<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Schwarzer Veltliner

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Schwarzer Veltliner

Warum die Weinviertler und mit ihnen der Rest Europas den Widerstand gegen das Fördern von ­Schiefergas aufgeben sollten.

Seit Anfang Mai tourt eine Schauspieltruppe durch das Weinviertel. Im Rahmen des „Viertelfestival 2013“ führt sie in Heurigenschenken, Feuerwehr-Festzelten und Pfarrstadeln dieser schönen niederösterreichischen Region ein satirisches Stück mit dem Titel „Schwarzer Veltliner. Das Schiefergastheater“ auf.

Bohren oder nicht bohren: Das ist die Frage, die sich in dieser Burleske eine schöne Winzerin, ein vifer Ingenieur und andere Dorfbewohner stellen und darüber ins Streiten geraten. Wie der Schwank ausgeht, sei hier nicht verraten. Aber der Publikumsandrang ist nicht zuletzt auf das Ankündigungsplakat zurückzuführen, auf dem ein mit einer schmierigen schwarzen Sauce gefülltes Weinglas droht.

Die Angst geht um. Zwar hat die OMV unter dem Druck der Öffentlichkeit vergangenes Jahr das Projekt, mit dem so genannten Fracking-Verfahren Erdgas aus den Weinviertler Tiefen zu holen, aufgegeben. Aber in den weiten Ebenen und zwischen den sanften Hügeln nördlich von Wien traut man den Versicherungen des heimischen Ölkonzerns nicht.

Misstrauisch ist man nicht nur im Weinviertel. Vielfach war man in der europäischen Öffentlichkeit höchst irritiert, als vergangene Woche Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energiepolitik, einen Schwenk Europas ankündigte. Schiefergas möge nicht mehr wie bisher tabuisiert werden, meinte er in einem Interview: Natürlich müsste der Umweltschutz beachtet werden, aber zu sehr sollte man sich vor den Risiken auch nicht fürchten. Europa dürfe sich „die Chancen, welche die Gasvorkommen unter dem eigenen Boden bieten, nicht entgehen lassen“, erklärte Oettinger.
Eh klar, da steckt die Industrielobby dahinter, tönt es aus Ökokreisen. Und das dürfte stimmen. Bloß: Hat die Industrie nicht recht, wenn sie sich für ein Ende der Schiefergas-Quarantäne starkmacht? Es sieht ganz so aus.

Wir erleben eine historische Energierevolution. Die wird von den USA angeführt. Anfang dieses Jahrhunderts begannen die Amerikaner mittels Fracking bis dahin unerschlossene und unerkannte Energiereservoirs anzuzapfen: Dabei wird Gas (aber auch Öl) unter hohem Druck von Wasser und bestimmten Chemikalien aus Gesteinsschichten tief unter der Erde gelöst. Die ökonomischen Folgen des Einsatzes dieser neuen Technologie sind gigantisch. Die USA katapultierten sich damit in kürzester Zeit an die Spitze der erdgas- und erdölproduzierenden Länder. Der Gaspreis in Amerika beträgt inzwischen ein Viertel des europäischen – ein Segen für die US-Wirtschaft, die damit gewaltige Wachstumsimpulse bekommt und bereits von einer industriellen Renaissance schwärmt. Kein Wunder, dass da die europäische Unternehmerschaft nervös wird.

Auch ökologisch hat das Fördern von Schiefergas einiges gebracht. Eine der Folgen: Ein amerikanisches Kohlekraftwerk nach dem anderen schließt die Pforten. Natürlich setzt die Verbrennung von Gas CO2 frei. Aber um fast die Hälfte weniger, als wenn man Kohle verfeuerte. Und so sind die Treibhausgasemissionen in Amerika rückgängig. Im Unterschied zu Europa; das aber bisher – mit Ausnahme von Polen und Rumänien – vom Fracking nichts wissen will.

Verständlich, dass die Sorge um sauberes Grundwasser im so viel dichter besiedelten Europa größer ist als in den USA. Und es sieht ganz so aus, als ob das Schiefergas in unseren Breiten tiefer liege und schwerer heraufzuholen sei. Aber ist das wirklich ein Grund, das Thema von vornherein abzublocken? Wäre es nicht sinnvoller, offensiv die Fördertechnologien zu verbessern und neue Verfahren zu entwickeln, die für die Umwelt unbedenklich sind? Und da ist tatsächlich einiges im Gange. Die OMV – aber nicht nur sie – entwickelt bereits Fracking-Prozeduren, bei denen man ohne Chemikalien auskommt.

Auch Ideologisches spielt mit, wenn Europa dem Schiefergas-Boom partout nichts abzugewinnen vermag. Seit Jahrzehnten ist man da von der Idee besessen, dass die Ressourcen dieser Erde knapp würden. Vor allem Öl und Gas seien Energiequellen, die – so seit Langem die allgemeinen Voraussagen – demnächst versiegen würden. Nicht zuletzt die Entdeckung und Förderung des Schiefergases zeigt nun in provokanter und peinlicher Weise, welcher Unsinn seit Jahr und Tag verzapft wird.

Natürlich sind die fossilen Rohstoffe endlich. Aber knapp würden sie bei weiterer Ausbeutung erst in Jahrhunderten, zu einem Zeitpunkt, an dem schon längst Kohle, Öl und Gas als Energiequelle von Sonne und Wind ersetzt sein werden, weil die alternative Stromerzeugung billiger geworden ist. Wir befinden uns bereits auf dem besten Weg dahin. Dort angelangt, wird auch Schiefergas obsolet sein.

Günther Oettinger konnte sich nicht durchsetzen. In der Erklärung des jüngsten EU-Gipfels zur Energiepolitik kommt Fracking nicht vor. Offenbar bedarf es noch einiger Lobby­arbeit der Industrie, dass Europa endlich erkennt, wie fatal es für den Kontinent wäre, bei dieser Energierevolution auf Dauer abseits zu stehen.

Im Übrigen sei den Weinviertlern gesagt: Der Schwarze Veltliner existiert wirklich. Das ist ein anderer Name für die feine Rebsorte Nebbiolo, ein roter Edeltropfen, der als Barolo oder Barbaresco den Weintrinker erfreut.

georg.ostenhof@profil.at