<i><small>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Yes, We Pad

Die Auftritte von Barack Obama und Steve Jobs zeigen: Vernunft, Dynamik und Innovation sind noch immer häufig made in USA.

Der Mittwoch vergangener Woche hatte es in sich. Die Welt fieberte an diesem Tag zwei Ereignissen entgegen. Um ein Uhr mittags New Yorker Zeit sollte der Chef von Apple das neueste Produkt des amerikanischen Computerkonzerns vorstellen. Für neun Uhr abends war die große Rede von Barack Obama „zur Lage der Nation“ – ein Jahr nach dessen Amtsantritt – angesagt. Der Hype um das zu erwartende Gadget der Firma mit dem angebissenen Apfel als Logo war enorm, hatte doch Steve Jobs Magie und Revolution angekündigt. Und alles war aufs Höchste gespannt, wie der Yes-we-can-Präsident versuchen würde, seine stockende Amtszeit wieder flottzukriegen.
Ich habe beide Events mit heißem Herzen online verfolgt, mir wegen des Zeitunterschieds die Nacht um die Ohren geschlagen – und wurde nicht enttäuscht. Sie waren beide überaus beeindruckend. Aber ich muss gestehen: Die Vorstellung des iPad hat mich noch stärker gepackt als die Rhetorik des amerikanischen Präsidenten.

Obamas Beliebtheitswerte sind abgesackt. Viele Vorhaben, die er für wichtig hält, wie etwa die Gesundheitsreform und die Umweltgesetzgebung, brachte er bisher im Kongress nicht durch. Und bei den Midterm Elections im November könnten seine Demokraten die parlamentarische Mehrheit verlieren. Aber all diese Widrigkeiten haben ­Obama seine Coolheit nicht geraubt. Ganz im Gegenteil. Offenbar läuft er in schwierigen Situationen zur Höchstform auf. Und er schlug alle Ratschläge, er müsse einen Kurswechsel vollziehen, in den Wind. Weder gab er den Republikanern nach, um rechts und in der Mitte wieder mehr Zuspruch zu erlangen – er hält an den großen Reformen
fest –, noch folgte er dem Ansinnen der Linken in seiner Partei, nun voll auf Populismus zu setzen.
Er hält Kurs. Auf Change. Er zeigte sich ein bisschen kämpferischer als zuvor gegen die obstruktive Rechte und die mächtigen Lobbyisten von Wall Street und Big Business. Er bleibt aber der idealistische Pragmatiker, der Konsens und Kompromiss sucht. Und offenbar weiß er, dass die Probleme seiner Amtszeit nur zu einem geringen Teil auf den Fehler seiner Regierung zurückzuführen sind. „It’s the economy, stupid“, hieß einst ein Slogan Bill Clintons. Es ist nun mal so: Bei zehn Prozent Arbeitslosigkeit kann ein Präsident nicht populär sein, selbst wenn er nicht für die prekäre Situation verantwortlich ist. Auch deswegen hat Obama die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen in seiner Rede ins Zentrum gerückt.
Obama ist kein Weichling, kein Schönredner. Das hat er von Neuem gezeigt: Er ist ein Vollblutpolitiker und ein Steher. Das wussten seine Anhänger aber schon vorher. Deshalb hat seine Ansprache vor dem Kongress, so politisch klug, stilistisch meisterhaft und rhetorisch stark sie auch gewesen sein mag, nicht wirklich überrascht.
Steve Jobs ist ebenfalls ein überaus starker Typ. Der hagere Mann in Jeans und schwarzem Pulli hat der Welt bereits den iPod, iTunes und das iPhone beschert. Und nun präsentierte er in San Francisco sein iPad. Auf den ersten Blick konnte ein Technologielaie den Medienrummel um das neue Apple-Gerät nicht verstehen. Ist das nicht bloß ein iPhone in Maxiformat? Braucht man wirklich etwas zwischen Smart Phone und Notebook? Erfolgreiche Propaganda allein kann freilich solch einen gewaltigen medialen Hype nicht erzeugen. Offenbar gibt es tatsächlich ein grundlegendes Bedürfnis für so etwas wie das iPad. Es liegt am Wandel in der Art und Weise, wie wir Computer benutzen, meint der Wissenschaftspublizist Nicholas Carr: „Weil das Internet die traditionellen Produkte der Medien aufgesogen hat – Musik, Fernsehshows, Filme, Spiele, die gedruckte Welt –, haben wir begonnen, unsere Computer als multifunktionale Mediaplayer zu sehen. Sie haben all die Aufgaben zu erfüllen, die früher spezielle Technologien übernahmen – TV, Stereoanlagen, Telefone, Zeitungen, Bücher.“ Unter diesen Bedingungen passt der sperrige Computer alter Schule nicht zu den Dingen, die wir mit ihm machen wollen. Etwas Neues muss her.
Was mich aber letztlich vom iPad überzeugt und begeistert, ist die Perspektive, dass es das erste massentaugliche
E-Book sein könnte. Gewiss, der Kindle von Amazon ist ein Verkaufshit. Aber die Lektüre auf seinem Bildschirm ist eine eher freudlose Angelegenheit – grau in grau, ohne Fotos, geschweige denn Videos. Ein Spielzeug für Bücherwürmer.
Das iPad aber könnte mit seinen hunderttausenden Apps und seiner legendären Apple-Design-Eleganz der Beginn einer veritablen Leserevolution werden. Die Realutopie: In nicht allzu ferner Zukunft wird jeder (zu kleinen Preisen) mit einem einfachen Touch jedes Buch, jede Zeitschrift und Zeitung auf seinen Bildschirm zaubern können – und das multimedial. Nicht auszudenken, welche Umbrüche das für die Verlags- und Zeitungsbranche, für den Buchhandel sowie für den Journalismus mit sich bringen wird. Seit vergangener Woche muss man sich ernsthaft fragen: Geht das Zeitalter des bedruckten Papiers seinem Ende entgegen?

Barack Obama, Steve Jobs – sie haben weltbewegende Auftritte absolviert. Der eine, der so viel Veränderungshoffnung geweckt hat, versicherte, er werde sich in seinem großen Reformeifer nicht bremsen lassen. Der andere verkündete nicht mehr und nicht weniger als die Umwälzung unseres Alltagslebens. Der vergangene Mittwoch sollte jedenfalls jenen, die so gerne Abgesänge auf Amerika anstimmen, klarmachen, dass Vernunft, Dynamik und Innovation noch immer sehr häufig made in USA sind. n

georg.ostenhof@profil.at