<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Torheit der Regierenden

Die Despoten der arabischen Welt bereiten seit Jahrzehnten systematisch ihren Sturz vor. Die USA begreifen es nicht.

Kein politisches Buch hält der empirischen Überprüfung seiner Thesen so anhaltend stand wie die Analyse der Historikerin Barbara Tuchman in Bezug auf „Die Torheit der Regierenden“: Auch wenn ihre Politik noch so offensichtlich den eigenen Interessen widerspricht, setzen verblendete Machthaber sie bis zum bitteren Ende fort. Eindrucksvollstes Beispiel Tuchmans waren die Renaissancepäpste, die so lange prassten, hurten und mordeten, bis die Abspaltung der Protestanten unausweichlich wurde. Heute liefern ihr die Potentaten der arabischen Welt den schlüssigsten Beleg: Obwohl offensichtlich war, dass ihre unsagbare Korruption bei gleichzeitiger Verweigerung der notdürftigsten sozialen und politischen Reformen die Wut der Bevölkerung überkochen lassen musste, sind sie eisern bei dieser Politik geblieben – bis der Aufstand der Massen sie einen nach dem anderen hinwegfegt.

Die Torheit, argumentiert Tuchman, ist ein Kind der Macht; die Macht, Befehle zu erteilen, führt dazu, das Denken einzustellen; die Verantwortlichkeit verschwindet in dem Maße, in dem der Handlungsspielraum wächst. Tunesiens Ben Ali wie Ägyptens Hosni Mubarak hatten dank des Wirtschaftswachstums, das die Globalisierung ihren Ländern vermehrt bescherte, die Möglichkeit, die Kluft zwischen Armen und Reichen zu verringern – und haben sie mittels maßloser Korruption so weit wie möglich vergrößert. Beide hatten, dank der gestiegenen Bildung ihrer Bürger, die Chance, ihre Staatswesen erfolgreich in Demokratien überzuführen – und haben stattdessen versucht, sie zu erblichen Diktaturen umzugestalten. Dabei konnten sie von Lateinamerika bis in die Sowjetunion mit ansehen, dass es nicht nur das selbstverständliche Verlangen nach einem besseren Leben, sondern darüber hinaus so etwas wie „die Gier nach Freiheit“ („Der Spiegel“) gibt: Die Mitsprache der Bevölkerung ist unabwendbar. Sie wird irgendwann auch die Saudi-Araber und die Chinesen ergreifen – auch die Tage dieser Reiche sind gezählt.

Statt großer Freude herrscht in der freien Welt vor allem Angst: Die Revolutionen könnten, wie im Iran, zur Herrschaft fanatischer Islamisten führen. Diese Angst ist sicher nicht unbegründet: Im Chaos, das einer Revolution fast immer folgt, kann eine kleine, fanatische Gruppe, die genau weiß, was sie will – wie die Bolschewiken in Russland oder Fidel Castro in Kuba –, bekanntlich durchaus die Macht erringen, obwohl die Mehrheit ganz andere Vorstellungen von der Zukunft hat. Aber sowohl in Tunesien wie in Ägypten ist das unwahrscheinlich: Die Moslembrüder sind dort nicht viel radikaler als die Sozialdemokraten der Zwischenkriegszeit – ihre Fanatiker sind im Kerker umgekommen oder üben Terror im Ausland. Nichts spricht dafür, dass sie in Tunesien oder in Ägypten die Macht ergreifen könnten. Es zählt zur Torheit westlicher Regierungen, die ganz normale politische Chance islamischer Parteien mehr als die Diktatur von Autokraten zu fürchten.

Das gilt insbesondere für die USA: Sie unterstützen noch so düstere Despoten, wenn sie sich als Bollwerk gegen das Vordringen des Islam aufspielen – so wie sie seinerzeit jeden Diktator ans Herz gedrückt haben, der versprach, den Kommunismus aufzuhalten. Gerade in unterentwickelten Ländern haben sie auf diese Weise fast immer aufs falsche Pferd gesetzt. Dass Barack Obama sich wenigstens jetzt für einen „raschen Übergang“ von Mubarak zu einer neuen Führung eingesetzt hat, spricht für seine Lernfähigkeit – aber es kommt um Jahre zu spät. Es hat ein einziges Mal den Versuch gegeben, die US Außenpolitik von Grund auf zu revidieren: Jimmy Carter meinte, die USA sollten nur einigermaßen anständige Regime unterstützen. Das wurde als naiv abgetan und die Gegenthese aufgestellt, dass ein US-freundlicher Diktator immer noch besser als ein Gegner sei. Ich bevorzuge demgegenüber eine Einsicht Winston Churchills: Man wisse von einer schwierigen politischen Entscheidung fast nie, ob sie nütze oder schade – daher könne man gleich das Anständige tun.

Israels Regierung hat sich in der aktuellen Krise mit Hosni Mubarak solidarisiert, indem sie seine Behauptung unterstützt, dass er die einzige Alternative zum Chaos sei. Sie hält ihm zugute, dass er den Friedensvertrag eingehalten und die Palästinenser bestenfalls verbal unterstützt hat. Wenn er wider Erwarten an der Macht bleiben sollte, wird er Israel dankbar sein, und auch im Falle seines Sturzes werden zumindest die Kreise, die ihn stützten, vielleicht weiterhin aufseiten Israels sein. Dem steht gegenüber, dass die Israelis auch die Möglichkeit gehabt hätten, sich mit der ägyptischen Bevölkerung zu solidarisieren und sie auf Israels Seite zu ziehen, indem sie mit ihr den raschen Übergang zur Demokratie fordern. Diese Entwicklung ist zugegebenermaßen mit dem Risiko behaftet, dass eine künftige ägyptische Regierung die Palästinenser, anders als Mubarak, energisch bei ihrer Forderung nach einem eigenen Staat unterstützt. Von keiner der beiden möglichen israelischen Haltungen kann man mit absoluter Sicherheit wissen, dass sie Israel den größeren Nutzen bescherte. Wohl aber kann man wissen, was anständiger ist. Auch die Israelis sollten Tuchmans Analyse lesen.


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