<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Lasst Banken endlich sterben!

Solange sie weder strenge Vorschriften noch Pleiten fürchten müssen, wird die „Italien-Krise“ auf die „Spanien-Krise“ folgen.

Wenn es eine Meldung aus der Politik auf Seite eins der „Krone“ schafft, muss sie dem Volk aus dem Herzen sprechen: „Merkel: Banken unter Kuratel stellen!“ schaffte das vorige Woche spielend.
Der Anlass dürfte Lesern meiner Kolumnen geläufig sein: Spaniens Banken brauchen Milliardenspritzen – und all die Banken der EU, die spanische Staatsanleihen besitzen, brauchen sie auch. Die Frivolität der Banken ist Kernbestandteil der aktuellen Krise. Nur dass ich nicht glaube, dass ihre Gestion sich entscheidend verbessert, wenn man sie unter Kuratel stellt: Banken müssen endlich wieder untergehen können. Nur dann werden Banker wieder mit der Vorsicht eines ordentlichen Kaufmanns agieren.

Ich habe mehrfach von den Apartmentfriedhöfen berichtet, die Spaniens Banken seit Jahren finanzieren: Vielfach liegen sie auf kahlen Berghängen mit Blick auf Autobahnen. Jeder Bankmanager, der diese Bauplätze gesehen hat, musste erkennen, dass nicht einmal für blöd gehaltene „Ausländer“ dort Wohnungen erwerben würden. Um dennoch Tausende solcher Apartments zu finanzieren, musste man blind oder schwachsinnig sein – oder ein guter Freund des örtlichen Bürgermeisters beziehungsweise Bauunternehmers.

Die OECD hat Spanien seit Jahren vor der wachsenden Immobilienblase gewarnt – dennoch sind selbst die führenden Banken solchen Projekten nicht ausgewichen. Denn dank des Euro war der Zinssatz, zu dem sie sich Geld beschaffen konnten, denkbar niedrig und also ihre Risikobereitschaft denkbar hoch. Das galt auch für die Bürger: Zu Tausenden haben sie solche Wohnungen gegen billige Kredite als Investment erworben. Jetzt, da die Zinsen hoch sind, können sie die Raten nicht mehr zahlen, und die Banken bleiben auf den verpfändeten Immobilien sitzen.

Das Szenario entspricht exakt der US-Subprime-Krise: Abertausende faule Kredite, Abertausende unverkäufliche Apartments. Nur dass Gott sei Dank niemand diese Kredite in Wertpapiere verpackt und an Banken im Rest Europas verkauft hat. So haben diese jetzt wenigstens nur mit ihren abzuwertenden spanischen Staatsanleihen zu kämpfen. Wobei die OECD schon seit Jahren auch auf Spaniens allgemeine Wirtschaftsprobleme hingewiesen hat: auf die zu hohen Lohnstückkosten, auf die sich ständig verschlechternde Leistungsbilanz beziehungsweise die ihr entsprechende immer höhere Verschuldung der privaten Haushalte.
Trotzdem haben sich Banken allenthalben mit spanischen Staatsanleihen eingedeckt. Man kann schwer behaupten, dass ihre Risikomanager rasend vorsichtig gewesen wären. Die werden einwenden, dass Spanien bei mehr Vorsicht schon lange unter hohen Zinsen gelitten hätte – genau das hätte dem Land die ganze Katastrophe erspart.

Der natürlichste Hintergrund der Vorsicht eines Kaufmanns ist die Sorge, dass sein Unternehmen pleitegehen und diese Pleite ihn den Job kosten könnte. In den USA sind seit 2008 an die dreihundert Banken pleitegegangen.

Zusammen mit neuen strengeren Vorschriften hat diese Auslese das US-Bankensystem erheblich gestärkt.
Die EU hat ihre Vorschriften weit weniger gestrafft und Bankenpleiten panisch vermieden – in Österreich wurde selbst die winzige Constantia Privatbank aufgefangen. Das hat Europas Bankensystem in der alten Frivolität verharren lassen.

Natürlich ist mir klar, dass man „systemrelevante Banken“ nicht gut pleitegehen lassen kann. Aber daraus würde ich, wie Barack Obama, schließen, dass man für sie strengere Vorschriften braucht – wie manche Staaten sie durchaus hatten. So war kanadischen Banken jede „kreative Buchführung“ untersagt, und sie durften weder zu kritischer Größe fusionieren noch komplexe Derivate erwerben – mit dem Erfolg, dass sie von der Finanzkrise verschont geblieben sind.

Die EU sollte über vergleichbare Vorschriften nachdenken, statt Energiesparlampen vorzuschreiben. Der Einwand, dass England nie mittäte, zieht nicht: Die Vorschriften für Kanadas Banken wurden 2005 trotz der Konkurrenz des riesigen US-Bankensektors erlassen.
Österreichs Nationalbank verbietet unseren Banken neuerdings immerhin große „Hebel“, aber das Sterben einer Bank bleibt tabu. Wozu musste man die Hypo Alpe-Adria mit Milliarden retten, wozu jetzt die Volksbanken milliardenteuer vor der Pleite schützen? Die berühmten „kleinen Sparer“ waren durch die Staatsgarantie abgesichert. Die frei werdenden Kommerzkunden hätten den Kundenstock der wirklich systemrelevanten Banken – Raiffeisen, Erste und Bank Austria – nützlich vergrößert. Die eingesparten „Rettungs“-Milliarden hätten diesen Banken als Partizipationskapital zur Verfügung gestellt werden können und sie erheblich gestärkt. Das wäre zumindest eine Annäherung an freie Marktwirtschaft gewesen.

Wenn Europas Bankensektor nicht bald dorthin zurückkehrt, wird der Mantel Angela Merkels bald zu eng sein, alle notleidenden Geldinstitute aufzunehmen. ■

peter.lingens@profil.at