<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Rauchen, Nazis und der Papst

Manchmal muss man seine Meinung überdenken – drei aktuelle Beispiele.

Zuweilen gilt es, innezuhalten und zurückzublicken. Und sich zu fragen: Wo habe ich meine Meinung geändert, wo habe ich mich in der Vergangenheit geirrt? Das ziemt sich besonders für einen Kolumnisten, der seit Jahr und Tag die Leserschaft mit Einschätzungen und Werturteilen bedient. Aus gegebenem Anlass seien hier drei Haltungsänderungen vermeldet:

Kürzlich fragte ein Fernsehsender an, ob ich an einem Streitgespräch zum Rauchverbot teilnehmen würde – ich sei ja als streitbarer Freund des Tabakgenusses bekannt. Ich musste leider absagen. Tatsächlich gab es eine Zeit, da ich laufend in Diskussionen auftrat, um gegen die immer stärkeren Einschränkungen des Rauchens zu wettern. Ich beklagte die puritanisch-antiliberale Tendenz, die Kurs auf Nikotin-Prohibition nahm; ich pries das Rauchen, dessen lebens­verkürzende Wirkung unumstritten ist, dennoch als große Kulturtechnik, die Milliarden von Menschen Freude machte und macht, und als Droge, die historisch eng mit der Aufklärung und der Entstehung der Moderne verbunden war; ich machte mich lustig über die schmallippigen Antiraucher-Sektierer, die meinten, die Welt mit Gesetzen, Polizei und Richtern nikotinfrei machen zu müssen. Und ich provozierte – auch nachdem ich bereits das Paffen aufgegeben hatte –, wenn ich behauptete, dass Raucher letztlich die interessanteren Menschen seien.

Natürlich wusste ich schon damals, dass es ein Fortschritt wäre, griffen weniger Leute zur Zigarette. Aber, so fragte ich, muss der Fortschritt so widerlich autoritär und hysterisch daherkommen? Offenbar ist das so, lautet heute meine resignative Erkenntnis. Verlorene Kämpfe zu kämpfen wirkt ­zudem lächerlich. Und das Faktum, dass Österreich, was Rauchverbote betrifft, Schlusslicht in Europa ist, dürfte letztlich weniger vernünftiger Liberalität und lustvoller Lebensfreude geschuldet sein als vielmehr der generellen Rückständigkeit unserer Gesellschaft. Leider.

Die Forderung der Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz nach Beseitigung des Verbotsgesetzes hat einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Die Öffentlichkeit erkannte richtigerweise: Es handelt sich dabei um den Versuch der FP-Politikerin, die von Gerichts wegen als „Kellernazi“ bezeichnet werden darf, sich und ihre Gesinnungsfreunde aus dem Untergrund der Ächtung heraus ans Licht der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz zu bringen. Die wurde ihr Gott sei Dank verweigert. Sie sah sich gezwungen zu dementierten, je die Abschaffung des Wiederbetätigungsverbots verlangt zu haben, und musste sich auf Aufforderung ihres Mentors Hans Dichand notariell bestätigen lassen, dass sie den Holocaust nicht leugnet. Das mag alles überaus skurril erscheinen.

Erfreulich ist das noch allemal. Bloß, was machen jetzt jene wenigen, die aus liberalen Gründen der Meinung sind, dass es 60 Jahre nach der Hitlerei keiner Sondergesetze – die sicher einst wichtig waren – bedarf und das normale Strafgesetz ausreicht, um Neonazi-Umtriebe in Schach zu halten; dass der Kampf gegen barbarisch-totalitäre Ideologien vornehmlich mit politischen und weniger mit polizeilichen Mitteln zu führen ist; dass die Demokratie stark genug ist, die paar Spinner auszuhalten, die mit der Leugnung der Judenvernichtung im Dritten Reich Politik machen wollen; dass die wirkliche Gefahr im Land nicht so sehr vom rechtsextremen Rand und direkten Nazi-Widergängern ausgeht, sondern von der Immunschwäche der Gesellschaft gegenüber dem Virus des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit – einem Virus, das selbst jene Kräfte in der politischen Mitte erfasst hat, welche heute jegliche Infragestellung der Verbotsgesetze schon als Todsünde verstehen?

Wir, die liberalen Gegner der Gesetze, die aus grundsätzlichen Erwägungen heraus argumentierten und nicht selten in die höchst unangenehme Situation gerieten, antifaschistische Prügel einstecken zu müssen und gleichzeitig von Rechtsradikalen zitiert zu werden, müssen bedauernd zur Kenntnis nehmen, was der Herausgeber der „Presse“, Michael Fleischhacker, in einem Leitartikel formulierte: „Der Konsens über den beunruhigend hohen Unreifegrad der demokratischen Öffentlichkeit dieses Landes ist so breit, dass an die Abschaffung des Verbotes nicht zu denken ist.“ Auf die Entwicklung zu einem wirklich liberalen Rechtsstaat, wie ihn etwa die Angelsachsen kennen, müssen wir hierzulande noch lange warten. Leider, leider.

Völlig geirrt habe ich mich aber in der Einschätzung des aktuellen Papstes. „Willkommen, Benedikt!“ betitelte ich einen freundlichen Kommentar zu dessen Amtsantritt vor fünf Jahren. In diesem wies ich zwar auf seine urkonservative Haltung in innerkirchlichen Dingen hin, zeichnete den Heiligen Vater aber sonst als positive Figur des Katholizismus. Er schien mir ein „brillanter, allseits gebildeter, geschichtsbewusster Mann des Dialogs“ zu sein – „Clash of civilizations ist seine Sache nicht“, formulierte ich. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass er nicht nur nicht dialogfähig ist. Benedikt gelang es, alle vor den Kopf zu stoßen: die Moslems mit seiner Regensburger Rede, die Juden mit der Wiederaufnahme eines holocaustleugnenden Bischofs in die Kirche, die Protestanten mit der Behauptung, sie seien eigentlich gar keine Kirche. Und nun wird offenbar, dass Joseph Ratzinger seit Langem schon das Zentrum des jetzt so beklagten vatikanischen Vertuschungssystems war, das den pädophilen Priestern immer wieder Schutz bot, und er – trotz all seiner Intelligenz und Bildung – die Tragweite des Missbrauchsskandals nicht zu erkennen vermag. Es sieht ganz so aus, als ob der bayrische Papst wirklich unfähig wäre. Leider, leider, leider.

georg.ostenhof@profil.at