Agnes Chorherr ist stellvertretende Leiterin der Walz Wiener Lernzentrum (walz.at), einer privaten Oberstufe mit Öffentlichkeitsrecht in Wien.
Wer nach Schema F schreibt, bekommt Punkte. Wer denkt, macht sich das Leben schwer. Gastkommentar von Bildungsexpertin Agnes Chorherr.

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Der Höhepunkt von 12 oder 13 Jahre Schule ist die Matura. Der Moment, in dem Bildung sichtbar werden sollte. In der ersten Fremdsprache hieße das: versiert und vokabelreich über komplexe Themen schreiben, Gedanken pointiert zuspitzen, Gedankengänge formulieren.

Die Realität? Schreiben Sie 400 Wörter darüber, warum es gut ist, weltoffen zu sein. Zusätzlich: Was könnte Weltoffenheit bedeuten? Beschreiben Sie eine Situation, in der Sie offen für eine neue Erfahrung waren. Analysieren Sie, welche Effekte Weltoffenheit auf die persönliche Entwicklung hat. Und: Bitte nicht einfach drauflosschreiben, sondern in der vorgegebenen standardisierten Textsorte.

Sind Sie auch schon eingeschlafen?

Die Englisch-Matura gibt Themen vor, die niemandem wehtun. Tiefgang ist aufgrund des Formats kaum vorgesehen. Auch überstrapazierte Themen wie Klimawandel oder Mediennutzung sind in 400 Wörtern kaum differenziert behandelbar. Die Gedankenwege werden durch die Unterpunkte der Angabe schon vorgegeben. Für Ecken und Kanten ist kein Platz – man bleibt zwangsläufig an der Oberfläche.

In der Vorbereitung der Matura ist es also zielführender, Formate zu üben, als sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Sollte höhere Bildung nicht bedeuten, kritisch zu denken, Argumente zu entwickeln und Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten? Fakten einzuordnen, ihre Bedeutung zu gewichten und daraus originäre Gedankengänge zu entwickeln? Gerade diese Fähigkeiten geraten in dieser Art der Matura zunehmend ins Hintertreffen. Bewertet wird nicht, wer besonders klug denkt, sondern wer die Spielregeln der Textsorte möglichst fehlerfrei erfüllt.

Die Matura in ihrer jetzigen Form ist das perfekte Trainingsfeld für Sprache ohne Motiv – für KI-Sprache.

Sprache lernt man über Notwendigkeit und den Drang, sich ausdrücken zu wollen: Wer etwas zu sagen hat, sucht nach den richtigen Worten. Ein wesentlicher Teil des Spracherwerbs findet über Imitation statt. Früher gab es Leselisten: Learn from the best! Bücher eröffnen einem die Welt – ganz ohne Reisekosten. Bücher sind lang, und genau das ist ihr Wert: Sie geben Widersprüchen Raum, lassen komplexe Figuren wachsen und halten Ambivalenzen aus. All das erweitert den Horizont, erschließt Kulturen und vermittelt ein Sprachgefühl, das der überwiegend anglophone Social-Media-Raum mit seinen verkürzten Plattitüden nicht liefern kann.

Dass eine standardisierte Reifeprüfung Vergleichbarkeit herstellen soll, ist nachvollziehbar. Gehörtes und Gelesenes zu verstehen und wiederzugeben, gehört zum Spracherwerb. Beim produktiven Teil, wo selbst geschrieben werden muss, lässt sich jedoch höchstens positiv anmerken, dass er korrektur- und evaluationsfreundlich ist.

Jugendliche sind nicht dumm. Sie lernen mit KI, lassen sich Texte schreiben. Spätestens hier stellt sich die Frage: Kann das nicht die KI besser? Und was kann die KI nicht, wofür soll man noch eine Sprache lernen? Um sich Gehör zu verschaffen? Um zu überzeugen oder um Gefühle zu transportieren?

Eine KI hat kein Bedürfnis, gehört zu werden. Kein Anliegen, für das sie kämpft. Keine Emotion, die nach Sprache verlangt. Sie simuliert Sprache. Genau deshalb ist die Matura in ihrer jetzigen Form das perfekte Trainingsfeld für Sprache ohne Motiv – für KI-Sprache.

Der Drang, sich auszudrücken, bleibt auch bei Jugendlichen aus, wenn sie immer wieder dieselben banalen Themen bearbeiten müssen. Das Ergebnis sind Texte, die nicht deshalb oberflächlich sind, weil Jugendliche nichts zu sagen hätten, sondern weil das Format Tiefe verhindert. Die spannendsten Texte sind daher oft jene, die man eigentlich schlechter bewerten müsste: jene, die einen Gedanken wirklich verfolgen, statt pflichtbewusst Bulletpoints abzuarbeiten.

Texte werden vergleichbar, aber eben auch austauschbar. Diese Matura produziert standardisierte Abhandlungen über Allerweltsthemen. Wäre es nicht interessanter, mit einem Impuls zu arbeiten, der provozieren darf? Einer Aussage, die Jugendliche herausfordert, der sie in entsprechender Ausführlichkeit widersprechen oder zustimmen müssen – und die sie zwingt, Argumente zu entwickeln? Dann müssten sie Sprache nicht bloß reproduzieren, sondern einsetzen: um zu argumentieren, zu widersprechen und zu überzeugen.

Das wäre eine Matura, die zeigt, was 12 oder 13 Jahre Schule tatsächlich wert waren. Höhere Bildung ist keine Berufsausbildung. Sie ist die Fähigkeit, selbst zu denken.

Zur Person

Agnes Chorherr ist stellvertretende Leiterin der Walz Wiener Lernzentrum (walz.at), einer privaten Oberstufe mit Öffentlichkeitsrecht in Wien. (In der Printversion wird Chorherr als Leiterin bezeichnet. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler)