichnet. Die deutsche Regierungschefin hat gleichzeitig bewiesen, dass sie überaus flexibel auf neue Situationen reagieren kann und erstaunlich lernfähig ist.

In diesem Sinn sei ihr herzlich zum Geburtstag gratuliert. Und man kann ihr und uns nur wünschen, dass sie ihre Fahrt nun durch ruhigeres Gewässer, bei weniger stürmischem Wetter als bisher fortsetzen kann.

georg.ostenhof@profil.at