Martin Staudinger: Der kommende Aufstand

Martin Staudinger: Der kommende Aufstand

Donald Trump kann seinen Anhängern den Systemwandel, für den sie ihn gewählt haben, nicht bieten. Der Demokratie verheißt das nichts Gutes.

Wie konnte das passieren? Alle waren sich doch einig, dass es dieser Typ nie und nimmer schaffen würde: Unmöglich als Mensch, zum Fremdschämen als Kandidat, undenkbar als Präsident – einem wie ihm würde doch niemand, der halbwegs bei Sinnen ist, seine Stimme geben wollen.

Viele, die das in den vergangenen Monaten geschrieben, gesagt, durch Meinungsumfragen belegt und sich am Dienstag beruhigt schlafen gelegt hatten (also auch ich), wachten am Mittwoch früh mit einem Wahlsieger Donald Trump auf.

Seither findet das statt, was bei jedem maßgeblichen Volksentscheid im demokratischen Westen inzwischen fast zur Routine gehört: Die rituelle Geißelung des Elektorats. Ob Brexit, der Aufstieg der AfD in Deutschland oder der Erfolg von Norbert Hofer in Österreich – schuld sind der Rechtspopulismus und die Dummköpfe, die ihm willenlos anheimfallen. Also Leute, die irgendwie sind wie Donald Trump, bloß ohne Geld, Karriere, Maßanzüge und slowenische Models als Ehefrauen. Mit der Ergründung ihrer Motive glaubt man sich nicht lange aufhalten zu müssen: Angst vor Überfremdung, Arbeitsplatzverlust, Globalisierung, starken Frauen, passt, danke, kennt man ja!


Man muss 'das System' nicht als Kampfbegriff verwenden, um festzustellen, dass es tatsächlich existiert

Als „Deplorables“ (also „Erbärmliche“ oder „Bedauernswerte“) hat Hillary Clinton diese Wähler einmal bezeichnet, und als solche werden sie auch von vielen Journalisten, Intellektuellen, Politikern und sonstigen Entscheidern wahrgenommen und verhöhnt. Sprich: von denjenigen, die zum System gehören.

Man muss „das System“ nicht als Kampfbegriff verwenden, um festzustellen, dass es tatsächlich existiert – als Summe der politischen, wirtschaftlichen und medialen Strukturen, welche die geltende Gesellschaftsordnung tragen. Wer zu dieser Sphäre gehört, sieht sich auf der sicheren Seite und tendiert mehr oder minder bewusst dazu, die Welt aus dem Blickwinkel des Systems und seiner Aufrechterhaltung wahrzunehmen.

Aus dieser Perspektive stellte sich die Möglichkeit, dass Donald Trump gewinnen würde, gar nicht wirklich, weil Hillary Clinton im Gegensatz zu ihm Stabilität, Kontinuität und Berechenbarkeit verhieß. Daraus resultierten viele Fehleinschätzungen. Auch in profil: „Eines haben die US-Wahlen letztlich immer gezeigt: Ins gänzlich Ungewisse drängt Amerika nicht. Es bleibt im Zweifelsfall doch lieber beim Establishment“, hieß es hier angesichts schlechter Prognosen für Clinton vor ein paar Monaten.


Laut Exit Polls hat er unter anderem die Stimmen von 53 Prozent der weißen Frauen und von 29 Prozent der Latinos bekommen

Der 8.11.2016 hat das eindrucksvoll widerlegt und eine Frage aufgeworfen, die das System längst stellen hätte müssen. Formuliert wurde sie am Tag nach der Wahl von der US-Feministin Judith Butler: „Wer sind sie, diese Leute, die Trump gewählt haben – und wer sind wir, die ihre Macht nicht wahrgenommen haben, die all das nicht kommen sahen? Sind wir möglicherweise durch unsere eigene, isolierte Art des linken und liberalen Denkens von der Wahrheit abgeschnitten?“

Die Antwort, die sich anhand erster Analysen darauf geben lässt, widerspricht der gängigen Erklärung, dass nur eingeschränkt zurechnungsfähige Hillbillies, sozial deklassierte Modernisierungsverlierer und andere weiße, alte Männer dem Skandal-Kandidaten Trump auf den Leim gegangen seien. Laut Exit Polls hat er unter anderem die Stimmen von 53 Prozent der weißen Frauen und von 29 Prozent der Latinos bekommen. Das wichtigste Wahlmotiv lautete nach Umfragen „Change“: Etwas, das viele auch von Barack Obama erhofft, aber offenbar nicht in ausreichendem Maß bekommen hatten – was dazu führte, dass sich auch viele seiner früheren Wähler nun Trump zuwandten.

„Ich habe dafür keine Erklärung“, gab Josh Earnest, Sprecher des Weißen Hauses, am Mittwoch leicht verzagt zu Protokoll, und das zeigt vor allem eines: Das System hat in seiner Selbstbezogenheit schlichtweg nicht kapiert, was für ein mächtiger Gegner ihm in der gesamten westlichen Welt inzwischen erwachsen ist. profil beschreibt ihn in dieser Ausgabe als „Mensch des Jahres“, und er lässt sich nicht auf den Typus des teils belächelten, teils gefürchteten reaktionären Wutbürgers reduzieren. In der Abscheu gegen Globalisierung, Kapitalismus und Ungleichheit verbindet Trump-Fans mit den Anhängern diverser linker Protestbewegungen mehr, als allen Beteiligten lieb ist.


Die Rechten sind in ihrer Bereitschaft, mit dem System, seiner Logik und seinen Tabus zu brechen, deutlich radikaler

Mit einem großen Unterschied: Die Rechten sind in ihrer Bereitschaft, mit dem System, seiner Logik und seinen Tabus zu brechen, deutlich radikaler.

Donald Trump, der sich das zunutze gemacht hat, wird es allerdings schwer haben, seinen Anhängern den Systemwandel zu bieten, für den sie ihn gewählt haben. Er kann zwar die Inszenierung, die ihm zum Einzug ins Weiße Haus verholfen hat, fortsetzen – zum Beispiel, indem er mit großem Tamtam Freihandelsverträge platzen lässt, die Nato aufmischt und genderneutrale Toiletten abschafft. Aber das dürfte kaum dazu führen, dass Amerika wieder großartig, die Welt überschaubarer und das Leben der Bevölkerung spürbar besser wird.
Sollte sich diese Erkenntnis und die Enttäuschung darüber durchsetzen, werden sich viele möglicherweise fragen: Wenn das System nicht auf demokratischem Weg zu ändern ist – wie dann?