Martin Staudinger: Jetzt kennen wir euch

Martin Staudinger: Jetzt kennen wir euch

Wie Europas türkischstämmige Bevölkerung auf den Fall Jan Böhmermann reagiert hat, sollte uns zu denken geben.

Sevgili Avrupalı Türkler, liebe Türkinnen und Türken in Europa, lütfen dinleyin, bitte hört zu! Euer Verhalten in den vergangenen Wochen ist schlicht und einfach unverständlich! Sehr viele Menschen hier haben jahrzehntelang hart daran gearbeitet, sich ein Bild von euch zu machen und dieses zu verbreiten. Man will ja schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat, wenn man zum Dönerstand geht oder außerhalb der normalen Ladenschlusszeiten Fladenbrot und Feta kauft.

In eure Parallelgesellschaft haben sich die Lokalanthropologen zwar kaum gewagt, das wäre auch viel zu riskant gewesen. Trotzdem haben sie furchterregende Dinge herausgefunden.


Man will ja schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat, wenn man zum Dönerstand geht

Schlag nach bei Thilo Sarrazin! Die meisten Türken, berichtet der deutsche Ex-Politiker und Bestsellerautor in seinem Standardwerk „Deutschland schafft sich ab“, seien „weder integrationswillig noch integrationsfähig“ und hätten eine „aggressive und atavistische“ Mentalität. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat bereits vor Jahren zahllose Parallelgesellschaften enttarnt und ist zur Überzeugung gelangt, dass es in Wahrheit gar kein „Ausländerproblem“ gibt, sondern lediglich ein „Türkenproblem“. Sein Parteifreund Andreas Mölzer wiederum weiß seit Langem, dass die türkische Regierung mit perfiden Manipulationsmethoden daran arbeitet, ihren Einfluss in den „neuen Gastländern zu steigern“.

Die Quintessenz dieser und anderer Erkenntnisse hat es sogar in die hiesigen Schulbücher geschafft: Dort wird die türkischstämmige Bevölkerung laut einer Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts besonders oft beispielhaft genannt, wenn es um Probleme mit Zuwanderung und Integration geht. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sieht das in Meinungsumfragen ähnlich.

Wir kennen euch also und sind gewarnt.

Und jetzt das: der Fall Jan Böhmermann! Ein deutscher Satiriker legt es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezielt darauf an, Präsident Recep Tayyip Erdogan mit einem Schmähgedicht auf das Übelste zu beleidigen – als „sackdoof, feige und verklemmt“, als „schwul, pervers, verlaust und zoophil“, als Ziegenficker und Kinderschänder. Da hättet ihr, liebe Türkinnen und Türken in Europa, endlich einmal beweisen können, dass ihr tatsächlich so seid, wie euch viele Leute hier zu kennen glauben. Also: ebenso reaktionär und autoritär, vormodern und antidemokratisch, nationalistisch, religionsvernarrt und humorlos wie Erdogan.


Ihr müsstet zumindest ein bisschen so sein wie die Vorurteile, die wir über euch haben

Das heißt: Ihr – alle 2,7 Millionen von euch, die in Deutschland leben – müsstet geschlossen hinter eurem Präsidenten stehen, von dem ihr euch bekanntlich willig manipulieren lasst. Ihr müsstet längst auf der Straße sein, um Präsidentenporträts und türkische Fahnen zu schwenken. Ihr müsstet auf Böhmermann-Fotos herumtrampeln, mit matschigen Melanzani und patzigen Paradeisern werfen und Schaufenster einschlagen. Ihr müsstet zumindest ein bisschen so sein wie die Vorurteile, die wir über euch haben.

Aber das seid ihr offenbar nicht. In den vergangenen Wochen haben deutsche Medien viele von euch über die Affäre befragt. Wenn dahinter auch ein bisschen die Hoffnung stand, gängige Klischees bestätigt zu sehen, dann wurde sie ganz und gar nicht erfüllt. Diejenigen, die dabei zu Wort kamen, vertraten die unterschiedlichsten Meinungen: Böhmermann gehöre eingesperrt, forderten manche von euch. Das Gedicht sei ein Brüller, fanden andere. Es sei letztklassig und verletzend, Böhmermann dürfe deswegen aber nicht verfolgt werden, erklärten die nächsten. Für einige ist Erdogan ein Held und Böhmermann ein Schuft, für einige ist es genau umgekehrt. Und so weiter.


Wo kommen wir denn da hin?

Daraus ergab sich ein Spektrum, das ebenso breit ist wie jenes der deutschen oder österreichischen Bevölkerung ohne türkischen Hintergrund bei anderen Themen. Es reicht von extrem rechts bis radikal links, von wütend bis abgeklärt, von verbohrt bis entspannt, von (stock-)konservativ bis (post-)modern.

Dass einige empörte Erdogan-Parteigänger in der Angelegenheit die Justiz bemühten, ist ihr gutes Recht. Dass es einige Morddrohungen gegen Böhmermann gab, ist absolut inakzeptabel, aber keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der Türken: Ein paar Narren gibt es in jeder Bevölkerungsgruppe.

Demonstrationen, gar Ausschreitungen? Fehlanzeige. Im Wesentlichen habt ihr, liebe Türkinnen und Türken in Deutschland (und auch Österreich), auf die Angelegenheit so reagiert, wie man es von Europäern nicht besser erwarten kann. Und ganz und gar nicht so, wie es euch Sarrazin, Strache und all die anderen unterstellen – von wegen
Aggression, Atavismus und Integrationsverweigerung.

Jetzt fragen wir euch: Wo kommen wir denn da hin? Und die Antwort ist: vielleicht endlich ein Stück näher zum Eingeständnis, dass viele Vorurteile gegen euch nicht der Realität entsprechen – und damit ein paar Schritte weiter aufeinander zu.