Georg Hoffmann-Ostenhof: Die Ekel-Entente

Georg Hoffmann-Ostenhof: Die Ekel-Entente

Bei der Lösung der Syrien-Krise darf Moral nicht im Wege stehen.

Als Garri Kasparow im Fernsehen sah, wie sich Barack Obama und Wladimir Putin am Rande des G20-Treffens in der Türkei über ein Teetischchen beugten und eine gemeinsame Strategie gegen das IS-Kalifat berieten, setzte er sich hin und schrieb einen wütenden Artikel für das „Wall Street Journal“. Unter dem Titel „Dancing With Dictators Against Islamic State“ geißelte der Ex-Schachweltmeister und russische Putin-Gegner die geplante Nahost-Kooperation Washingtons mit Moskau als „wahnwitzig“. Wie überhaupt: Die Gespräche mit Vertretern der Nahost-Regime und globalen Großmächte – etwa jenes Treffen im Wiener Hotel Imperial, wo man versuchte, sich auf einen Fahrplan für die Pazifizierung Syriens zu verständigen – seien ein einziger Skandal: „Moralisch abstoßend und vollkommen unnötig.“

Was ist an Kasparows Kritik dran?

Zunächst kann man die Empörung des russischen Oppositionellen durchaus verstehen. Es sind ja wirklich überaus ungustiöse Regime, mit denen der Westen die Syrien-Krise politisch lösen und eine gemeinsame Front gegen den „Islamischen Staat“ schmieden will. Hier ein kleiner Überblick:

- Türkei: Bis vor wenigen Jahren galt das von Recep Tayyip Erdogan geführte Land geradezu als nachahmenswertes Modell einer erfolgreichen Demokratie in einem islamischen Land. Das war einmal. Inzwischen ist Erdogan zu einem machtgeilen Autokraten verkommen. Im Syrien-Konflikt hat der vehemente Assad-Feind lange die Grenzen zu Syrien für die Ein- und Ausreise von IS-Kämpfern offen gelassen. Die syrischen Kurden aber, jene Gruppe, die am effektivsten gegen den IS kämpft, lässt Erdogan von Zeit zu Zeit bombardieren.

- Russland: Auch Wladimir Putin wurde in den vergangenen Jahren im Inneren immer autoritärer. Die Krim-Annexion und die Intervention in der Ostukraine haben Russland zum internationalen Paria werden lassen. Putin unterstützt das Assad-Regime als „legitime Führung“ des Landes mit Geld und Waffen und verteidigt den Massenmord des Damaszener Regimes an der eigenen Bevölkerung. Als sich Moskau in diesem Herbst direkt militärisch in Syrien zu engagieren begann, waren zunächst vor allem vom Westen favorisierte Anti-Assad-Milizen Zielscheibe der russischen Luftangriffe. Erst die IS-Bombe, die eine russische Chartermaschine über der Sinai-Halbinsel zum Absturz brachte, ließ Putin erkennen: Das Kalifat ist der Hauptfeind.

- Iran: Die Teheraner Theokratie hat zwar nach langen Verhandlungen einem Atom-Deal zugestimmt. Die Hoffnung aber, damit würde auch im Inneren eine Öffnung beginnen, wurde vorerst enttäuscht. Wie Russland stehen die Mullahs fest zu Assad. Iranisch geführte Schiitenmilizen und die von Teheran gesponserten Hisbollah-Truppen unterstützen die immer schwächer werdende syrische Armee.

- Saudi-Arabien: Die Riader Öl-Monarchie ist weltweit eines der grauslichsten Regime. In ihrem Herrschaftsbereich wird nicht weniger geköpft als im IS-Kalifat. Zudem stand der Wahhabismus, die sektiererisch-puritanische Version des Islam, die in Saudi-Arabien Staatsdoktrin ist, an der ideologischen Wiege von Al-Kaida und des „Islamischen Staats“. Dieser findet in den weltweit von den Saudis gesponserten Moscheen und Schulen ein breites Rekrutierungsfeld. Außerdem finanzierte sich der IS zumindest in seiner Anfangszeit aus saudischen Quellen.

- Damaskus: Ohne die blutige Niederschlagung der friedlichen Protestbewegung des Jahres 2011 durch Assad hätte der Aufstieg des IS nie stattgefunden. Und – das muss auch gesagt werden: Im syrischen Bürgerkrieg, der nun bereits im vierten Jahr tobt, sind vom Regime bisher weit mehr Menschen umgebracht worden als vom IS.

Und mit all diesen Ländern und Regierungen – ja, auch mit Damaskus! – sollen Koalitionen und Kooperationen zur Lösung der Syrienkrise und zum Kampf gegen den „Islamischen Staat“ eingegangen werden?

Das werden gewiss „unmoralische“ Allianzen. Notwendig erscheinen sie dennoch. So ist es nun mal in der Außenpolitik. Zuweilen geht es nicht anders, als mit den widerlichsten Regierungen und den abstoßenden Bösewichten zu kooperieren. Stalin etwa hatte bereits Millionen um die Ecke bringen lassen und weitere Millionen schmachteten im Gulag, als sich die Westmächte mit dem sowjetischen Tyrannen verbündeten, um das Nazi-Regime in die Knie zu zwingen. Da soll natürlich der „Kalif“ nicht mit Hitler verglichen werden. Aber die Sowjetherrschaft damals war wohl nicht weniger infam als die oben genannten Regierungen.

Natürlich könnten, wie Kasparov meint, die USA und die NATO mit Bodentruppen den IS locker besiegen – auch ohne Hilfe Russlands, des Irans und der anderen. Das weiß auch Barack Obama. Aber er stellte in einer Pressekonferenz die zentrale Frage: „Was dann?“ Die westlichen Truppen müssten in der Folge dort – siehe Irak und Afghanistan – Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zwecks Stabilisierung und Wiederaufbau bleiben. Sie wären so direkte „Hilfskräfte bei der Rekrutierung neuer Generationen von Terroristen, die sich zum Dschihad gegen die imperialistischen Ungläubigen drängen“. Ohne Einbeziehung der Länder der Region und der Großmächte ist die Syrien-Krise nicht zu lösen. Und das wird bei so divergierenden Interessen schwierig genug werden. (Wie dies vor sich gehen könnte wird in einer meiner nächsten Kolumnen behandelt.)

So bitter es sein mag: Die Diktatoren müssen zum Tanz gebeten werden.

georg.ostenhof@profil.at