Der Iran-Krieg frisst sich beharrlich in die globalen Lieferketten. Wie es sein kann, dass die Blockade der Straße von Hormus die Energiewende in Oberösterreich bremst.

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Bis vor wenigen Monaten gehörte das Szenario einer kompletten Sperrung der Straße von Hormus in die Kategorie der geopolitischen Schauermärchen. Es war eines jener extremen Ereignisse, die man zwar in Stresstests durchspielte, aber mit dem Zusatz versah: „Wird nie passieren.“ Zu verheerend wären die Folgen für die Weltwirtschaft, als dass ein Akteur diesen Schritt ernsthaft wagen würde. Zu viele Verlierer, praktisch keine Gewinner.

Doch mit dieser Form der ökonomischen Rationalität haben die aktuellen Ereignisse rund um die Eskalation im Mittleren Osten nichts zu tun. Geopolitik hebelt die Logik der Märkte aus. Während die Schlagzeilen sich primär um die Explosion der Gas- und Benzinpreise drehen, baut sich in den tieferen Schichten der globalen Wertschöpfung immer mehr Druck auf.

Die Straße von Hormus ist weit mehr als nur die Hauptschlagader der globalen Energieversorgung. Rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gasexporte passiert dieses Nadelöhr. Doch im Schatten der Tanker reisen industrielle Rohstoffe, die für die uns ebenso essenziell, wenn auch weit weniger sichtbar sind. Es geht um Nebenprodukte, die erst in der Weiterverarbeitung ihre strategische Relevanz entfalten: Stickstoff und Schwefel für die Düngemittelproduktion, Naphtha als unverzichtbarer Input für die Kunststoffindustrie oder Helium, ohne das weder die Halbleiterfertigung noch die moderne MRT-Diagnostik in der Medizin funktioniert.

Doch mit dieser Form der ökonomischen Rationalität haben die aktuellen Ereignisse rund um die Eskalation im Mittleren Osten nichts zu tun. Geopolitik hebelt die Logik der Märkte aus. 

Peter Klimek, Komplexitätsforscher

Das Problem für Standorte wie Österreich ist dabei nicht die direkte Abhängigkeit. Wir beziehen unseren Schwefel oder unser Helium selten direkt per Schiff aus der Golfregion. Die Bedrohung liegt in der Architektur der globalen Wertschöpfungsnetzwerke. Wenn die Primärquelle versiegt, spüren wir in Europa zunächst nur das Fieberthermometer des Marktes: Die Preise steigen als Signal einer global reduzierten Verfügbarkeit.

Doch auf den Preisschock folgt irgendwann der Mengenschock. Die globalen Marktanteile der Golfregion bei diesen Industrierohstoffen sind schlicht zu gewaltig, als dass man sie kurzfristig durch Produktionssteigerungen anderswo kompensieren könnte. Hier lässt sich die physikalische Realität nicht durch finanzielle Transaktionen überlisten.

Noch ist es allerdings nicht so weit. Die Unternehmen werden kreativ: Wartungsarbeiten werden vorgezogen, Produktionszyklen gestreckt, alternative Vorprodukte getestet. All das schafft Zeit.

Persischer Golf und Energiewende in Oberösterreich

Wie diese Dynamik in der Praxis aussieht, lässt sich am Beispiel Schwefel nachvollziehen. Ein massiver Anteil des Schwefels aus der Golfregion fließt nach China. Dort wird er zu Schwefelsäure verarbeitet.

Anfang Mai, etwa zwei Monate nach Beginn der Blockade, hat China nun einen Exportstopp für Schwefelsäure angekündigt, um die eigene Binnenwirtschaft zu schützen. Chile, das mehr als ein Drittel seiner Schwefelsäure aus China bezieht, benötigt diese aber für die Kupferproduktion. Ohne Schwefelsäure kein Kupfer. Und ohne chilenisches Kupfer fehlen die Basismaterialien für Batterien europäischer Elektroautos.

Eine Blockade im Persischen Golf verzögert Monate später die Energiewende in Oberösterreich, weil in Chile die Kupferminen stillstehen.

Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Die Störungen fressen sich langsam, aber kontinuierlich durch die zunehmend komplexen Lieferketten. Das ist die paradoxe Nachricht dieser Tage: In weiten Teilen der Wirtschaft herrscht noch „Business as usual“, die Puffer und Anpassungsfähigkeit wirken noch. Sollte die Straße von Hormus in den nächsten Wochen dauerhaft geöffnet werden, bliebe es bei einem hässlichen, aber verkraftbaren Preisschock.

Bleibt die Blockade jedoch bestehen, müssen wir dieses Ereignis als das verstehen, was es ist: kein Hürdensprint, sondern ein Langstreckenhindernislauf. Die Verwerfungen werden sich über Jahre durch das System arbeiten, ähnlich wie die Nachbeben der Pandemie oder der Energiekrise von 2022. Der erste Dominostein ist bereits gefallen.

Zur Person

Peter Klimek ist Physiker und Komplexitätsforscher. Er ist Direktor des heimischen Lieferketteninstituts „Supply Chain Intelligence Institute Austria’’ (ASCII) und forscht am Complexity Science Hub.