Kolumne

Irrtum!

Irren ist menschlich, Nichtsdazulernen aber führt in die Unmenschlichkeit.

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Ganz ehrlich: Wir haben uns alle schon mal geirrt, privat, beruflich, öffentlich – und möglicherweise einige von uns in allen drei Sparten gleich öfter als einmal. Irren ist menschlich, logisch, und nein, das muss nicht super sein. Es passiert jedenfalls, und wem es passiert, ist dringend anzuraten, das einzugestehen. „Ich habe mich geirrt, das tut mir leid, aber die Lage hat sich verändert“ – das kann man jetzt mal in aller Ruhe üben und dabei lernen: Das hält man aus, und wem das nicht gefällt, der ist im Irrtum. Basta.

Es ist ein Zeichen erwachsener, souveräner Menschen, wenn sie mit Irrtümern und Fehlern offen umgehen, umso mehr, als das Festhalten an diesen Irrtümern und Fehlern mehr Schaden anrichten würde, als sich hinzustellen und cool zu sagen: Tut mir leid, das ging daneben.

Der berühmte Wissenschafter Paul Samuelson, der 1970 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, wurde danach in eine Fernsehsendung eingeladen, bei der er Journalisten Rede und Antwort stehen sollte. Dabei hielt ihm ein Journalist vor, seine Einstellung zur noch erträglichen Höhe der Inflation mehrmals geändert zu haben. Samuelson erklärte, dass diese Wahrnehmung ganz richtig sei, kein Problem, denn: „When events change, I change my mind. What do you do?“

Wenn sich die Sachlage ändert, die Rahmenbedingungen, die Realität, dann sind die, die bei ihrer Meinung bleiben, bis der Arzt kommt, das eigentliche Problem. Nur gibt es sehr wenige Samuelsons, die damit so entspannt umgehen. Wenn sich was ändert, muss ich halt auch meine Einstellung ändern, klar, was machen Sie denn?

Das ist schlau, dringt aber auch historisch nicht immer durch.

„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“, soll etwa der legendäre deutsche Nachkriegskanzler Konrad Adenauer gesagt haben, und zwar in einer CDU-Vorstandssitzung im Jahr 1949, also unter Parteifreunden. Parteifreund ist bekanntlich die Steigerungsform von Feind und Todfeind. Mehr geht nicht mehr. Tatsächlich, das lässt sich beweisen, hat Adenauer gesagt: „Es kann mich doch niemand daran hindern, jeden Tag klüger zu werden.“

Wenn sich die Sachlage ändert, dann sind die, die bei ihrer Meinung bleiben, das eigentliche Problem.

Damit käme man heute nicht weit. Es wird nichts zugegeben, niemals, nicht vor Gericht und dem Staatsanwalt, der schon mit eindeutigen Belegen herumfuchtelt. Wer was glaubt, der irrt sich nicht. Wer trotzdem, im wahrsten Sinne des Wortes zu Recht, verurteilt wird, der erklärt dann mit etwas Abstand in ausführlichen Interviews, wie es zu diesem Justizirrtum kommen konnte. Wo Irrtümer und Fehler tiefgreifende Folgen haben, sagen wir mal nur so zum Beispiel die Auflösung eines Vorstandsvertrags, bedient man sich ähnlicher Mittel, vielleicht schreibt man auch mit einem Ghostwriter ein Buch, sollen die doch klagen, dann reden die Leut noch mehr darüber, und Aufregung ist absatzfördernd.

Adenauer und Samuelson konnte niemand daran hindern, klüger zu werden, der Normalfall sieht aber genau andersrum aus. Die Leute werden tendenziell immer dümmer, und das muss man jetzt erklären, denn es ist eine spezielle Form der Blödheit, in die wir da geraten.

Donald Trump zum Beispiel ist vielfach der Lüge überführt. Trump würde niemals zugeben, sich geirrt oder einen Fehler begangen zu haben. Wer weiß, vielleicht liegt er nachts wach und schämt sich dafür, vielleicht erzählt er seiner Gattin, der berühmten Melania, dann, dass er gerne einmal vor die Kameras treten würde und auch so etwas sagen wie der Samuelson oder der Adenauer.

Wahrscheinlich sagt Melania dann „Shut up“ oder Ähnliches, denn sie weiß, was er weiß, dass nämlich die überwiegende Anzahl der Wähler Trumps auf gar keinen Fall jemanden wählen würde, der Fehler zugibt. Fehler, Irrtümer, das machen die Leute, die wählen, schön selber. Damit sind sie ihr ganzes Leben lang konfrontiert. Das Wahlverhalten aller Populismusversteher, egal ob links oder rechts, ist auf einen Nenner zu bringen: Sie machen aus ihrer Not eine Tugend, jedenfalls glauben sie das, weil sie sich jemanden als Helden basteln, der immer die gleichen falschen Versprechungen macht, auf die sie hereinfallen wollen.

Es gibt keine richtige Antwort auf das, was Transformationsverlierer wütend macht. Es gibt diese Antwort nicht, weil schon der Versuch, sie zu geben, ihre Irrtümer vergrößert, weil sie nicht lernen werden, dass sich die Welt verändert hat. Populisten kann das egal sein, weil sie nicht vorhaben, den nützlichen Idioten, die sie an die Macht bringen, zuzuhören. Populisten leben von Leuten, die ihre Irrtümer so lange wiederholen, bis sie daran zugrunde gehen – am Geschwätz von gestern.

Das sollte uns interessieren. Niemand kann uns daran hindern, jeden Tag klüger zu werden. Und erst recht nicht, das von anderen auch zu verlangen.

Wolf  Lotter

Wolf Lotter

ist Autor und Journalist und schreibt einmal monatlich eine Kolumne für profil, wo er von 1993 bis 1998 Redakteur war.