Georg Hoffmann-Ostenhof: Nur kein Ehekrach

Georg Hoffmann-Ostenhof: Nur kein Ehekrach

Es gibt viele Gründe, die Homo-Ehe einzuführen. Österreich will keinen davon hören.

Es ist nur mehr eine Frage der Zeit. Die Homo-Ehe wird auch in Österreich kommen. Das ist seit der jüngsten Abstimmung in Irland nicht mehr aufzuhalten. Wenn sogar auf der erzkatholischen grünen Insel den Schwulen und Lesben die Institution Ehe geöffnet wird, dann kann es bei uns auch nicht mehr lang dauern.

Warum machen wir es – zwecks Beschleunigung – nicht den Iren nach und rufen das Volk dazu auf, qua Referendum zu entscheiden? Für dieses Vorgehen ist niemand. Auch die Grünen, die sonst mit direkter Demokratie schnell bei der Hand sind, winken ab: Es gehe doch nicht an, dass die Mehrheit über die Rechte einer Minderheit abstimmt. Da ist etwas dran. Zwar kann man angesichts der Meinungsumfragen im Land sicher sein, dass das Plebiszit positiv ausginge. Grundsätzliche Demokratie-Überlegungen sprechen dann doch eher gegen ein Plebiszit. Schade. Denn dann wäre man gezwungen, etwas zu tun, was die politische Klasse partout vermeiden will: sich offen mit dieser Frage auseinandersetzen.


So wird bei uns die Öffnung der Ehe für Gleichgeschlechtliche wohl ohne begleitende Bewusstseinsbildung vor sich gehen

Nur in einer breiten Debatte, im Austausch von Pro- und Kontra-Argumenten, würde erst klar werden, worum es bei der Einführung der Homo-Ehe geht; dann würde erst begriffen werden, dass dieser Schritt nicht nur für die Schwulen- und Lesben-Community, sondern für die Gesellschaft insgesamt bedeutsam ist.

So wird bei uns die Öffnung der Ehe für Gleichgeschlechtliche wohl ohne begleitende Bewusstseinsbildung vor sich gehen: Vielleicht wird der konservative Widerstand resignieren und angesichts des Conchita- und LifeBall-Zeitgeists, ohne viel zu begründen, aufgeben. Gut möglich, dass der Gesetzgeber – wie in anderen Schwulen-Fragen – einfach vom Verfassungsgericht gezwungen wird.

Als Ausdruck einer bewussten Entscheidung der österreichischen Gesellschaft dürfte die Homo-Ehe nicht kommen. Im Unterschied zu anderen Ländern.
Nehmen wir die USA: „Wir, das Volk, erklären heute, dass die selbstverständlichste aller Wahrheiten die ist, dass wir alle gleich geschaffen sind. Das ist der Stern, der uns noch immer leitet, so wie er unsere Vorfahren durch Seneca Falls, Selma und Stonewall leitete.“ Das ist eine Passage aus der zweiten Angelobungsrede Barack Obamas, die er im Jänner 2013 hielt.

Zum Verständnis: In der New Yorker Kleinstadt Seneca Falls trafen einander 1848 Anti-Sklaverei-Aktivistinnen und verfassten eine Deklaration, welche die Gleichberechtigung der Frau proklamierte. Von Selma, einem Ort in Alabama, marschierten 1965 Tausende Menschen nach Montgomery, der Hauptstadt dieses Südstaates, um gegen die Ermordung eines Bürgerrechtlers durch die Polizei zu demonstrieren und die Durchsetzung des Wahlrechtes für Schwarze zu erzwingen. Und Stonewall ist der Name einer New Yorker Schwulenbar, in der sich im Jahre 1969 die Besucher bei einer Polizei-Razzia der Festnahme widersetzten. In der Folge kam es zu einem tagelangen Aufstand.

Obama nennt also den Kampf der Schwulen und Lesben gegen Diskriminierung in einem Atemzug mit der Frauenbewegung und dem Civil Rights Movement. Und er macht klar: „Wir haben auf unserer Reise zur Gleichheit das Ziel noch nicht erreicht, solange unsere homosexuellen Brüder und Schwestern nicht behandelt werden wie alle anderen auch.“

Stellt der US-Präsident die Homo-Ehe als Endpunkt einer großen Erzählung über das Ringen der Nation um Gleichheit dar, so bemühte die französische Justizministerin Christiane Taubira ein anderes nationales Narrativ.


Bei uns aber wird die Frage Homo-Ehe nicht wirklich diskutiert

Als sie, ebenfalls im Jänner 2013, ihren Gesetzesentwurf „Ehe für Alle“ der Nationalversammlung in Paris präsentierte, geriet ihr die Rede zur Geschichtslektion: Sie schilderte den steinigen Weg der Säkularisierung der Ehe, der mit der Revolution 1789 seinen Anfang nahm. Es bedurfte schwerer Kämpfe gegen den Machtanspruch der Kirche, um von einem von Gott gestifteten Sakrament zu einem zivilen Vertrag zwischen freien Individuen und von der Unauflöslichkeit zum Recht auf Scheidung zu kommen.

Taubira erinnerte daran, dass in vergangener Zeit nicht nur Priestern und Schwulen die Ehe verwehrt wurde: Geschiedene durften sich nicht wieder verheiraten. Komödianten galten für den heiligen Bund als zu liederlich. Und noch bis ins 20. Jahrhundert mussten Lehrerinnen auch bei uns ledig bleiben. Von den Bauern, denen der Gutsherr Ehelosigkeit vorschreiben konnte, ganz zu schweigen.
Für die französische Ministerin ist die Aufhebung des Heiratsverbots für Homosexuelle die Vollendung der Säkularisierung der Ehe: So werde diese von einer exklusiven zu einer wirklich universellen Institution.

Eine gänzlich andere Begründung, warum er will, dass Homosexuelle einander ihr Ja-Wort geben können, gab der britische Premier David Cameron: Nicht obwohl, sondern weil er konservativ ist, sei er dafür: „Eine Gemeinschaft ist stärker, in der Menschen stabile Beziehungen unterhalten und in der sie das bindende Versprechen abgeben, einander zu lieben und einander wertzuschätzen.“

Bei uns aber wird die Frage Homo-Ehe nicht wirklich diskutiert. Wobei unser Narrativ am ehesten dem französischen entspräche – mit Joseph II. statt einer Revolution im ersten Kapitel der Erzählung.

Dass die Säkularisierung Österreichs nicht abgeschlossen ist und dass die Kirche ihren Anspruch nicht aufgegeben hat, zu bestimmen, was Ehe und Familie zu sein haben, ist evident. Den offenen Konflikt mit der Sancta Ecclesia scheut man aber wie der Teufel das Weihwasser.

georg.ostenhof@profil.at