Warum Formel 1?
1. Man könnte meinen, dass manche Grazer Hoteliers geldgeil sind. Oder meschugge, weil sie ihre nicht vom Motorsport angetriebenen Kunden vor den Kopf stoßen. Oder beides. Doch offenbar werden solche Preise gern bezahlt. Es muss was dran sein an der Formel 1 als Königsklasse des Motorsports. Was genau, das ist weniger klar.
2. ChatGPT & Co als künstliche Intelligenz erklären uns, dass Autorennen aus psychologischen und technischen Gründen faszinieren. Da ist zunächst die Geschwindigkeit. Wenn Autos mit über 300 Stundenkilometern fahren, löst das eine Adrenalin-Reaktion aus. Kurioserweise auch beim nicht fahrenden Publikum.
3. Hinzu kommt die Ingenieurskunst. Unbestritten sind Formel-1-Autos unglaubliche Hightech-Produkte. Jeder Fahrer muss für deren Beherrschung viel mehr können, als ein Gaspedal durchzutreten und das Lenkrad zu drehen. Detto steht dahinter als computerisierte Zusammenarbeit eine gigantische Teamleistung. Zweifel sind bloß angebracht, wie viele der Zuseher das technisch wenigstens annähernd nachvollziehen können.
4. Offen bleibt zudem die Schlüsselfrage, ob der Schnellere gewinnt. Wahrscheinlich eher jener, der klüger und taktisch besser ist. Klar ist, dass selbst Weltmeister Lando Norris und Superstar Max Verstappen als Fahrerduo bei Cadillac – dessen hoffnungslos unterlegene Autos starten heuer erstmals – keinen Blumentopf gewinnen würden. Im Umkehrschluss bleibt es Geschmackssache, ob der Technikanteil am Erfolg nicht zu groß ist.
5. Was den „Nailbiter“-Moment des direkten Wettbewerbs betrifft, finden sich in der Formel 1 Pro- und Kontra-Argumente. In Monza 1971 überquerten fünf Fahrer binnen 0,610 Sekunden den Zielstrich. Niki Lauda wurde mit 0,5 Punkten Vorsprung Weltmeister, und auch die vorjährige WM war nicht von schlechten Spannungseltern.
2026 finden acht von 24 Grand Prix in Diktaturen statt. Warum man dort fährt? Dafür gibt es Millionen Gründe. Jeder Grund ist ein Dollar.
6. Allerdings gab es etwa mit Ferrari 2000 bis 2005 und Mercedes 2014 bis 2016 allzu oft die Langeweile zweier doppelsiegender Autos desselben Fabrikats. Diese fuhren der Konkurrenz pro Runde mehr als eine Sekunde davon. Stallorder inklusive. In Monte Carlo gleicht jedes Rennen einer kirchlichen Prozession ohne Überholmanöver.
7. Rainhard Fendrich besang 1982 in „Es lebe der Sport!“ die „sehr gefragten“ Autorennen: „Weil hie und da sich einer überschlagt / Gespannt mit einem Doppler sitzt man da / Und hofft auf einen gscheiten Bumsera / Weil durch einen spektakulären Crash / Wird ein Grand Prix erst richtig resch (…) / Explodieren die Boliden / Ist das Publikum zufrieden / Weil ein flammendes Inferno / Schaut man immer wieder gern an.“
8. Das führt uns zwangsläufig zu Niki Lauda. Dieser wird zu Recht als Nationalheld verehrt. Als dreifacher Weltmeister war seine größte Tat, dass er nach dem knapp überlebten Feuerunfall auf dem Nürburgring im verregneten Saisonfinale von Fuji 1976 stoppte, weil ihm das Rennen zu gefährlich wurde. Als James Hunt für den Titel sein Leben riskierte, befand sich Lauda bereits auf der Fahrt zum Flughafen und erfuhr ebenda von seiner Niederlage. Chapeau!
9. Geschichtlich gesehen ist eine Idealisierung der Formel 1 objektiv falsch. Während Laudas Karriere konnten die Allerschnellsten schnell mausetot sein. Nach Doppelweltmeister Jim Clark 1968 und dem postumen Weltmeister Jochen Rindt 1970 starben auch François Cevert, Peter Revson und Ronnie Peterson auf der Strecke. Bis 1994 Ayrton Senna tödlich verunglückte und in Brasilien die Sonne vom Himmel fiel, wurden tödliche Unfälle in der Formel 1 leichtfertig abgetan.
10. Aktuell hat die Formel 1 ein anderes Problem. Aufgrund der Kriegslage im Nahen Osten ist unklar, ob die Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien im April stattfinden können. Was dabei, abgesehen von Sicherheitsbedenken, problematisch ist: Als Niki Lauda 1984 zum letzten Mal Weltmeister wurde, fand ein einziges von 16 Rennen in einer Nichtdemokratie statt. Das war in Südafrika mit seinem Apartheid-Regime. 2026 finden acht von 24 – also exakt ein Drittel – aller Grand Prix in Diktaturen statt. Warum man dort fährt? Dafür gibt es Millionen Gründe. Jeder Grund ist ein Dollar.