<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Keine Angst vor den Moslems!

Die Terrorismuswelle ist im Abebben begriffen. Die antiislamische Hysterie blüht aber.

Hätte Bin Laden, wie Christian Rainer meint, tatsächlich eine Mehrheit der Moslems auf der Welt hinter sich, würden diese gefragt? Hätte er Recht, könnte man wirklich Angst vor dem Islam und den Anhängern Allahs bekommen. Gott sei Dank irrt Rainer.

Moslems werden ja befragt: etwa vom amerikanischen Pew Research Center, einem renommierten Forschungsinstitut, das seit Jahren regelmäßig die Einstellungen der Leute in der islamischen Welt erhebt. Die letzte Umfrage in neun Staaten mit moslemischer Bevölkerung vom Herbst des Vorjahres ergibt, dass – in den Ländern unterschiedlich – aber im Durchschnitt etwa ein Viertel „Vertrauen zu Bin Laden“ hat. Solche demos­kopischen Ergebnisse muss man natürlich immer mit Vorsicht genießen. Wichtiger als der aktuelle Prozentsatz ist aber der Vergleich mit früher. Und da zeigt sich, dass 2003 tatsächlich Mehrheiten in der islamischen Welt Sympathien für den Oberterroristen in den afghanisch-pakistanischen Bergen hegten. Der wurde teilweise verehrt wie ein Popstar. Dessen Attraktivität ist aber laufend und drastisch zurückgegangen.

Nicht nur in den Umfragen. Der britisch-amerikanische Publizist Fareed Zakaria wies erst kürzlich darauf hin, dass in der Hälfte der moslemischen Welt, dort, wo gewählt wird, radikale islamistische Parteien durchwegs miserabel abschneiden. Selbst in Pakistan, das ein ernsthaftes Terrorproblem hat, bringen die Dschihadisten bei Wahlen keinen Fuß auf den Boden.

Die Terroristen der Al Kaida sind zudem auch real schwer geschwächt. Die seit dem 11. September 2001 immer wieder angekündigten großen Schläge gegen den amerikanischen Erzfeind sind ausgeblieben. Bin Ladens Truppe soll auf einige wenige hundert Mann zusammengeschrumpft sein. Lokale Gruppen, die sich auf den alten Bösewicht in den Bergen berufen, haben in vergangenen Jahren Operationen gegen logistisch einfache Ziele, Nachtclubs, Züge, Hotels, unternommen – etwa in London, Madrid, Bali und Amman. Objekte mit militärischer oder politischer Symbolik wurden aber nicht attackiert. Die vielen zivilen Toten bei diesen Attentaten haben sicher auch zum Absturz von Al Kaida und Co in der Gunst der moslemischen Massen beigetragen.

Natürlich kann keine Entwarnung gegeben werden. Aber die terroristische Welle, die 2001 ihren Höhepunkt hatte, ist seit einigen Jahren wieder im Abebben begriffen. Sagen wir es ein wenig frivol: Islamismus ist einfach nicht mehr à la mode.

Umso paradoxer, dass gerade jetzt die Angst vor dem islamistischen Extremismus ihre Hochblüte erlebt und die Idee, der Islam an sich sei eine besonders gefährliche Religion, salonfähig wird.

Nehmen wir das Beispiel des geplanten islamischen Kulturzentrums in New York. Da will ein besonders liberaler Imam, der sich für den Dialog der Religionen einsetzt und sich dezidiert vornimmt, den Extremismus zu bekämpfen, zwei Blocks vom Ground Zero entfernt eine Stätte der Begegnung errichten. Was vor Kurzem noch in den religiös so bewunderungswürdig toleranten und pluralistischen USA als Selbstverständlichkeit akzeptiert worden wäre, wird plötzlich als Provokation der Opfer des 11. September empfunden. Das Kulturzentrum wird als potenzielle Brutstätte des Terrorismus denunziert. Und die sonst so aufgeklärten New Yorker sind inzwischen in ihrer großen Mehrheit gegen die „Moschee“ – so als ob sie der von H. C. Strache aufgeganselte Brigittenauer Mob wären.

In den USA ist die aufkommende Islamophobie besonders unverständlich: Die Moslems sind die am besten integrierte religiöse Minderheit im Land. Sie haben einen größeren Prozentsatz an College-Absolventen als der nationale Durchschnitt, höhere Beschäftigungsraten und arbeiten mehr als andere in höheren Berufen.

Es ist verrückt: In fast allen europäischen Ländern dürfte es inzwischen Mehrheiten geben, die für das Bauverbot von Moscheen mit Minaretten eintreten. Und dem höchst unerfreulichen, aber total marginalen Phänomen, dass vereinzelt Frauen aus arabischen Ländern voll verschleiert sind, begegnen immer mehr europäische Parlamente mit meist einstimmig beschlossenen Gesetzen, die das Burka-Tragen strafbar machen. Da mag es noch so klug feministisch verteidigt werden – das Verschleierungsverbot ist Teil jener antiislamischen Hysterie, von der die westliche Welt erfasst ist.
Nun wird oft sorgenvoll eingewendet: Sind nicht letzten Endes Islam und Demokratie einfach unvereinbar? Da gibt es nur eine Antwort: Unsinn.
Es mag ja sein, dass sich der Islam im Unterschied zum Christentum – das sich in seinen heiligen Schriften auch nicht demokratischer erweist als die Lehre Mohammeds – mit der Moderne noch nicht so recht arrangiert hat. Da ist noch viel zu tun. Vor allem in den arabischen Ländern. Aber sonst? Das größte islamische Land, Indonesien, ist eine funktionierende und florierende Demokratie. Pakistan, Bangladesch und Indien (mit 120 Millionen Moslems) können nicht nur auf lange demokratische Erfahrungen zurückblicken, sie hatten auch bereits gewählte weibliche Staatsoberhäupter, lange bevor die meisten westlichen Länder solch ein „Experiment“ wagten. Und die Türkei trennt – trotz eines Regierungschefs mit islamischem Background – viel strikter zwischen Religion und Politik als die meisten europäischen Staaten, ist Mitglied bei der NATO und funktioniert trotz aller Probleme als liberale Demokratie.

Im Übrigen gilt das „türkische Modell“ heute in weiten Kreisen der islamischen Welt als höchst attraktive Alternative zu den herrschenden Regimen. Und es ist Recep Erdogan, der Premier dieses sekulären islamischen und demokratischen Staates, der heute in der arabischen Straße als absoluter Superhero verehrt wird. Und nicht Bin Laden.

georg.ostenhof@profil.at