<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Töchterle erlebt Schmieds Schicksal

Von der fortgesetzten, absurden Ablehnung zwingender Studienreformen.

Etwa so unsinnig und ideologisch verbohrt, wie sich die ÖVP im Einklang mit FPÖ und Lehrervertretung durch Jahre gegen alle vernünftigen Initiativen der SPÖ zur Schulreform gewehrt hat, wehrt sich die SPÖ im Einklang mit Grünen und Studentenvertretung gegen alle vernünftigen Initiativen der ÖVP zur Studienreform.

Leidtragende der VP-Sturheit war Claudia Schmied – Leidtragender der SP-Sturheit ist derzeit Karlheinz Töchterle: Die von ihm präsentierten Empfehlungen einer internationalen Expertenkommission wurden zur Linken erwartungsgemäß abgeschmettert („von der ÖVP bestellte Auftragsarbeit“).

Dabei wage ich zu behaupten, dass sich auf der ganzen Welt keine drei Experten finden lassen, die angesichts der österreichischen Verhältnisse nicht zu dem Schluss kämen,dass wir eine Zugangsregelung brauchen
und dass Studiengebühren Sinn machen.

Letzteres lässt sich sogar anhand des spärlichen österreichischen Zahlenmaterials belegen: In der Phase, in der es Studiengebühren gab, wurden Studien nachweislich schneller abgeschlossen.

Die Ablehnung durch die ÖH mag man damit entschuldigen, dass sie eine Interessenvertretung ist. Zumindest auf den ersten Blick ist es im Interesse der Studenten, keine Studiengebühren und Zugangsregelungen vorzufinden. Dar­über, ob es auch auf den zweiten Blick in ihrem Interesse ist, könnte man mit einer intelligenten Studentenvertretung lange diskutieren, denn ohne Zugangsregelungen müssen die Hörsäle bersten, und Studiengebühren stellen zumindest einen kleinen Beitrag zur besseren Ausstattung der Universitäten dar. Und sie sind offenkundig nützlich bei der Überwindung des inneren Schweinehunds.

Aber so wie die Lehrervertretung sich zu sehen weigert, dass es – auch – Lehrer gibt, die unter den gegenwärtigen Bedingungen so wenig wie möglich arbeiten, weigert sich die ÖH zu sehen, dass es auch Studenten gibt, die bummeln, weil das Studium nichts kostet.

Mit noch mehr Ideologie wird die „Zugangsregelung“ von der SPÖ abgelehnt. Dabei sollte eigentlich einleuchten, dass eine Universität unmöglich mehr Studenten ausbilden kann, als ihre Kapazität an Räumen und Lehrpersonal zulässt. Natürlich kann und soll man fordern, dass die Budgets der Universitäten erhöht werden müssen, und es gibt niemanden – beginnend mit Töchterle –, der das nicht tut. Aber obwohl sie den freien Zugang fordert, vermag auch eine regierende SPÖ das nötige Budget nicht bereitzustellen, und auf absehbare Zeit ist unvorstellbar, dass alle Österreicher und Deutschen, die man vielleicht zum Studieren animieren kann, auch tatsächlich studieren können. (Auch wenn man durch besseres Verhandeln vielleicht vermeiden kann, dass Österreichs Steuerzahler den deutschen Numerus clausus finanzieren.)

Wie die meisten heimischen Experten hielte ich es angesichts unseres Schulsystems für falsch, einfach wie Deutschland einen bestimmten Durchschnitt der Schulnoten zu fordern. Aber irgendeine Art der Zugangsregelung muss es angesichts begrenzter Mittel zwangsläufig geben und gibt es auf der ganzen Welt.

Die ÖVP hat absurderweise über die Jahre darauf beharrt, dass man den Zugang schon bei den Zehnjährigen regelt, indem man aussortiert, wer von ihnen an eine Mittelschule gehen darf. Nun beharrt die SPÖ absurderweise dar­auf, dass man auch unter Achtzehnjährigen in keiner Weise auslesen kann, wer halbwegs zum Studium geeignet ist. Es gelte, jede „Hürde“ zum Studienzugang zu beseitigen. Warum nicht auch gleich die „Hürden“ irgendwelcher Prüfungen zur Erlangung akademischer Grade?

Es gibt diese Vorstellung unter Linken tatsächlich: Jede „Auslese“ ist unzulässig, denn in Wirklichkeit können alle Menschen jede intellektuelle Leistung erbringen, wenn ihre Umweltbedingungen die gleichen sind. Dass dem eine ­unterschiedliche genetische Ausstattung im Wege stehen könnte, stößt auf wütende Ablehnung.

Das hatte den praktischen Vorteil, dass die SPÖ sich weit mehr als die ÖVP bemüht hat, die Umweltbedingungen zu verbessern: Gratisschulbuch, Schulfreifahrt und vermehrte Stipendien haben den Prozentsatz derer, die aus der „Unterschicht“ an die Universität gelangt sind, erfreulich erhöht; und „Neue Mittelschule“ und irgendwann Gesamtschule werden ihn vielleicht noch etwas erhöhen.

Trotzdem wird man zur Linken irgendwann lernen müssen, dass die überwiegende Zahl der Studenten, zunehmend genetisch bedingt, aus der Mittel- und Oberschicht kommt. Denn dank sozialistisch dominierter Jahrzehnte ist Österreichs Gesellschaft längst nicht mehr undurchlässig: Die Vranitzkys oder Nowotnys sind von unten nach oben gelangt, und die zahllosen SPÖ-Mitglieder in der Mittel- und Oberschicht beweisen, dass sie keine Einzelschicksale darstellen.

Die SPÖ benachteiligt die „Unterschicht“, indem sie sich gegen Studiengebühren und Zugangsregelungen ausspricht: Unterschichtangehörige, deren Kinder kaum studieren, tragen derzeit mit ihren Steuern zur Finanzierung des Gratisstudiums der Oberschichtkinder bei. Und die wenigen ­Unterschichtkinder, die studieren, scheitern an den Knockout-Prüfungen viel eher als an einer Zugangsregelung.

peter.lingens@profil.at