<small></i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Zorn der Affen

Warum die Pekinger Führung den Künstler Ai Weiwei zum Staatsfeind Nummer eins hochstilisiert und ihre Nervosität nicht übertrieben ist.

100 Millionen Sonnenblumenkerne aus handbemaltem Porzellan: Das ist das Kunstwerk, das Ai Weiwei, der wohl bekannteste chinesische Künstler, in der Londoner New Tate Gallery installierte. Als die Ausstellung im vergangenen Oktober eröffnet wurde (sie läuft noch bis Mai), konnten die Besucher noch über den „Kies“ aus Keramik marschieren, was jedoch bald verboten wurde, mit der Begründung, dass der Staub, der sich beim Zerbrechen des Porzellans bildet, gesundheitsschädlich sei.

Was uns der Künstler mit seiner Installation sagen wollte, interpretierte vergangene Woche der chinesische Schriftsteller Ma Jian: „Die Menschen in China sind wie diese Millionen Sonnenblumenkerne, die da auf dem Boden der gigantischen Tate-Eingangshalle ausgebreitet sind. Niemand kümmert sich darum, ob sie erniedrigt oder mit Füßen getreten werden.“ Und Ma Jian fügte hinzu: „Unglücklicherweise ist Ai jetzt einer dieser Kerne geworden, seine Freiheit wurde vom Stiefel eines unmenschlichen Systems zertreten.“

Im Februar wurden 100 Kilo von Weiweis Porzellan-Sonnenblumenkernen bei Sotheby’s in London um 560.000 Dollar ersteigert. Anfang April wurde Weiwei verhaftet. Bis heute weiß niemand, wohin man ihn gebracht hat. Anfangs war unklar, was man ihm vorwirft. Dann hieß es, er habe „wirtschaftliche Verbrechen“ begangen. Inzwischen läuft in den offiziellen Medien und in den vom Regime unterstützten Blogs eine Rufmordkampagne, die ihn als geldgierigen, schlechten Künstler porträtiert, der sich vom Westen hat kaufen lassen, um gegen China zu hetzen. Offenbar wird Weiwei zum Staatsfeind Nummer eins hochstilisiert.

Dass er gefährdet war, wusste er längst. „In China leben wir alle in Angst – wie in einem dunklen Raum, von dem keiner die Begrenzungen kennt“, sagte er vor einem Jahr in einem Interview mit profil. „Jeder muss das selbst herausfinden. Ich bin ein neugieriger Typ und liebe es, mich zu bewegen. Wenn ich dabei manchmal an eine Wand stoße und mich verletze – dann ist das so.“ Und er machte sich keine Illusionen: „Ich kann jederzeit verhaftet werden, darauf habe ich mich schon eingestellt.“ Seine Verschleppung hat dennoch erstaunt.

Sie ist aber nur ein Teil einer allgemeinen Repressionswelle, die gewaltig durch das Reich der Mitte rollt. Seit Februar verschwanden Hunderte Menschenrechts-, Öko- und Antikorruptionsaktivisten spurlos. Mitglieder von Untergrund-Kirchen landen im Gefängnis. Bereits vor drei Jahren hatte die Führung einen scharfen Kurs eingeschlagen: Nach den tibetischen Unruhen wurden Regimekritiker erbarmungslos verfolgt. Jeder, der auch nur im Entferntesten verdächtigt wurde, die gigantischen Prestige-Events – die Olympischen Spiele in Peking 2009 und die Shanghaier Expo im Jahr darauf – irgendwie stören zu können, wurde entweder aus den Städten hinausexpediert oder eingesperrt. Heute kann sich kein Kritiker seines Lebens mehr sicher sein. Prügelgangs sind unterwegs. Auch Weiwei wurde bereits vor zwei Jahren überfallen und lebensgefährlich am Kopf verletzt. Und seit dem Massaker am Tiananmen-Platz vor 22 Jahren wurden die Auslandsmedien nicht mehr so massiv in ihrer Arbeit eingeschränkt wie jetzt.

„Das Huhn töten, um die Affen zu schrecken“, heißt eine chinesische Redewendung. Man malträtiert den bekannten dissidenten Künstler, um ein Exempel zu statuieren und von vornherein alle Aufmüpfigen und Unbotmäßigen einzuschüchtern. Aber warum Weiwei? Kommt die spektakuläre Aktion gegen einen weltweit bekannten und geschätzten Künstler nicht einer Selbstbeschädigung gleich? Offenbar ist die Nervosität der Pekinger Führung – vor allem auch angesichts der nahöstlichen Revolutionen – so groß, dass sie den internationalen Ansehensverlust in Kauf nimmt.

Im Westen wird das vielfach als Überreaktion der chinesischen Machthaber gesehen. Warum sollen sie Angst haben?, wird gefragt. Fester im Sattel könne doch niemand sitzen. China hat die Weltwirtschaftskrise blendend überstanden und wird immer reicher. Im Zweifelsfall können die Pekinger Kommunisten potenziellen Unruhestiftern den Schneid – im wahrsten Sinne des Wortes – abkaufen. Und tatsächlich sind Massen, die bereit wären, Revolution zu machen, nirgendwo zu sehen.

„Vielleicht wissen es die Pekinger Herrscher besser“, mutmaßt der britische „Economist“. Vielleicht ist ihre Angst vor dem Volk gar nicht übertrieben? Unruhen gibt es genug: Dörfler wehren sich gegen die Landnahme durch korrupte Lokal-Bürokraten, Arbeiter in den Städten treten für höhere Löhne in den Streik, neue Unternehmer beklagen, dass sich die Apparatschiks und ihre Verwandtschaft die besten Geschäfte unter den Nagel reißen; und der Unmut über die Preissteigerungen wächst. Vielleicht hegen die Machthaber eine realistische Angst: dass sich die Bewegungen in den verschiedenen Bereichen verbinden, dass sich der bisher disparate Unmut vereinheitlicht und der Zorn eine gemeinsame Sprache findet. Und was, wenn in diesem Fall eine frontale Attacke gegen eine Rebellion nach Tiananmen-Art nicht mehr funktioniert, weil die Armee von heute – wie in Ägypten – auf das Volk nicht schießen will?

Am meisten dürfte Peking aber darüber erschrocken sein, wie absolut unerwartet und rasch in Ägypten der Diktator gestürzt wurde. Das „arabische Erwachen“ erzähle noch etwas anderes über die Weiwei-Ausstellung in der Tate Gallery, meint der Schriftsteller Ma Jian: „Wenn die Sonnenblumenkerne einmal wirklich zusammenkommen, dann zeigen sie ihre Einheit und Kraft.“ Und dann haben die Despoten allen Grund zu zittern.

georg.ostenhof@profil.at