<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Nahöstliches ­Vietnam

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Nahöstliches ­Vietnam

Wird der 44. Präsident der Vereinigten Staaten als Versager oder als großer Staatsmann in die Geschichtsbücher eingehen?

Vier Billionen Dollar und über 4500 tote amerikanische Soldaten hat das Irak-Engagement die USA seit der Invasion 2003 gekostet. Viele weitere Milliarden Dollar flossen in die Ausbildung und Bewaffnung der irakischen Armee. Und dann das: Ein paar tausend Kämpfer der ISIS, einer besonderen radikalen Abspaltung der Al Kaida, marschieren vorwärts. Kopflos flüchten die Soldaten, die bestens ausgerüstete irakische Armee löst sich faktisch auf. Die sunnitischen Terror-Milizen erobern die nordirakische Metropole Mossul und kreisen die Hauptstadt Bagdad ein. „The End of Iraq“ titelt das Wochenmagazin „Time“. Raimund Löw stellt in der Wiener Stadtzeitung „Falter“ fest: „Für die USA ist der Fall von Mossul das größte Desaster seit der Eroberung von Saigon durch den Vietcong.“

Und wer verantwortet dieses Desaster?

In diesen Tagen entscheidet sich nicht nur, ob der Nahe Osten am Beginn eines lange wütenden Religionskrieges steht, der die ganze Region in ein blutiges Chaos stürzt und die Landkarte mit ihren Grenzziehungen explodieren lässt – oder der schiitisch-sunnitische Bruderkrieg doch noch eingedämmt und entschärft werden kann. Es wird auch die Frage beantwortet, welche Rolle Barack Obama, dem 44. US-Präsidenten, die Geschichtsbücher zuweisen werden: die des Versagers, der dem Niedergang der USA vorstand und diesen beschleunigte, oder die eines der großen Präsidenten in der Nachfolge von Lincoln, Roosevelt und Kennedy. Wird dereinst vor der präsidentiellen Zahl 44 ein Plus oder ein Minus stehen?

Im Moment schaut es eher nach einem Minus aus. Auch vor der aktuellen Irak-Katastrophe waren seine Popularitätswerte im Keller. Den enttäuschten Linken erscheint der zum Pragmatiker mutierte einstige Hoffnungsträger als Klon seines Vorgängers George W. Bush. Und die Rechten sehen den amtierenden Oberbefehlshaber als Weichling, der mutwillig den Supermachtstatus der USA untergräbt.

Sie kritisieren, dass Obama nicht bereit ist, die überwältigende militärische Stärke der USA in ihrer internationalen Politik einzusetzen. Er hätte dem Mullah-Regime in Teheran militärisch die Lust auf die Bombe austreiben, in Libyen ganze Sache machen, in Syrien zuschlagen, und auch in der Ukraine-Krise robuster auftreten müssen. Und, dass er vor drei Jahren endgültig die US-Truppen aus dem Irak zurückholte, sei Schuld am jetzigen Fiasko.

Ein bisschen spooky, wenn sich just jene Neokons als große Obama-Kritiker aufspielen – allen voran der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney –, die für den Irak-Krieg verantwortlich waren. Dieser wurde nicht zuletzt unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen, begonnen. Aber erst die amerikanische Intervention brachte die islamistischen Mordgruppen an die Gestade von Euphrat und Tigris. Und die Besatzungspolitik, die Armee und die staatlichen Strukturen des Baath-Regimes völlig aufzulösen, machte aus dem Irak erst jenen failed state, in dem sich die ISIS nun als Sieger fühlen kann.

Auf den ersten Blick erscheint freilich der Vorwurf, dass der US-Abzug 2011 die jetzige Misere verursacht habe, als nicht ganz unberechtigt. Man könnte aber fragen: Wenn es der amerikanischen Präsenz in acht Jahren nicht gelungen ist, den Irak auch nur halbwegs politisch und militärisch zu konsolidieren, wieso wären dann zwei oder drei weitere Jahre der Schlüssel zum Erfolg gewesen?

Gewiss kann die Regierung Obama vorerst wenig außenpolitische Erfolge verzeichnen. Aber man muss sich nur vorstellen, wie die Welt aussehen würde, hätten die Falken die amerikanische Außenpolitik der letzten Jahre bestimmt: Die USA hätte den Iran bombardiert, eine Eskalation zu einem veritablen Krieg mit den Persern wäre wohl nicht zu verhindern gewesen. Und andere militärische Aktionen hätten die Vereinigten Staaten unweigerlich in den immer virulenter werdenden Kampf zwischen Schiiten und Sunniten hineingezogen.

Da scheint die vorsichtige Politik Obamas, die er unter das Motto „nur weil wir einen größeren Hammer haben, ist nicht jedes Problem ein Nagel“ stellt, eher der weltpolitischen Lage angemessen – eine Politik, die mehr auf Diplomatie und weniger auf Militär setzt und in jedem Fall multilaterales Handeln amerikanischen Alleingängen vorzieht. Und die gerechtfertigte linke Kritik an den moralisch wie völkerrechtlich fragwürdigen amerikanischen Drohnenangriffen relativiert sich, wenn man sich alternative Methoden der Terrorbekämpfung vor Augen führt: Die produzieren mit Sicherheit mehr Tote und richten größeren politischen Schaden an.

Obama hat nun die Rückkehr von US-Bodentruppen in den Irak ausgeschlossen, 300 sogenannte „Militärberater“ werden geschickt, um Bagdad beim Kampf gegen die ISIS zu helfen. Sonst drängt aber Washington auf eine neue irakische Regierung, welche die Interessen aller religiösen und ethnischen Gruppen des Landes berücksichtigt, und der US-Präsident will die Nachbarstaaten zusammenbringen, die trotz aller Divergenzen kein Interesse an einem total destabilisierten Irak haben können.

Wenn Obama das nur halbwegs gelingt, ja, wenn dabei die seit Langem bestehende tiefsitzende Feindschaft zwischen den USA und Persien überwunden wird, dann sollte nicht ausgeschlossen werden, dass der 44. Bewohner des Weißen Hauses sich doch noch zu den guten Präsidenten der amerikanischen Geschichte hinzugesellt .

georg.ostenhof@profil.at