<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Papst am Küniglberg

Im ORF werden Religion und Wissenschaft fusioniert – und kaum jemanden regt das auf.

Die jüngsten Personalentscheidungen im ORF ließen mich an die berühmte, aufsehenerregende Regensburger Rede des Papsts von vor vier Jahren denken.

Erinnern wir uns. Da hatte Benedikt bekanntlich den Islam angegriffen. Die Moslems verehrten in Allah einen kriegerischen „Willkürgott“, führte er aus, der Allmächtige der Christen agiere aber als Vernunftwesen. Die einstige Einheit von Ratio und Glauben sei freilich, so klagte der Heilige Vater, in der europäisch-christlichen Geschichte aufgebrochen worden. Nach Jahrhunderten der Säkularisierung zur Privatsache degradiert, könne Gott nicht mehr gemeinschaftsstiftend wirken. Die Religion und das Göttliche seien aus dem Bereich der Wissenschaft verstoßen. Rationalität ohne Glauben sei jedoch verkürzt, kalt und biete keine Orientierung. Die Einheit von Glauben und Wissenschaft müsse wiederhergestellt werden, forderte das katholische Kirchenoberhaupt.

Am Küniglberg hat man sich nun offenbar die Benedikt-Worte zu Herzen genommen. Was getrennt war, wird nun zusammengeführt: Die Abteilungen Religion und Wissenschaft stehen von nun an unter gemeinsamer Führung. Leiter wird der studierte Theologe Gerhard Klein, der bisherige Chef der ORF-Religion – ehemals Religionslehrer und Assistent in der Erzdiözese Wien. Seltsam, sehr seltsam.

Um nicht missverstanden zu werden. Nichts gegen Herrn Klein. Er hat den Ruf, ein exzellenter Manager zu sein. Unter seiner Leitung sind die Religionssendungen meist interessant, gut gemacht, zuweilen fortschrittlich. Auch Kirchenkritisches kommt vor. Und wie man hört, wurde die Entscheidung, Herrn Klein auch die Wissenschaft übernehmen zu lassen, rein pragmatisch getroffen. Dennoch muss gefragt werden dürfen, ob seine Ausbildung und berufliche Laufbahn ihn zur Führung einer Wissenschaftsabteilung prädestinieren. Aber darum geht es gar nicht.

Die Geschichte der Säkularisierung kann man auch weniger melancholisch lesen, als dies der Papst tut. Außerhalb des Vatikans stellt sie sich eher als eine Geschichte der glücklichen Emanzipation dar. Lange Jahrhunderte war die Wissenschaft die „Magd der Theologie“, die Universitäten wurden von der Kirche geführt. Die moderne Wissenschaft konnte sich erst entfalten, als sie sich von der Religion und vom alles erstickenden Zugriff der Sancta Ecclesia befreit hatte. Dazu bedurfte es erbitterter und verlustreicher Kämpfe, von denen, um nur zwei zu nennen, Galileo Galilei und Giordano Bruno posthum ein Lied singen könnten.

Gewiss wird die ORF-Wissenschaft unter Gerhard Klein nicht in den Status der Magd der Theologie zurückgestoßen werden. Aber was, wenn Wissenschaft und Glaube in Konflikt geraten? So sehr in der modernen Welt sich Wissenschaft und Religion auch darauf eingestellt haben, in friedlicher Koexistenz zu leben – im Ernstfall sind diese beiden Sphären ein­ander spinnefeind. Ein großer Teil der christlichen Glaubenssätze wird von der Wissenschaft für blanken Unsinn gehalten – das muss auch einmal gesagt sein. Als Offenbarungsreligion wähnt sich das Christentum aber im Besitz absoluter Wahrheiten, die naturgemäß von der Wissenschaft, nimmt sie sich ernst, immer wieder relativiert und infrage gestellt werden müssen. Das bedroht wiederum die Kirche.

Das erzbischöfliche Palais wird auch fürderhin nicht direkt bestimmen können, was und wie vom Küniglberg gesendet wird. Da kann man den Versicherungen des Herrn Klein durchaus Glauben schenken. Aber indirekt hat natürlich bisher schon die Kirche in Österreich einen nicht zu unterschätzenden, subtilen Einfluss auf die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Beispielsweise ist bei aktuellen Themen, die existenzielle Fragen aufwerfen, wie Stammzellenforschung, Gentechnologie, sofort und als Erster immer der unvermeidliche Theologe oder Priester zur Stelle, der dem Publikum erklärt, was im Sinne der Schöpfung ist und was nicht – als ob die Religion ein Monopol auf Ethik hätte. Die längste Zeit, bis zur Wiedereinführung des „Club 2“, gab es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur einen Platz, an dem interessante Denker über interessante Themen diskutieren konnten: die Religionssendungen. Grotesk. Und so sehr man die Arbeit der Journalisten bei „Kreuz und Quer“ auch schätzen mag – ein Apriori ist da immer vorhanden. Die implizite Botschaft bleibt die gleiche: Glauben ist etwas Gutes. Er schafft Orientierung. Die um sich greifende Gottlosigkeit aber muss bedauert werden.

Und nun diese Umstrukturierung im ORF, die von außen wie die Übernahme der Wissenschaft durch die Religion erscheinen muss. Was für ein Signal! Was für eine Optik! Das hat fast satirische Qualität. Das Beunruhigende ist dabei weniger das Faktum selbst – vielleicht wird durch Gerhard Klein die bislang sträflich vernachlässigte Wissenschaftsberichterstattung des ORF sogar besser. Was wirklich zu denken geben muss, ist das fast völlige Ausbleiben von Reaktionen. Einige wenige Wissenschafter haben die Stirn gerunzelt. Einer zeigt sich entrüstet. Kritik von politischer Seite oder in den Medien? Keine. Und in Gesprächen mit Verantwortlichen im ORF bekommt man den Eindruck, dass die nicht einmal verstehen, warum jemand überhaupt Anstoß an ihrer Entscheidung nehmen könnte.

Man stelle sich vor, es trudelt die Meldung ein, im türkischen staatlichen Rundfunk werden die Abteilungen Wissenschaft und Religion unter der Leitung eines Islamgelehrten fusioniert. Wie würde hierzulande doch über den gefährlichen Vormarsch des Islamismus am Bosporus gezetert.

georg.ostenhof@profil.at