<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Revolution reloaded

Warum die aktuelle Oppositionsbewegung im Iran so frappant dem Aufstand von 1979 ähnelt.

Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.“ Dieses oft strapazierte Marx-Zitat aus „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ kommt einem in diesen Tagen unwillkürlich in den Sinn, wenn man die Ereignisse im Iran verfolgt.

Da erleben wir tatsächlich so etwas wie eine Wiederholung. Was sich in Teheran und den übrigen iranischen Städten abspielt, erinnert frappant an die Iranische Revolution vor 30 Jahren. Wie damals ergießen sich die Millionen-Massen seit einer Woche täglich in die Vali-ye Asr, jene lange Avenue, die sich vom armen Süden bis zum reichen Norden Teherans zieht, wie damals protestieren die Menschen mit einem beeindruckenden und würdigen Schweigen gegen ein Regime, das Sicherheitsleute mit Holzprügeln und Eisenstangen auf die unbewaffneten Demonstranten einprügeln lässt. Auch damals gab es Kundgebungen der Trauer um die von den Schergen des Regimes Getöteten.

Und wenn die Leute vor drei Jahrzehnten „Nieder mit dem Schah!“ riefen, so braucht man „Schah“ nur durch „Diktator“ ersetzen, und wir haben den Kampf-Slogan der heutigen Bewegung gegen den Wahlbetrug, der dem rabiat-autoritären Mahmud Ahmadinejad eine weitere Amtszeit bescheren soll. Grün, die Farbe der Opposition heute, war auch jene des islamischen Aufstands gegen die Schah-­Monarchie. „Allahu akbar“, die Koran-Beschwörung des großen Gottes, wird in diesen Sommertagen 2009 von den Teheraner Dächern ebenso hoffnungsvoll in den Nacht­himmel gerufen wie in den Revolutionstagen 1979.

Es scheint paradox: Die Rebellion gegen das Regime, das vor 30 Jahren durch die Revolution an die Macht kam, inszeniert sich scheinbar als Remake dieser Revolution. Und kürt sich sogar mit Mir Hussein Moussavi, dem Premier der islamischen Republik der achtziger Jahre, einen Spitzen-Revolutionär von 1979 zum Führer. Eine Farce?

Niemand weiß, wie das Match zwischen Volk und Regime ausgehen wird. Aber paradox ist diese „Wiederholung“ nur auf den ersten Blick. Bei näherer Betrachtung sind die Turbulenzen in Persien dann doch weniger ein Remake als ein Sequel: Die Revolution Teil II.

Die Umwälzung vor 30 Jahren hatte einen Doppelcharakter: Der charismatische Ayatollah Khomeini und seine Leute waren religiöse Reaktionäre. Sie führten das Volk mit Gott gegen die vom Schah aufs Brutalste importierte und implementierte Moderne in die Schlacht. Gleichzeitig aber kämpfte die Bevölkerung für Freiheit und Demokratie. Die Allianz, die den Schah stürzte, reichte so von den religiösen Fundis über moderate Moslems, bürgerliche Liberale bis hin zu den Linken aller Schattierungen. Es war eine veritable Volksrevolution. Sie wurde aber nicht lange nach ihrem Sieg von den autoritären islamischen Klerikern usurpiert. Die große Freiheit, die ein paar Monate im Land herrschte, fand bald ihr trauriges Ende. Die politisch Andersdenkenden landeten in den Kerkern oder auf den Hinrichtungsstätten.

Die Janusköpfigkeit von 1979 fand aber in der Verfassung der Islamischen Republik Iran ihren Niederschlag. Diese hat zwei Souveräne: Gott und das Volk. Das Konzept der Volkssouveränität, das sich vom unteilbaren Willen der iranischen Nation ableitet, ist im Artikel 1 der Verfassung festgeschrieben. Die Idee der göttlichen Souveränität wiederum bildet die Grundlage für die Doktrin der „Velayat i Faqih“, der Herrschaft der obersten islamischen Rechtsgelehrten. ­Daraus zieht der oberste geistliche Führer Ali Khamenei die Legitimität seiner großen Machtfülle.

Letzten Endes aber vertragen sich die beiden Souveräne nicht: Sie müssen immer wieder in Widerspruch geraten. Auch im Establishment der islamischen Republik, wo jetzt ein Machtkampf tobt. Die Theokratie hat nur vorübergehend über die Demokratie gesiegt. Nach dreißig Jahren fordert nun jene Seite der Revolution, die einst Freiheit versprach und von den Mullahs abgetrieben wurde, ihr Recht ein.

So betrachtet ist es gar nicht paradox, dass die aktuelle ­Revolte im Gewand von 1979 daherkommt und Revo­lutionäre von damals, wie Moussavi, auch heute wieder an vorderster Front stehen. Dass jetzt aber die Forderungen an die Machthaber nach wie vor zum Teil in religiöser Sprache und unter Verwendung moslemischer Symbole vorgebracht werden, scheint nicht so sehr das Wesen der jetzigen Volksbewegung auszudrücken. Vielmehr dürfte es sich auf weite Strecken um kluge Taktik handeln. Sich auf Allah zu berufen und sich als die wirklich treuen Anhänger der islamischen Revolution und die Gegner als deren Verräter zu präsentieren: Das schafft erst die Breite der Bewegung, lässt diese Allianzen mit Teilen des Machtapparats schließen und verhindert, dass der Konflikt mit der Staatsmacht zu früh eskaliert.

Letztlich geht es natürlich – auch wenn es sich die Akteure vielleicht gar nicht bewusst machen – gegen die göttliche Souveränität: In nur wenigen Tagen hat der bislang faktisch unantastbare geistliche Führer Ali Khamenei viel seiner ­Autorität verloren. Damit aber wird auch die Legitimität des ihm von Allah verliehenen Amts infrage gestellt.

Das macht die wirkliche Radikalität der Bewegung aus, die nun die islamische Republik aus den Angeln zu heben droht. Auch die rasende Geschwindigkeit, mit der sich diese grüne Welle ausbreitet und alles aufwirbelt, macht deutlich: Es handelt sich – ob sie nun siegt oder niedergeschlagen wird – um eine Revolution und keine Farce. Eigentlich um die Rückkehr einer großen Revolution, deren wesentliche Versprechen, jene von Freiheit und Demokratie, drei Jahrzehnte unabgegolten blieben. n

georg.ostenhof@profil.at