<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Ein Hoch auf den Dollar!

Von der unterschiedlichen Wahrnehmung wirtschaftlicher Gegebenheiten durch Ratingagenturen und Wirtschaftsjournalisten.

Eines muss man den USA lassen: Ihre PR ist so grandios, wie die der EU mies ist: Nur vier Jahre ist es her, dass die Amerikaner und ihre Ratingagenturen der Welt ein­zureden vermochten, sie hätten den inflationsgesicherten Boom erfunden, die Vollbeschäftigung durch expandierende Dienstleistungen auf alle Zeiten gesichert und hielten den Weltrekord an Produktivität; wenn Europa nicht endlich seine „Hausaufgaben“ machte, müsste es endgültig den Anschluss verlieren. Niemand verbreitete dieses Märchen enthusiastischer als Europas und voran Deutschlands Wirtschaftsjournalisten.

Bis es 2007 in sich zusammenstürzte: Der Boom war schuldenfinanziert und das Mega-Wachstum der Produktivität ein statistischer Trick; die Vollbeschäftigung beruhte nicht zuletzt auf einem veralteten Maschinenpark, und im Dienstleistungssektor hatten vor allem jene Finanzdienstleistungen expandiert, die einen entscheidenden Teil der Misere mitzuverantworten haben.

So viel wirtschaftliche Wahrheit hielt selbst der Dollar nicht aus und begann zu sinken, während der Euro mit gutem Recht stieg, obwohl die EU Milliarden fauler US-Kredite verdauen musste. Bis Griechenland passierte: Denn jetzt vermögen die USA und ihre Ratingagenturen der Welt einzureden, dass der Bestand der Eurozone und der EU gefährdet ist, während sie sich auf dem Weg der Genesung befinden.

Und wie seinerzeit werden sie dabei von Europas, voran Deutschlands Wirtschaftsjournalisten kräftig unterstützt, indem auch sie den Euro und die EU so krank wie möglich beten: „Euro-Land ist abgebrannt.“

Damit will ich die Pleite Griechenlands in keiner Weise verharmlosen und übersehen, dass auch Portugal und Spanien gröbere Probleme haben. Aber selbst gemeinsam ist ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung der EU noch immer weit geringer als der Anteil des konkursreifen Kalifornien an der Wirtschaftsleistung der USA. Und Kalifornien ist nur einer von zehn US-Bundesstaaten, die aktuell in ihrer Zahlungsunfähigkeit gefährdet sind. Das beruht allerdings auch darauf, dass es Kalifornien per Gesetz verboten ist, sein Defizit durch die Aufnahme von Krediten abzufangen, sodass ihm nur übrig bleibt, seinen Bürgern anstelle von Zahlungen Schuldscheine in die Hand zu drücken. Beamtengehälter und Sozialleistungen wurden bereits derart gekürzt, dass sogar Kinderspitäler zusperren müssen und immer mehr Leute sich um Suppe anstellen.

Trotzdem hat dieses Desaster – das sich in Abwandlungen auch in anderen Bundesstaaten beobachten lässt – dem Dollar nicht geschadet, während die Schwierigkeiten des winzigen Griechenland den Euro schon 20 Prozent seines Werts gekostet haben.

Dogmatische Liberale werden einwenden: weil das, was in Kalifornien geschieht, das genau Richtige ist und auch in Griechenland geschehen sollte – drastisches Sparen statt neuer Schulden. Nur dass dieses Rezept bisher in keiner Weise funktioniert: Die Krise Kaliforniens hat sich vertieft. Aber selbst wenn es wider alle aktuelle Erfahrung am Ende doch funktionieren sollte, erklärt das nicht, dass der Euro wegen Griechenland, Portugal und Spanien fällt, während der Dollar trotz Kalifornien, Pennsylvania und Michigan (die ähnlich pleite sind) steigt.

Vor dem EU-Regenschirm ließ sich der Unterschied damit begründen, dass für die Außenstände bankrottgefährdeter US-Bundesstaaten letztlich eben doch die gesamten USA haften und dass deren Konkurs nicht denkbar ist. Aber jetzt haftet für die Außenstände bankrottgefährdeter EU-Staaten letztlich die gesamte EU, und deren Konkurs ist mindestens so undenkbar. Was also hat die EU falsch gemacht? Im Wesentlichen: Sie hat diese ihre Haftung erst in einem Moment erklärt, in dem schon Feuer am Dach war, sodass das Publikum darin nichts als eine riskante Feuerwehraktion anstelle vorausschauender Politik gesehen hat. Während die USA ihre solidarische Haftung als selbstverständlich erachten, sträubt sich die EU gegen ein neues Selbstverständnis dieser Art, weil sie partout kein Bundesstaat sein will.

Und natürlich spielen auch die US-Ratingagenturen wieder ihr Heimspiel: Obwohl die USA sich im Verlauf der letzten Jahre ungleich stärker als die EU verschuldet haben, ziehen sie ihre Bonität nicht in Zweifel, während sie die Bonität der EU via Griechenland, Spanien und Portugal prügeln. Statt dass der Dollar weiter gegenüber dem Euro fiele, fällt der Euro gegenüber dem Dollar. Wenn viele Leute das für wirtschaftlich berechtigt halten, kann es – wie in der ­Vergangenheit – die Realität verändern: Die internationalen Finanzströme könnten ein zweites Mal vorrangig in die USA fließen.

Ich vertraue dennoch der wirtschaftlichen Realität. Die Chancen Spaniens, mittels des bereits laufenden Sparprogramms aus seinen Problemen herauszukommen, sind wesentlich besser als die Chancen Kaliforniens, sich ohne Kredite zu erholen; und selbst wenn man Griechenland am Ende einen Teil seiner Schulden als uneinbringlich erlassen muss, ist das für die EU kein Drama und für die Griechen eine faire Chance: Ihre Sparbemühungen sind so ernst- wie schmerzhaft, und vielleicht werden ihre zahlreichen Millionäre doch irgendwann Steuern zahlen. Wir können aber natürlich gegensteuern: indem wir ­weiterhin Griechenland-Urlaube stornieren.

peter.lingens@profil.at