<small><i>Sven Gächter</i></small>
Masterplanspiele

Das neue Führungsteam des ORF ist komplett. Die Politik hat es mit den Insignien ihrer Kleingeistigkeit ausgestattet.

„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne“, schrieb Hermann Hesse und wurde damit in der Folge gern – und meistens falsch – zitiert (nicht zuletzt von sich selbst). „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“, lautet die gängige Form des geflügelten Wortes inzwischen. Wie viel Ende einem Anfang wiederum innewohnen kann, ist eine Frage, für deren Klärung sich die Erkenntnistheorie bemühen lässt – oder, der besseren Anschaulichkeit halber, der ORF. Selten jedenfalls war der Anfang einer neuen Direktionsperiode so frei von jedem prickelnden Zauber, zumindest wenn man darunter eine gewisse Magie und nicht nur die generalstabsmäßige Exekution von taktischen Taschenspielereien versteht.

Nachdem Wrabetz im August mit erdrückender Stiftungsratsmehrheit als Generaldirektor bestätigt worden war, brachte er vergangene Woche auch sein Führungsteam ähnlich komfortabel durch. Überraschungen gab es dabei keine, aus einem ganz banalen Grund: Sie waren nicht vorgesehen. In Wrabetz’ ausgeklügelter Wiederwahlstrategie, ­powered by Werner Faymann, Josef Ostermayer und ­Laura Rudas, hatten personelle Unwägbarkeiten schon deshalb keinen Platz, weil neben der federführenden SPÖ auch die anderen Parteien ausreichend zufriedengestellt werden mussten. Das Ergebnis fiel so klar wie ernüchternd aus: von Neubeginn oder gar Zauber keine Spur.

Und Kathrin Zechner?, wenden gut Informierte nun spitzfindig ein. Immerhin wurde für sie die Funktion der TV-Direktorin geschaffen, gleichermaßen letztzuständig für Unterhaltung und Information, womit ihr nominell eine erhebliche Machtfülle zukommt. Wie sie damit ab Jänner 2012 umzugehen gedenkt, ließ sie, auf leidige Interven­tionsversuche angesprochen, in einem „Standard“-Interview bereits durchblicken: „Anregungen, ob aus der Politik, der Wirtschaft, vom Publikum, sind anzuhören und zu beurteilen. (…) Meine Entscheidung ist dann meine Entscheidung und nicht eine Botschaft von außen.“

Im Überschwang ihrer glanzvollen ­Direktorinnenkür mag Zechner übersehen haben, dass Interventionsmöglichkeiten seitens des Publikums sich seit jeher auf Anrufe bei der Küniglberg-Hotline oder Einschaltverweigerung beschränken und deshalb nicht in ­einem Atemzug mit direkter politischer Einflussnahme genannt werden sollten. Abgesehen davon verwundert ihre freudige ­Offenheit gegenüber ­allen möglichen Außenberieselungen („sind anzuhören“) – sie hätte in Richtung der Parteizentralen auch einfach nur mit Nachdruck klarstellen können, dass derlei erstens unerwünscht und zweitens völlig zwecklos sei, Punkt.
Doch es ist müßig, Kathrin Zechner schon vor ihrem Amtsantritt unter Willfährigkeitsverdacht zu stellen – sie wird noch früh genug Gelegenheit haben, im alltäglichen Ernstfall Format und Rückgrat zu zeigen, mehr Format ­hoffentlich als ein früherer (roter) Betriebsrat, der, kaum hatte er Wrabetz im Stiftungsrat seine Stimme gegeben, sich von diesem zum neuen Technikdirektor ernennen ließ und darin nichts Fragwürdiges oder gar Himmelschreiendes ­sehen mochte.

Vorgänge solcher Qualität sind es, die das Regnum ­Wrabetz II massiv überschatten, noch ehe es offiziell ­begonnen hat. Das unwürdige Gemauschel im Vorfeld der Wiederwahl, die höchstgradig dubiosen Mehrheitsverhältnisse bei der Wahl selbst, die durchsichtigen Hintergründe der Berufung einiger Direktoren (etwa jener der Landesstudios) und vor allem die demonstrative Nonchalance der Beteiligten sind kaum geeignet, das Restvertrauen in die Unabhängigkeit des ORF zu stärken. Vielleicht ging es den Verantwortlichen in Rundfunk und Politik ja auch genau darum, diesen Mythos endgültig und in aller Öffentlichkeit zu begraben.

Sollte es einen entsprechend zynischen, wenn im Detail teilweise auch sträflich plump umgesetzten Masterplan gegeben haben, dann ist er blendend aufgegangen. Der ORF wurde dabei so massiv beschädigt, dass er den Begehrlichkeiten der österreichischen Innen- und Medienpolitik in Zukunft noch wehrloser ausgeliefert sein wird. Statt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einem Wettbewerb abzusichern, der längst auf internationaler, digital vielfältig zersplitterter Ebene stattfindet, sorgen die Parteigranden jeder Couleur nach Kräften dafür, die größte und wichtigste ­Medienanstalt des Landes im Würgegriff ihrer eigenen Kleingeistigkeit zu halten. Diesem unerschütterlichen Machtanspruch könnten auf Dauer nicht einmal die objektiv bestqualifizierten TV- und Radio-Profis der Welt standhalten – und welche Rolle objektive Qualifikation bei der ­Besetzung von Schlüsselfunktionen im ORF spielt, konnte man zuletzt wieder über viele Wochen und Monate verfolgen, erste Reihe fußfrei.

sven.gaechter@profil.at