<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Rettet die Griechen!

Es führt kein Weg daran vorbei: Europa muss den maroden Mittelmeerstaat auffangen – und zwar bald.

Hier sei einmal die Vernunft der Griechen gepriesen. Das mag in diesen Tagen als Originalitätshascherei erscheinen. Und doch ist es gerechtfertigt. Gewiss: Die nun aufgedeckte systematische Datenfälscherei, mit der die Hellenen ihre Drachme loswurden und sich in den Euro-Club geschummelt haben, ist schon provokant. Auch kann man verstehen, wenn die Menschen in den übrigen europäischen Ländern darüber erbost sind, dass die Milliarden, die bisher aus Brüssel nach Athen flossen, dort so obszön verschwendet wurden. Und es ist nachvollziehbar, dass man in der EU wenig Mitleid mit den Griechen in Not aufbringt: Tatsächlich sind 70 Prozent der Deutschen und Franzosen dagegen, das marode Mittelmeerland vor dem drohenden Staatsbankrott zu retten. Offenbar will der westeuropäische Bürger, der wie die Ameise in der Tierfabel von Äsop emsig schuftet, für die leichtfertige balkanische Grille die Zeche nicht zahlen. Das geradezu lustvolle Griechen-Bashing, das nun die westeuropäische Öffentlichkeit – allen voran die deutsche – betreibt, nimmt freilich zunehmend unappetitliche Züge an. Es ist vor allem ungerecht. Das zeigt sich nicht zuletzt am Verhalten der Griechen jetzt – inmitten der Krise. Das als so unfähig und verkommen beschimpfte Volk erweist sich in dieser Ausnahmesituation als erstaunlich reif.

Vergangenen Mittwoch wurde der Aufruf zum Generalstreik gegen die von der EU vorgeschriebene Radikalkur zur Sanierung der Athener Finanzen nur sehr schwach befolgt. Umfragen zeigen: Zwar finden drei Viertel der Griechen die auf sie zukommenden Belastungen als „ungerecht verteilt“, aber acht von zehn Befragten sprachen sich in dieser ernsten Lage gegen die Arbeitsniederlegung aus. Noch überraschender als die Mäßigung der Griechen ist aber die große Popularität, die Premier George Papandreou genießt.

Nicht nur hat er versprochen, die von Brüssel befohlene schmerzhafte Radikalkur – innerhalb von zwei Jahren das Haushaltsdefizit von 12,7 Prozent des BIP auf drei Prozent zu reduzieren – konsequent durchzuziehen. Gnadenlos betet er auch das griechische Sündenregister herunter: chronische Korruption in den Behörden und Staatsbetrieben, ein ineffizientes politisches System, das Vetternwirtschaft und Geldverschwendung fördert, und die Unfähigkeit des ­Staates, Steuern einzuheben.

„Kaka ta psemmata“ – Lügen sind schädlich: Diese griechische Redewendung nimmt Papandreou nun ernst. Offenbar verträgt die Bevölkerung die Wahrheit: 72 Prozent sprechen ihm das Vertrauen aus. Die Pasok, Papandreous Linkspartei, würde heute mehr Stimmen erhalten als im vergangenen Oktober, als sie an die Macht gewählt wurde. Und europafeindliche populistische Parteien von links und rechts, die in derartig verzweifelten Situationen normalerweise Hochkonjunktur haben, können im Land bisher von der Krise nicht profitieren, versichern die Meinungsforscher. Die Stabilität der Regierung ist nicht gefährdet. Das kann sich aber ändern. Was passiert, wenn, trotz aller ernsthaften Anstrengungen, Athen aus eigener Kraft den Staatsbankrott nicht abwenden kann?

Bisher hat Brüssel klargemacht: Rettungsaktionen wie bei großen Pleitebanken sind gegenüber Griechenland nicht möglich. Ein „Bail-out“ eines EU-Staates durch die anderen verbieten schon die europäischen Verträge; außerdem hätte dies, so wird argumentiert, fatale Beispielwirkung für andere Staaten wie Italien, Spanien, Portugal und Irland, die in einer ähnlich misslichen Lage sind. Um nicht die Spekulation anzuheizen, wurde diskret angedeutet, man werde, sollte es zum Äußersten kommen, die Hellenen nicht im Regen stehen lassen. Ein wenig zu diskret waren diese Versicherungen jedoch. Die Rating-Agenturen beginnen, Griechenlands Bonität weiter herabzustufen. An den Börsen wird fleißig à la baisse spekuliert. Und mit den griechischen Werten ist auch der Euro auf Talfahrt.

Seit vergangener Woche ist klar: Die Situation ist dramatischer als zuvor angenommen. Schon werden Horrorszenarien gezeichnet, in denen ein zahlungsunfähiges Land alle anderen mit sich reißt. Griechenland mag eine kleine Nation sein und dessen Volkswirtschaft im EU-Kontext marginale Bedeutung haben. Aber die Weltfinanz ist nach wie vor so instabil, dass ein kleiner Stoß sie in den Abgrund stürzen kann. Hatte nicht die Insolvenz der im Weltmaßstab kleinen Österreichischen Creditanstalt 1931 die große globale Depression ausgelöst?

Eile ist geboten. Wahrscheinlich muss die EU demnächst, wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen, doch mit ganz konkreten Finanzhilfen den Märkten signalisieren, dass man Athen nicht fallen lässt. Wolkige Versprechungen genügen nicht. Eine derartige Rettung der „unsoliden“ Griechen mag vielen „hart arbeitenden“ EU-Bürgern als ungerecht erscheinen. Aber empfindet man das staatliche Auffangen der großen Privatbanken, die Milliarden verzockt haben, nicht auch als überaus ungerecht? Und die Rettung der großen Finanzinstitute mit Steuergeldern war trotzdem notwendig.

Die EU muss Wege finden, wie sie, ohne ihre Verträge zu verletzen, Athen vor dem Ruin bewahrt. Dabei sollte dringend auf das gehört werden, worauf der Ökonomie-­Nobelpreisträger Joseph Stiglitz seit Wochen unermüdlich hinweist: Der von der EU angeordnete Sanierungskurs darf die breite Masse der Bevölkerung nicht zu sehr belasten. Denn eine drastisch reduzierte Kaufkraft würde die griechische Wirtschaft vollends abstürzen lassen – mit unabsehbaren Folgen für ganz Europa. Dann aber wäre es auch mit der so bewundernswerten Vernunft und Mäßigung der Griechen vorbei.

georg.ostenhof@profil.at