<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Griechisch ­funktioniert nicht

Hoffentlich gewinnt die sparunwillige Linke der Griechen die kommenden „Schicksalswahlen“ – zu ihrem und ­unserem Vorteil.

Während die Granden der EU demonstrativ die Hoffnung hochhalten, dass die Griechen bei den kommenden Wahlen ein klares Votum für den geforderten Sparkurs und damit den Verbleib in der Eurozone abgeben, hoffe ich, dass die wirre Linke eine Mehrheit fürs Gegenteil erhält. Denn ich gehöre zu jenen 71 Prozent der Österreicher, die laut OGM-Umfrage (siehe profil 22/2012) ein Ausscheiden der Hellenen aus der Eurozone für das geringere Übel halten. Weder glaube ich, dass die Rückkehr zur Drachme für sie tatsächlich zur Katastrophe wird, noch, dass die Eurozone am „Dominoeffekt“ zerbricht. Wenn doch, dann war sie sowieso nicht lebensfähig.

Normalerweise wird ein Wirtschaftsraum stärker, nicht schwächer, wenn er ein untaugliches Mitglied nicht länger mit Milliarden durchfüttern muss. Im Gegensatz zu An­dreas Schieder glaube ich, dass das auch die berühmten „Märkte“ so sehen: Obwohl sie das Ausscheiden Griechenlands längst für eine höchst reale Möglichkeit halten, ist jede dramatische Reaktion ausgeblieben.

Wenn Merkel & Hollande Griechenlands Ausscheiden in dieser Form kommentieren – als Stärkung statt als Gefährdung – und wenn sie gleichzeitig klarstellen, dass die hinzugewonnene Stärke es umso einfacher macht, die sparwilligen Staaten – Portugal, Italien, Spanien – im Euro zu halten, dann sehe ich dessen Schicksal mit eher gestärktem als geschwächtem Optimismus entgegen.

Griechenland war nie auch nur entfernt Euro-fähig. Es hat die Aufnahme in die Eurozone bekanntlich teils mittels falscher Zahlen erschwindelt, teils haben die Prüfer beide Augen zugedrückt, weil der unsinnige politische Wille bestand, diese Zone so groß wie möglich zu gestalten. (Viel besser wäre immer das Gegenteil gewesen: die Eurozone vorerst auf Deutschland, Frankreich, Österreich und ihresgleichen zu beschränken und weitere Mitgliedschaften nur nach einer strengsten Aufnahmeprüfung zu gestatten. Bis heute ist es ein zentraler Fehler der EU, die Idee „verschiedener Geschwindigkeiten“ abzulehnen.)

Schwerer als Griechenlands geringe wirtschaftliche Leistungsfähigkeit wiegt in meinen Augen die Schwäche seines Staatswesens: Noch so „freie“ Marktwirtschaft verlangt ein Mindestmaß an Recht und Ordnung.

Griechenland fehlt nicht nur ein „Grundbuch“, sondern Christine Lagarde hat zu Recht auch das Fehlen jeglicher Steuermoral angeprangert. Zugleich fehlt ein Mindestmaß an Fairness und wirtschaftlichem Verständnis: Angela Merkel als Nazi-Aggressor zu diffamieren, nachdem Deutschland dem Land Milliarden Euro zukommen ließ, ist ebenso abenteuerlich wie die offen geäußerte Idee, staatliche Schulden selbstverständlich nicht zu bezahlen.

Selbst wenn die einstigen Führungsparteien, Sozialisten und Konservative, die ultralinken Abenteurer bei den Wahlen knapp überstimmten, wäre es sinn- und vor allem erfolglos, ein Land in der Eurozone zu halten, in dem die beschriebenen Gedankengänge breiten Zuspruch gefunden haben. Dass ein Teil des nach Griechenland gepumpten Geldes dem Ankauf deutsch-französischer Rüstungsgüter und der Sanierung diverser Banken diente, ist mir durchaus bewusst – dennoch war die deutsche Unterstützung für Griechenland in Summe so gewaltig, dass sie Dank anstelle von Empörung verdiente.

Jedenfalls verdient Griechenland den Euro vor allem politisch nicht. Mit Franz Schellhorn vom Wirtschaftsressort der „Presse“ glaube ich, dass es außerdem mit der Drachme besser fahren wird. Denn das größte Problem des Landes ist – neben der Schwäche der staatlichen Strukturen – das durch den Euro geschaffene viel zu hohe Lohn- und Preisniveau.

Theoretisch ließe sich zwar beides durch drastisches Sparen und Kürzen reduzieren, aber das erweist sich in der Praxis als undurchführbar: Die griechischen Preise sind kaum gefallen, die Kürzung von Gehältern und Pensionen erweist sich als sozialer Sprengstoff, zumal die wirklich Reichen ungeschoren blieben.

Das wird zwar auch bei der Rückkehr zur Drachme der Fall sein – sie haben ihre Euros längst in der Schweiz –, aber ansonsten wird die Drachme Löhne und Preise gleichmäßig im Ausmaß ihrer Abwertung reduzieren. Nur so kann Griechenland teure Importe drosseln und mit den Gütern, die es vor allem anzubieten hat – landwirtschaftliche Produkte und Tourismus –, wieder konkurrenzfähig werden. Es sind dies nämlich die Güter, die auch sein Nachbar Türkei in erster Linie verkauft – nur dass türkische Landarbeiter für 4,5 Euro, griechische nicht unter acht Euro pro Stunde zu haben sind und dass eine Tourismus-Arbeitsstunde in der Türkei rund sechs, in Griechenland fast elf Euro kostet. Entsprechend massiv ist der griechische gegenüber dem türkischen Tourismus in Rückstand geraten.

Es stimmt, dass Griechenland seine Schulden mit der Rückkehr zur Drachme verdoppelt, denn es wird den größten Teil davon weiterhin im teuren Euro haben und unmöglich bezahlen können. Nur kann es seine Schulden auch als Mitglied der Eurozone unmöglich bezahlen, wenn wir ihm nicht vorher Milliarden schenken. Ich halte es für einfacher, das Geld gleich zu behalten.

peter.lingens@profil.at