<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Das Gute an der VP-Schule

Von den banalen Vorteilen der Neuen Mittelschule gegenüber der Gesamtschule und vom Sinn der mittleren Reife.

Der Vorschlag der ÖVP, alle bisherigen Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen auszubauen, ist in meinen Augen das Beste, was unserem Schulsystem passieren konnte.

Kämpferische Anhänger der Gesamtschule werden natürlich sofort widersprechen, und auch das Gros der Medien teilt meinen Enthusiasmus in keiner Weise: Die ÖVP habe sich zwar bewegt, doch längst nicht genug, urteilte etwa die bürgerliche „Presse“. Und als VP-Obmann Josef Pröll in der „ZiB“ erklären sollte, warum er sich weiterhin gegen die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen sperrt, obwohl sich die Neue Mittelschule laut VP-Konzept weder im Lehrplan noch in der Qualität von einer AHS unterscheiden soll, blieb er die Antwort schuldig.

Aber es gibt diese Antwort, auch wenn sie weder der Ideologie der ÖVP entspricht, noch sexy ist: Es ist nach menschlichem Ermessen um einiges kostengünstiger, die vorhandenen Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen auszubauen, als die Gesamtschule einzuführen. Denn die ­Neuen Mittelschulen können zu einem sehr großen Teil mit dem Lehrpersonal der Hauptschulen betrieben werden, aus denen sie im Allgemeinen hervorgehen, und auch wenn dieses Lehrpersonal spürbar aufgestockt werden muss, geht es dabei doch um „Pflichtschullehrer“, die deutlich weniger als AHS-„Professoren“ kosten. Im Rahmen einer Gesamtschule müsste hingegen wohl so etwas wie ein Gesamt-Lehrkörper aus AHS- und Pflichtschullehrern gebildet werden, und ich möchte die diesbezüglichen Verhandlungen lieber nicht erleben. Jedenfalls müsste ich mich gewaltig irren, wenn die Gewerkschaft nicht sofort forderte, dass die Gehälter der Pflichtschullehrer denen der bisherigen AHS-Lehrer angenähert werden müssen, da ja nun – im Rahmen der Gesamtschule – beide die gleiche Tätigkeit verrichten.

Es entstünde ein unglaubliches Gerangel, das in Un­finanzierbarkeit mündete. Es ist daher durchaus vernünftig, lieber die (immer noch beträchtlichen) Mehrkosten für die Aufstockung der Pflichtschullehrer auf sich zu nehmen, als diese Auseinandersetzung mit der Gewerkschaft zu riskieren.

Das Experiment wird jedenfalls dann als gelungen anzusehen sein, wenn diese Aufstockung ausreicht, den Leistungsunterschied von Neuer Mittelschule und AHS-Unterstufe zu beseitigen.

Die ÖVP scheint diesbezüglich optimistisch, denn ihr Konzept schlägt ja eine zentrale Zwischenprüfung („mittlere Reife“) vor, die alle 14-Jährigen sowohl an der Neuen Mittelschule wie an der AHS ablegen müssen, um in die Oberstufe der AHS zu gelangen. Ich bin in Kenntnis vieler Hauptschulen (abseits der Wiener Rest-Hauptschulen) ähnlich optimistisch: Ich glaube, dass die Absolventen der Neuen Mittelschulen bei dieser Zwischenprüfung kaum schlechter als die Absolventen einer AHS-Unterstufe abschneiden werden, weil die Pflichtschullehrer kaum schlechter als die „Professoren“ unterrichten. In jedem Fall entsteht eine fruchtbare Konkurrenz.

Dass Claudia Schmied (und diverse Bildungsforscher) solche Bedenken gegen diese Zwischenprüfung anmelden, wundert mich, denn sie ist auch Bestandteil des viel gerühmten finnischen Schulsystems: Nach sechs Jahren Gesamtschule müssen in Finnland alle 13-Jährigen (die Schulpflicht beginnt dort mit sieben) eine zentrale Zwischenprüfung ablegen, um in eine Art AHS aufzusteigen, wo sie dann nicht mehr von einem „Klassenlehrer“, sondern von diversen Fachlehrern in Leistungsgruppen unterrichtet werden.
Nicht die „Prüfung“ wird von den Finnen vermieden, sondern es wollen nur alle Beteiligten, dass sie von möglichst vielen Schülern bestanden wird.
Es ist in meinen Augen unsinnig, Österreichs Schüler vor einer solchen zentralen Zwischenprüfung bewahren zu wollen – sie sollen sich im Gegenteil daran gewöhnen, weil sie die AHS ja auch mit einer solchen Prüfung abschließen müssen.

In Wirklichkeit würde Österreichs Schulsystem durch die aus der Hauptschule gewachsene Neue Mittelschule dem finnischen Schulsystem maximal angenähert: Die ersten acht Jahre kümmerte sich (fast wie in Finnland durch die ersten sechs Jahre) ein „Klassenlehrer“ (de facto meist eine Klassenlehrerin) in der Volks- und dann der Neuen Mittelschule um die Schüler, dann entschiede (ganz wie in Finnland) die zentrale Zwischenprüfung über den Aufstieg in die AHS.

Die ist bei uns freilich vorerst noch eine Eintopf-Schule, während sie in Finnland (oder auch England) in Leistungsgruppen aufgespaltet ist, sodass man sie in unterschied­lichen Gegenständen auf unterschiedlichem Niveau abschließen kann. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

In einem anderen Punkt orientiert sich das ÖVP-Konzept schon jetzt an Finnland: Die Schulen sollen wesentlich mehr Autonomie erhalten – insbesondere soll der Direktor seine Lehrer selbst engagieren dürfen. In Finnland darf die Schulgemeinde sogar den Lehrplan selbst bestimmen – aber auch das kann ja noch werden. Der schwarze Schritt vorwärts ist jedenfalls ein rundum gewaltiger und meines Erachtens auch ausreichend großer.

Die Hoffnung, dass wir deshalb schon demnächst bei PISA viel besser abschneiden, wäre trotzdem kühn. Dazu braucht es auch noch die viel bessere Vorschulerziehung, die viel bessere Lehrerausbildung und vor allem die viel kleineren Schulklassen. Deshalb werde ich unverändert Hannes Androschs Volksbegehren unterschreiben – aber nicht mehr gegen die ÖVP.

peter.lingens@profil.at