Peter Michael Lingens: Flüchtlinge: Was geschafft wurde

Peter Michael Lingens: Flüchtlinge: Was geschafft wurde

Eine nicht ganz so pessimistische Rundschau mit Christian Konrad.

Als Raiffeisen Ex-General Christian Konrad zum Flüchtlingskoordinator ernannt wurde, haben das Medien gleich welcher Couleur zu Recht als „Glücksfall“ bezeichnet. Ich kenne wenige Menschen, bei denen gesunder Menschenverstand, Durchschlagskraft und christliche Gesinnung eine ähnlich erfolgreiche Verbindung eingegangen sind.

Ein Besuch bei ihm, wie er diesem Kommentar zu Grunde liegt, schafft Optimismus.
Seit es nicht mehr gesellschaftsfähig ist, sagt er zwar nicht mehr, dass er eine Obergrenze für unzulässige hält, weil es unsere verdammte Christenpflicht sei, Verzweifelte aufzunehmen, aber er weiß, dass ich es weiß. „Wir schaffen das“, hat er von vornherein nie gesagt, wohl aber: „Wer will, kann alles schaffen.“ Und vor allem: „Wir haben eine Menge geschafft und können noch viel mehr schaffen.“

Österreich, das wird jeder unvoreingenommene Beobachter bestätigen, kommt nach anfänglichen Turbulenzen trotz Heinz Christian Straches Gegenpropaganda mit dem aktuellen Flüchtlings-Problem zwar nicht in der Theorie wohl aber in der Praxis recht gut- weit besser als Deutschland- zu Rande: Flüchtlingsunterkünfte brennen bei uns nur sehr selten, und Traiskirchen hat ist nicht mehr überfüllt.

Für die Zukunft ist mit dem Roten Kreuz der Bau von Holzhäusern abgesprochen, die die aktuellen Container in absehbarer Zeit ersetzen können. Die Gemeinden sollen den Baugrund zur Verfügung stellen, Rotes Kreuz, Diakonie oder Caritas werden für geeignete Bauträger sorgen. Konrad hofft auf Spenden – „die Großen sind gefordert“ – aber die Finanzierung ist letztlich auch durch jene Beträgen möglich, die bei der „Mindestsicherung“ für die Wohnungsmiete vorgesehen sind.

Sie ist natürlich umso einfacher, je billiger die Häuser kommen. Das wieder könnten sie sein, wenn man die Bauordnung etwas Kostenfreundlicher gestaltete. Insgesamt verteuern penible Bauvorschriften jeden Wohnbau mittlerweile um gute 30 Prozent. (Insbesondere beim Holzbau, der etwa in den USA die mit Abstand preiswerteste Bauform für kleinere Gebäude darstellt, so dass sie praktisch immer aus Holz errichtet werden, hat die Betonlobby für besonders strenge Vorschriften gesorgt.) Das ist in Bezug auf heimische Wohnungssuchende genau so problematisch wie in Bezug auf Flüchtlinge: Es kann, so behaupte ich, gar nicht soviel Energie einsparen und Gefahren abwehren, wie es akut an sozialen Problemen schafft.


Flüchtlingsunterkünfte brennen bei uns nur sehr selten und Traiskirchen ist nicht mehr überfüllt.

Obwohl auch weiterhin mehr Flüchtlinge ins Land kommen als die „Obergrenze“ suggeriert – sie sickern über die grüne Grenze und sogar aus Ungarn ein, weil Schlepper wissen, wie man Grenzsoldaten für sich einnimmt-– ist Konrad überzeugt, dass ihre Unterbringung uns nicht überfordert. Statt einmal mehr auf die Gemeinden hinzuweisen, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, weist er darauf hin, dass mittlerweile zwei Drittel aller Gemeinden sehr wohl welche aufgenommen haben. In Vorarlberg sei die Aufnahmebereitschaft sogar flächendeckend. (Das stellt in meinen Augen den dort nicht selten agierenden FPÖ-Bürgermeistern ein besser als erwartetes Zeugnis aus.)
Die drei Bürgermeisterkonferenzen, die Konrad mittlerweile mit mehren hundert Bürgermeistern abhalten konnte, zählt er zu den „wirklichen Erfolgserlebnissen“ im Rahmen seiner Tätigkeit: „Man hat ihnen nicht erklären müssen, was sie machen sollen. Sondern jeder von ihnen hat dem anderen erklärt, wie er es macht. Ich habe nur so gestaunt, wie positiv sie an ihre Aufgabe herangehen.“

Wie er „positiv“ an gewisse zentrale Probleme der Flüchtlingsintegration heranginge, will er mittlerweile auch nicht mehr ausführen- „ich will die Politik nicht kommentieren“ - aber ich kenne ihn lange genug (ca. 35 Jahre), um es mir auszumalen:
O Die Arbeitslosigkeit sähe er im Moment weniger kritisch als der Sozialminister: Im Gastgewerbe gibt es unverändert hunderte offene Stellen und viel zu wenig einheimische Bewerber. In vielen Branchen – die Kosmetik ist eine davon, die ich zufällig kenne- liegen die Dinge ähnlich. Offenkundig sind nicht alle „Arbeitslosen“ so dringend an einer Arbeit interessiert, wie die jeweiligen Sozialminister meinen. Die Flüchtlinge hingegen sehr wohl.
O Für ihren Deutsch- Unterricht stellte Konrad zweifellos ungleich mehr Budgetmittel bereit: Die aktuellen paar Deutsch-Stunden pro Woche sind viel zu wenig. Wesentlich mehr Deutschstunden - die SPÖ fordert 20 pro Woche- kosten zwar im Moment wesentlich mehr, denn man kann nicht ausschließlich auf den Goodwill pensionierter Lehrer setzen, aber schon in wenigen Jahren ersparen uns diese Mehrkosten viel höhere Mehrkosten wegen sozialer Probleme und gestiegener Arbeitslosigkeit.

Am meisten am Herzen liegen dem Christen Konrad in jeder Hinsicht die unbegleiteten moslemischen Jugendlichen: „Die haben auf dem Weg hierher Unglaubliches geleistet, egal ob sie aus Syrien oder Afghanistan kommen. Es ist völliger Unsinn, sich vor denen zu fürchten. Aber wenn junge Leute sehr lange den ganzen Tag herumsitzen müssen und nichts tun können, können natürlich auch welche auf blöde Ideen kommen. Man muss sie sinnvoll beschäftigen. Das ist im Moment das Dringendste.“

Was die angebliche Kriminalität betrifft, verweist Konrad auf die Kriminalstatistik: 2015, das Jahr, in dem Österreich die meisten Flüchtlinge in seiner Geschichte aufgenommen oder „durchgewinkt“ hat, war das Jahr mit der geringsten Kriminalität.

Gespräche über die allgemeine Flüchtlingspolitik in Europa ersparen wir einander. Nur eine allgemeine Erkenntnis teilen wir: Mit dem Wohlstand sinkt die Hilfsbereitschaft bei erstaunlich vielen Leuten. Jeder glaubt, das es das wichtigste ist, seinen Besitzstand zu verteidigen- im ehemaligen Ostblock den vorerst noch geringen – bei uns oder in Deutschland den mittlerweile ziemlich großen. „Dabei“, so Konrad, „hat das letzte Hemd, mit dem ma geht keine Taschen“.

Beide beschleicht uns eine gewisse Wehmut, wenn wir uns an die Reaktion der damals pudelarmen Österreicher auf den Flüchtlingsstrom von 1956 aus Ungarn erinnern. Aber Konrad wischt das sofort wieder weg. „Es gibt auch jetzt viele Leute, die viel tun.“
Ich habe immer gehofft, dass Österreich, wie Flüchtlingsfeindlich es sich nach außen auch geben mag, nach innen Flüchtlingsfreundlich bleiben wird. Solange Leute wie Konrad nicht verzagen, verzage ich auch nicht.