<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Spinnen die Gallier?

Über den Showdown zwischen den Franzosen und ihrem Präsidenten.

Die spinnen, die Franzosen. So sieht es zumindest aus. Dass die Bereitschaft zum Revoltieren Teil ihres Nationalcharakters ist, dass das Aufbegehren den Nachkommen der Bastille-Stürmer im Blut liegt, zeigt sich in regelmäßigen Abständen. Aber dass seit Mitte Oktober täglich Millionen auf die Straße gehen, Barrikaden gebaut werden, Massenstreiks das Land lahmlegen, Geschäfte und Autos brennen, sich Tausende Jugendliche Schlachten mit der Polizei liefern, Raffinerien und Tanklager blockiert werden und Hunderttausende Studenten und Schüler gegen Staatspräsident Nicolas Sarkozy in den Kampf ziehen – diese Breite und Radikalität der Bewegung ist selbst für die Franzosen ungewöhnlich.

Besonders, wenn man bedenkt, warum das Land ins Chaos gestürzt wird: Wegen einer Reform, die das Antrittsalter für die Frühpension von 60 auf 62 und das für die Regelpension von 65 auf 67 erhöhen will.

Mehr als die Anpassung des französischen Pensionssystems an das in vergleichbaren Ländern Europas ist Sarkozys Projekt nicht. Und dieses scheint ja grundvernünftig zu sein – in einer Epoche, in der die Menschen immer älter werden und darüber hinaus die Sanierung der Staatsfinanzen angesagt ist. Handelt es sich da nicht um eine gewaltige Überreaktion der Franzosen? Drehen die Franzosen also wirklich durch?

Noch seltsamer als die Protestbewegung selbst mutet an, dass die Rebellion eine überwältigende Unterstützung in der gesamten Gesellschaft findet. Aktuelle Umfragen zeigten, dass 69 Prozent der Franzosen die Streiks und Demonstrationen gutheißen und 73 Prozent wollen, dass die Regierung die Reform zurückzieht. Die Demoskopen stellen überdies fest: Die Sympathie für die Protestierenden ist – trotz schwerer Behinderungen im Alltag – erstaunlich stabil. Gleichzeitig aber glaubt eine Mehrheit, dass die Erhöhung des Pensionsantrittsalters letztlich unvermeidlich ist.

Offenbar sind Sarkozys Rentenpläne bloß Anlass und nicht Grund für den Zorn, der nun so spektakulär aufflammt und sich geradezu zu einem Flächenbrand ausweitet.

Es geht offenbar um viel mehr. Für Sarkozy sowieso. Vor drei Jahren war er als großer Modernisierer angetreten, der das Land mit einer neoliberalen Politik à la française aus der Krise zu führen und mit kühnen Reformen zu dynamisieren versprach. Viel hat er nicht zusammengebracht. Frankreich steckt weiter in der Krise. Die Stimmung kann moroser nicht sein. Seine Beliebtheitswerte sind im Keller. Die Pensionsreform durchzusetzen ist die letzte Chance, seinem Image als Macher Glaubwürdigkeit zu verleihen. Gelingt ihm das nicht, hat er endgültig eine Wiederwahl im Jahr 2012 verspielt. Sarkozy wollte der französische JFK sein, sieht aber nun eher wie Ludwig XVI. aus, der auf seinen Prozess wartet.

Gut, die Guillotine wartet nicht auf ihn. Aber nach seinem politischen Leben trachten ihm die Jakobiner von ­heute doch: Den Gewerkschaften geht es um den Wohlfahrtsstaat. Für sie ist die Sarkozy-Reform nur die erste Angriffswelle auf die in den vergangenen Jahrzehnten hart erkämpfte Sozialstaatlichkeit, nur der Beginn eines großen Rollback. Dagegen mobilisieren sie.

Mit erstaunlichem Erfolg. Denn die Mobilisierten sind offenbar tiefer unzufrieden als angenommen. Und es ist nicht nur der Frust über die niedrigen Löhne, die hohe Arbeitslosigkeit und die Auswirkungen der Krise, die im Alltag so schmerzlich erlebt werden. Gespeist wird die Bewegung auch von der – in Frankreich traditionell antikapitalistischen – Empörung, dass die Reichen, welche das Land in die Krise geführt haben, ungeschoren bleiben, die Kosten der Krise aber nun auf die Armen abgewälzt werden sollen. So sieht es jedenfalls die Mehrheit der Franzosen.

Dass die Jugend mit solcher Vehemenz in die soziale Bewegung eingestiegen ist, beunruhigt die politische Klasse Frankreichs besonders. Die Jungen haben am meisten Grund zu revoltieren. Seit dreißig Jahren ist Frankreich im Spitzenfeld, was Jugendarbeitslosigkeit betrifft. Heute findet jeder Vierte zwischen 18 und 25 keinen Arbeitsplatz. Und wenn einer doch einen ergattert, dann ist das meist ein höchst prekärer, sozial kaum abgesicherter Job. Das dürfte die erste Generation sein, die mit Sicherheit annehmen kann, dass es ihnen in ihrem Leben schlechter gehen wird als ihren Eltern. Und das in diesem, trotz aller ökonomischen Misere, reichen Land.

Kein Wunder also, dass sich die französische „Jugend ohne Zukunft“ radikalisiert. Die Politik an der Macht hat nur allzu Recht, sich vor ihr zu fürchten. Schon einige Regierungen in Paris sind in den vergangenen Jahrzehnten gestolpert, wenn die Schüler, Studenten und Lehrlinge nicht so wollten wie die da oben. Und bei einem großen Teil der Jungen kommt noch hinzu, dass sie sich auch zutiefst vor dem jüngsten verzweifelten Versuch Sarkozys ekeln, mit offen rassistischen Maßnahmen wie dem kollektiven Abschieben der Roma oder einem rabiat nationalen Diskurs gegen seine mangelnde Popularität anzukämpfen – ein Versuch, der ihm, glaubt man den Umfragen, bis jetzt kaum etwas gebracht hat.

Alles in allem: So verrückt sind die Franzosen also doch nicht. Und der Mut und das Selbstbewusstsein, mit denen sich die französische Gesellschaft in Bewegung setzt, ringt einem Hochachtung ab. Ja, man kann sogar, wie der
linke britisch-pakistanische Star-Intellektuelle Tariq Ali im ­„Guardian“, in den französischen Ereignissen einigen Charme entdecken: „Was für ein wunderbares Bild: Schulkinder marschieren für die Rechte der Alten.“

Ist an dieser Sicht nicht etwas dran? Gerade von Österreich aus betrachtet, wo im Rahmen der Pensionsdiskussion immer wieder zynisch versucht wird, einen nicht vorhandenen Generationenkonflikt zu konstruieren und die Jungen und Alten gegeneinander aufzuhetzen.

georg.ostenhof@profil.at