Martin Staudinger: Die Bären sind los

Martin Staudinger: Die Bären sind los

Die Warnung vor Wahlmanipulationen durch Wladimir Putins Hackerbanden ist berechtigt – und gleichzeitig eine faule Ausrede.

Kennen Sie einen Typen namens Fancy Bear? Nein, werden Sie jetzt vermutlich sagen, denn extravagante Bären gehören schließlich nicht zu Ihrem Umgang. Aber möglicherweise haben Sie seine Anwesenheit bloß nicht bemerkt und wissen daher gar nicht, wie nahe er Ihnen bereits gekommen ist – oder noch kommen wird.

Der Name Fancy Bear bezeichnet ein Hackerkollektiv, das in eingeweihten Kreisen auch als Sofacy Group, Tsar Team oder APT28 (Advanced Persistent Threat 28) bekannt ist und dem russischen Geheimdienst zugerechnet wird. Viel weiß man über die Gruppe nicht. Ihre elektronische Blutspur ist jedoch nicht zu übersehen.

Zum einen steckt Fancy Bear offenbar hinter unzähligen Spear-Phishing-Attacken mit dem Zweck, an Zugangsdaten, Passwörter und andere Informationen von ausgewählten Institutionen und Individuen heranzukommen. Wer bei einer Behörde, einem großen Unternehmen, einem Ministerium oder einer politischen Partei beschäftigt ist, hatte also möglicherweise bereits elektronischen Besuch des Bären, ohne es zu ahnen.


Zum anderen wurden die damit ergaunerten Daten in den vergangenen Jahren unter anderem für Cyber-Angriffe auf den Deutschen Bundestag, den französischen Fernsehsender TV5, die Welt-Doping-Agentur WADA und die NATO missbraucht. Und, last but not least: im US-Wahlkampf. Es waren höchstwahrscheinlich Hacker von Fancy Bear, die Zehntausende Mails von Servern der Demokratischen Partei klauten und vergangenen Juli mithilfe von Wiki-
Leaks in Umlauf brachten, um Hillary Clinton zu schaden. Für den scheidenden Präsidenten Barack Obama führte die Spur so offensichtlich in den Kreml, dass er Ende Dezember 35 russische Diplomaten aus den USA ausweisen ließ.

Ähnliche Manipulationsversuche wie im Vorfeld von Donald Trumps Wahlsieg befürchten Politiker und Sicherheitsexperten auch bei den bevorstehenden deutschen Bundestagswahlen. Schließlich wird dem Kreml-Chef Wladimir Putin das Interesse nachgesagt, Angela Merkel – eine der vehementesten Befürworterinnen der Sanktionen gegen sein Regime – zu stürzen. Die „Bild“-Zeitung gibt bereits vorsorglich Tipps, was zu tun ist, „damit Sie nicht aus Versehen Putin wählen“. Ob sich die neu entdeckte Zuneigung der FPÖ-Spitze zu Russland im nächsten Nationalratswahlkampf virtuell bemerkbar macht, bleibt abzuwarten.


Wenn jemand dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass Donald Trump ins Weiße Haus einziehen darf, dann ist es eher nicht Wladimir Putin.

Die Sorge davor, dass Cyberkrieger demokratische Prozesse und das politische Meinungsklima im Sinne des Kremls zu steuern versuchen, ist jedenfalls weder paranoid noch unbegründet: Fancy Bear wurde dafür auf besonders exponierte Zielobjekte angesetzt, andere Hackerkollektive und Propagandisten in den sozialen Netzwerken nehmen die breite Masse ins Visier. (Wer nach Beispielen dafür sucht, wird etwa bei den Facebook-Kommentaren zu profil-Texten mit einschlägigem Bezug fündig: Ein guter Tipp sind Accounts mit nichtssagenden Titel- und Profilbildern, aber umso aggressiveren Postings.) Dazu kommen noch Desinformationskampagnen russischer Staatsmedien, etwa im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise.

Aber wie weit reicht der Einfluss der Kreml-Trolle tatsächlich? Am Beispiel USA lässt sich das abschätzen: Wenn jemand dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass Donald Trump ins Weiße Haus einziehen darf, dann ist es eher nicht Wladimir Putin. Es ist im Übrigen auch nicht jenes dubiose Datenanalyse-Unternehmen, das kürzlich zum wohligen Gruseln der Internet-Gemeinde für sich in Anspruch nahm, Hillary Clinton mittels perfider Instrumentalisierung von Facebook verhindert zu haben.

Verantwortlich ist zunächst ein Wahlsystem, das es ermöglicht, mit einem Vorsprung von fast 2,9 Millionen Stimmen zu verlieren (lassen wir einmal außer Acht, dass die Kampagnen der Kandidaten anders ausgesehen hätten, wäre es um das landesweite Ergebnis und nicht um Wahlmännerstimmen in einzelnen Bundesstaaten gegangen).

Verantwortlich ist aber vor allem: die amerikanische Politik selbst. Wenn die mutmaßlich von Fancy Bear gehackten Mails überhaupt eine spürbare Wirkung entfalten konnten, dann nur deshalb, weil Trump sie lauthals skandalisierte. Ihr Inhalt war nämlich, wie sogar George W. Bushs ehemaliger Redenschreiber David Frum konsterniert anmerkte, „erstaunlich wenig explosiv“.

Das hinderte Trump nicht daran, sie zum Beweis dafür hochzustilisieren, dass Clinton ein „korruptes globales Establishment repräsentiert, das unser Land ausplündert und unsere Souveränität aufgibt“. Die E-Mail-Leaks-Affäre sorgte Ende Juli freilich nur für einen winzigen Zacken auf der Umfragekurve, die danach durch andere Einflüsse weitaus stärker in alle möglichen Richtungen ausschlug. Entscheidend für das Wahlergebnis war letztlich eine komplexe Mischung aus politischen und gesellschaftlichen Faktoren.

„Wladimir Putin ist nicht der Verursacher der Krise der liberalen Demokratie. Er ist ihr Nutznießer“, schrieb die „Zeit“ kürzlich, und das gilt für die USA gleichermaßen wie für Europa. Die Warnung vor Fancy Bear und anderen Hackern, Trollen und Propagandisten scheint durchaus berechtigt. Aber alles auf sie zu schieben, ist bloß eine faule Ausrede dafür, tiefer liegende Probleme nicht selbst in den Griff zu bekommen, für die wir selbst verantwortlich sind.

martin.staudinger@profil.at
Twitter: @martstaudinger