<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Lang lebe Dubai!

Warum uns das Schicksal der Luxus-Emirate am Herzen liegen sollte.

Noch in den frühen achtziger Jahren konnte ich in den Häfen am Golf die traditionellen Daus bewundern, jene Segelboote, die Jahrhunderte hindurch über den Indischen Ozean glitten. In den Souks der Emirate, in Katar, Bahrain und den anderen Scheichtümern am Persischen Golf, konnte man bereits Transistorradios made in Hongkong erstehen, aber mir wurden von den Händlern auch Weihrauch und Myrrhe angeboten. Schon begannen einzelne Hochhäuser in die Höhe zu schießen, mit einiger Fantasie konnte man sich trotzdem vorstellen, dass die Heiligen Drei Könige um die Ecke kommen würden. Die Scheichs selbst waren noch in ihrer Jugend als Beduinen mit Kamelen durch die Wüste gezogen oder hatten vor der Küste nach Perlen getaucht. Und im gerade errichteten Historischen Museum Katars wurden archaische Werkzeuge aus der Region präsentiert, die ich dann, aus der Ausstellung kommend, im katarischen Alltag nach wie vor in Gebrauch sah.

Wo damals noch verschlafene Fischerdörfer waren, stehen inzwischen supermoderne Zentren der internationalen Finanzwelt. Luft- und Seeverkehrsdrehscheiben verbinden den Westen mit Asien. Touristenziele locken reiche Urlauber an. Der Golf wurde zur größten Baustelle der Welt. Das Emirat Dubai stand an der Spitze dieser spektakulären Entwicklung. Unter all den Luxusmonarchien war die Scheichfamilie der Al Mahtoum die ambitionierteste. Wo früher Wüste gewesen war, wuchsen grüne Parks. Wo keine Strände existierten, schüttete man Inseln vor der Küste auf – in Form einer Palme, einer Weltkarte.

Der Herrscher von Dubai wollte hoch hinaus: Er ließ Hotels wie den Taj-Mahal-Verschnitt Atlantis an den Strand stellen und plante den höchsten Turm der Welt. Ein Kilometer Stahlbeton bis zur Spitze war ursprünglich geplant. Als Dubais Wahrzeichen gilt das in grüne und violette Lichtkaskaden getauchte „Burj Al Arab“-Hotel – ein Siebensternehaus in Form eines Schiffs mit geblähtem Segel.

Plötzlich ist Dubai pleite.
Es stellt sich heraus: Das Geld, mit dem dieses „Übermorgenland“, wie sich Dubai gerne nennt, gebaut wurde, war geborgt. Nun kann es nicht zurückgezahlt werden. Kein Segel bläht sich mehr. Dubai, das neue Atlantis, droht zu versinken. Bilder drängen sich auf, die man schon seit Beginn des rasanten Aufstiegs der Golf-Scheichtümer vor Augen hatte. Man ahnte, dass der Reichtum – um ein oft strapaziertes Klischee zu bemühen – auf Sand gebaut war, keine echten Wurzeln geschlagen hatte und dazu verdammt war unterzugehen. Welcher Reisende kennt nicht die vielen Ruinen ehemals blühender und boomender Städte, die der Natur entrissen waren und von dieser zurückgeholt wurden? Legion sind nun die Karikaturisten, die zeichnen, wie die umgestürzten Wolkenkratzer und Luxushotels wieder vom Sand zugeweht werden und über die künstlichen Inseln die Wellen des Ozeans schwappen.
Aber ist das wirklich das unausweichliche Schicksal Dubais? Und droht eine ähnliche Zukunft auch den anderen Ölmonarchien am Golf?

Zunächst sei vor Überheblichkeit der westlichen Welt gewarnt. Auch heimliche Schadenfreude ist unangebracht. Was hat denn zum ökonomischen Absturz in Dubai geführt? Der dortige Boom wurde von rasant steigenden Immobilienpreisen genährt, angeheizt durch billiges Geld und niedrige Zinsen. Dann fielen die Immobilienpreise, die Blase platzte. Kommt einem das nicht sehr bekannt vor? Um ein Jahr verspätet gerät die Dubai-Ökonomie in die gleiche Bredouille wie die US-Wirtschaft.
Man möge sich auch zurückhalten mit Spott über die Großmannssucht der Scheichs, über den schlechten Geschmack, mit dem die Neureichen am Golf glauben, die Altreichen im Westen beeindrucken und übertrumpfen zu können. Auch in den entwickelten Industrienationen war in den vergangenen Jahren des Booms die schamlose Parvenü-Kultur der Millionen-Boni-Bezieher mit ihren Privatjets und Yachten zur Leitkultur geworden.
Und wenn man sich zu Recht darüber empört, dass in fast allen Scheichtümern der Region die große Mehrheit der (fast ausnahmslos ausländischen) Arbeitnehmer unter erbärmlichen Bedingungen und für wenig Geld werkt, die einheimischen Eliten aber in Saus und Braus leben, dann sei doch auch gesagt: In unseren Breiten ist zwar die Ausbeutung in keiner Weise mit jener auf der arabischen Halbinsel zu vergleichen, aber auch im Westen profitierten die Reichen im Übermaß vom Aufschwung der Wirtschaft, während der Lebensstandard der unteren und mittleren Schichten im besten Fall stagnierte. Was sich jetzt am Golf abspielt, ist bloß die Karikatur dessen, was bei uns der Fall ist.

Wie es in Dubai weitergeht, weiß niemand. Untergangsfantasien dürften freilich verfrüht sein. Verglichen mit der Lehman-Pleite und den Folgen, ist die Insolvenz von Dubai World mit seinen 60 Milliarden Euro Schulden ein Klacks. Und die Emirate haben so viel Geld auf der hohen Kante, dass es ein Wunder wäre, wenn die jetzigen ökonomischen Schwierigkeiten Dubais den Beginn des Niedergangs der Emirate oder gar der ganzen Region bedeuteten.

Letztlich muss man den ölreichen Staaten am Golf Glück wünschen. Denn trotz aller Verrücktheiten sind sie schon heute das Einfallstor der Moderne für Gesamt-Arabien. Man stelle sich vor, es würde die Lehre aus der Dubai-Krise gezogen und ab nun weniger in segelförmige Hotels, in falsche Inseln und obszönen Luxus und mehr in Sinnvolles, Nachhaltiges und Zukunftsträchtiges – allem voran in die Bildung der ­Jugend – investiert: Die Region könnte zum Motor der ­arabischen Welt auf ihrem Weg aus der Unterentwicklung hinaus werden.

georg.ostenhof@profil.at