Künstliche Intelligenz übernimmt zunehmend Aufgaben, die das Bildungssystem bisher gelehrt hat. Was die Maschine nicht ersetzen kann, muss ins Zentrum schulischer Bildung rücken.

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Christoph Wiederkehr, Bildungsminister der Neos, ist oft allein auf weiter Flur. Er hat keinen Machtapparat, der ihn auffängt. Keine Großpartei, die Druck nimmt. Keine Vorfeldorganisation, die Denkarbeit macht. Genau diese Einsamkeit ist sein größter Trumpf. In Wiederkehrs Partei sitzt keine Lehrergewerkschaft, die reflexartig „geht nicht“ sagt, sobald jemand den Lehrplan antasten will. Keine jahrzehntelang einbetonierten Besitzstände. Und plötzlich – Überraschung – wird es möglich: eine längst überfällige Lehrplanreform in der AHS. 

Der Lehrplan ist Jahrzehnte alt, stammt aus einer Zeit, in der Telefone Kabel hatten und niemand ernsthaft darüber nachdenken musste, ob Maschinen bald Texte schreiben, Bilder erzeugen oder Entscheidungen treffen. Generationen von Schülerinnen und Schülern wurden seither durch ein Bildungssystem geschleust, das die Realität längst nicht mehr widerspiegelt. Tausende Stunden, unzählige Schularbeiten, ordentliches Niveau – aber mit der stillschweigenden Annahme, dass das schon relevant bleiben würde (Stichwort: Latein). Und so wurde aus einer einstigen Eliteschulform eine, die Schüler längst nicht mehr auf das vorbereitet, was man heutzutage an Fertigkeiten braucht. Reifeprüfung? Reif für was genau?

Weniger tote Sprache, mehr echtes Leben

Jetzt wird ausgemistet. Endlich. Was nun stärker in den Lehrplan rückt, ist das, was Demokratie und eine moderne Gesellschaft tatsächlich brauchen: demokratische Bildung, Medienkompetenz, der reflektierte Umgang mit KI. Das ist nicht links, nicht rechts, nicht ideologisch – das ist Standortpolitik und Überlebensstrategie. 

Wiederkehr will dafür etwa den Lateinunterricht zurückfahren. Debatten über den Untergang des Abendlandes sind vorprogrammiert. Währenddessen verändert KI bereits die Arbeitswelt. Jobs werden verschwinden, neue entstehen. Viele davon kennen wir noch nicht einmal. Die entscheidende Frage lautet also: Wie bildet man Menschen für eine ungewisse Zukunft aus?

Darauf wird es viele Antworten, aber eine ist gewiss: Man muss sich auf das konzentrieren, was Maschinen nicht können. KI kann Texte schreiben, Daten analysieren, Muster erkennen. Sie kann effizient sein, schnell, fehlerarm. Was sie nicht kann, ist Menschlichkeit.

KI hat keine Empathie, sie kann keine moralischen Urteile fällen, hat kein Verantwortungsgefühl. Sie weiß nicht, wie es ist, verletzt zu werden, zu scheitern, jemandem gegenüberzusitzen, der anders denkt, anders fühlt, anders lebt. Sie kann keine Beziehungen führen, keine Konflikte austragen, keine Gemeinschaft formen. Urteilskraft, Mitgefühl, soziale Intelligenz, Kreativität, Ambiguitätstoleranz, Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein – all das sind keine „Soft Skills“. Das sind Überlebenskompetenzen.

Das perfekte Training: die Schulklasse

Genau hier liegt die bisher größte verpasste Chance der Schule. Eine Schulklasse ist ein einmaliger sozialer Raum. Nie wieder im Leben sitzt man über Jahre hinweg mit so vielen unterschiedlichen Menschen zusammen. Verschiedene Milieus, Temperamente, Talente, Schwächen. Ein perfektes Trainingsfeld für Gesellschaft. Und was machen wir daraus? 50 Minuten Frontalunterricht, fünf Minuten Pause. Kaum echtes Miteinander, kaum Raum für Reibung, für Aushandlung, für soziales Lernen. Schule ist derzeit Durchlauferhitzer für Lernstoff, aber keine Lehrstätte für Menschlichkeit. 

Wenn man heute liest, dass Menschen mehr mit KI kommunizieren als mit Freunden, teils emotionale Bindungen zu Maschinen aufbauen, dann ist das ein Alarmsignal, dann läuft bereits einiges schief. Beziehung, Empathie, moralische Urteilskraft lassen sich nicht outsourcen. Und sie lassen sich auch nicht nebenbei lernen.

Schule darf kein Paralleluniversum sein. Sie muss mit der Gesellschaft verzahnt sein, ihre Brüche, Konflikte und Fragen aufnehmen – und das stärken, was Menschen von Maschinen unterscheidet.  Bildungspolitik ist keine Nostalgieveranstaltung. Sie entscheidet darüber, ob wir eine Gesellschaft von selbstdenkenden Menschen haben – oder eine von gut angepassten Anwenderinnen und Anwendern fremder Systeme. Stellen wir die richtigen Weichen.

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.