Peter Michael Lingens: Die Risiken niedriger Zinsen

Peter Michael Lingens: Die Risiken niedriger Zinsen

Sie wären auch ohne ultralockerer Geldpolitik der EZB so niedrig wie nie – denn es gibt mehr erspartes Geld denn je. Und zu wenig Kreditnachfrage.

Wenn ich über Norbert Hofer schreibe, hat mein Kommentar ziemlich viele Leser, und ein paar Dutzend kommentieren ihn sogar. Dabei ist Hofer relativ unerheblich dafür, was diese Leser in Zukunft erwartet – allenfalls vorzeitige Neuwahlen. Wenn ich über wirklich Wichtiges schreibe – zum Beispiel Deutschlands Lohndumping, das Europas und Österreichs ökonomische Lage entscheidend verändert hat –, ist das Interesse an meinem Kommentar ungleich geringer. Dieser Kommentar ist ähnlich uninteressant: Es geht einmal mehr um das Bemühen von EZB-Chef Mario Draghi, Europas Konjunktur durch ultralockere Geldpolitik (QE) anzukurbeln, nachdem der Sparpakt Wolfgang Schäubles sie um einen lebenswichtigen Teil der Nachfrage – die Nachfrage des Staates – gebracht hat.

Draghi will daher wenigstens die Nachfrage der Konsumenten und der Unternehmen erhöhen, indem er den Banken extrem billiges Geld nicht nur zur Verfügung stellt, sondern durch QE geradezu aufdrängt – in der Hoffnung, dass sie es als Unternehmens- und Kundenkredite weitergeben.

Wirklich gelungen ist das bisher nicht – die alljährliche Meldung der EU-Kommission, dass die Aussicht der EU auf Wachstum diesmal hervorragend sei, wird sich, wie noch jedes Jahr, als haltlos herausstellen. Natürlich findet jede Rezession irgendwann Boden und setzt wieder Wachstum ein – in Ländern, in denen es extrem eingebrochen ist, wie in Griechenland oder Spanien, steigt es zwangsläufig besonders stark wieder an. Nur liegt deren BIP noch immer unter Vorkrisenniveau. Ihre Schulden sind im Zuge des „Sparens“ weiter gestiegen, die dramatische Arbeitslosigkeit ist gleich geblieben. Die Meldung, dass sie EU-weit erstmals gesunken sei, hat nur ihren deutlichen Fall in Deutschland zur Ursache.
Ich bleibe bei meiner Meinung, dass nur ein Ende des staatlichen Sparens – staatliches Investieren – die Krise tatsächlich überwinden könnte und dass lockere Geldpolitik alleine dazu nicht ausreicht. Das versuchte auch Mario Draghi Europas und vor allem Deutschlands Spitzenpolitikern Anfang Mai in einer Rede klarzumachen. Die bisherige Reaktion aus Deutschland: eine weitere wütende Kritik seiner lockeren Geldpolitik.


Das Argument, dass die Null-Zins-Politik die Sparer enteignet, steht auf schwachen Beinen.

Ein Teil dieser Kritik, die auch hierzulande (im „Zentralorgan des Neoliberalismus“, bei der „Agenda Austria“ oder in der „Presse“) zu lesen war, ist schlichtweg widerlegt: Die Inflation ist nicht „durch die Decke geschossen“, sondern im Gegenteil mancherorts „Deflation“ gewichen. Auch das Argument, dass die Null-Zins-Politik „die Sparer enteignet“, steht auf schwachen Beinen: Ohne Inflation (oder gar mit Deflation) sind selbst die Minizinsen, die Sparer derzeit erhalten, noch ein Gewinn, während sie in den 1990er-Jahren, als Zinsen von fünf Prozent Inflationsraten bis zu neun Prozent gegenüberstanden, mit harschen Verlusten für den „kleinen Sparer“ verbunden waren. (Nur Österreich mit seiner gebührengetriebenen relativ höheren Inflation stellt innerhalb der EU derzeit die rare Ausnahme dar: Hier verlor der Sparer 2015 tatsächlich.)

Völlig unbegründet ist das Weinen der Banken über die niedrigen Zinsen: Warum soll ihre „Marge“ ausgerechnet bei billigem Geld geringer sein? Was die Margen drückt, ist die mangelnde Nachfrage nach Krediten seitens großer
Unternehmen (die in Geld schwimmen) und sind überstrenge Vorschriften, die sie bei der Vergabe von Krediten an kleine Unternehmen oder Private behindern. Dazu kommt der Rückgang im lukrativen Investmentgeschäft und in Österreich eine schwachsinnige „Bankensteuer“ als Hindernis im internationalen Wettbewerb.

Es gibt aber auch vernünftige Argumente gegen das billige Geld: Es erhöht primär das Vermögen der Reichen, denn nur die können es zu Spekulationen an den Finanzmärkten nutzen. Allerdings könnten sie es dort schon demnächst wieder verlieren, denn natürlich erhöht das billige Geld die Gefahr platzender Aktien-„Blasen“.

Die scheint zwar vorerst weit geringer als zwischen 1990 und 2007, denn die aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind weit moderater. Aber dahinter lauern Probleme. So sollen Aktienkurse nicht nur die aktuellen Gewinne eines Unternehmens, sondern auch seine Zukunftsaussichten wiedergeben. Und die sind ohne erhöhte Kaufkraft der Konsumenten und vor allem ohne vermehrte Investitionen (= Einkäufe) des Staates selbst in den USA in keiner Weise rosig. Immer öfter sind Aktienkurse schlicht geschönt: Große Unternehmen, etwa Apple, verwenden das billige Geld, um eigene Aktien zurückzukaufen und ihre Kurse so zu „pflegen“. Das Risiko eines neuerlichen „Einbruches“ ist also durchaus vorhanden.

Draghi weiß das auch. Er meint nur, dass seine Null-Zins-Politik in Wirklichkeit mitvollziehen muss, was die reale ökonomische Situation zwingend vorgibt: Dem enormen Angebot auf Sparkonten liegenden Geldes steht die viel zu geringe Geldnachfrage durch investierende Unternehmen gegenüber. Aber wozu sollen sie investieren, wenn Staat und Bevölkerung real immer weniger Geld zum Einkauf ihrer Produkte zur Verfügung haben?

peter.lingens@profil.at