<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Von der Korruption zum Faschismus

Vor einer Entwicklung, die in der ­Slowakei zu „ungarischen“ Zuständen führen könnte, ist auch Österreich nicht gefeit.

In Wien läuft derzeit der in meinen Augen beste deutsche Film seit „Das weiße Band“: Unter dem eher irreführenden Titel „Die Kriegerin“ beschreibt er das Schicksal einer jungen Frau in einer Neonazi-Gruppe, wie jenem „Thüringer Heimatschutz“, aus dem die „Zwickauer Zelle“ hervorgegangen ist.

Das ist so grandios inszeniert und gespielt, dass man meint, einer mit verdeckter Kamera aufgenommenen ­Dokumentation, nicht einem Spielfilm beizuwohnen.

„Da bekommt man Angst vor der Zukunft“, sagte meine Frau, als wir das Kino verließen, und ich konnte sie erst ­beruhigen, nachdem ich sie aus der virtuellen in die wirkliche Welt zurückgerufen hatte: „Solche Gruppen gibt es zwar, doch sie sind winzig. Vielleicht ein paar tausend Leute in ganz Europa.“

Aber während ich das sagte, fiel mir ein, was ich eben erst über die Slowakei geschrieben hatte: dass viele junge Leute dort drauf und dran sind, sich ultrakonservativen, ­faschistoiden, nationalistischen Parteien anzuschließen. Dass eine solche Partei in Ungarn bereits seit Jahren eine zen­trale Rolle spielt. Dass der Obmann der FPÖ aus einer Szene kommt, in der man „Wehrsportübungen“ veranstaltete und einander gelegentlich mit „Drei Bier“ begrüßte.

In der „Kriegerin“ wird der psychologische Hintergrund des Rechtsradikalismus aufgezeigt: Vor allem in Deutschland und Österreich gibt es nach wie vor jene patriarchalischen, manchmal selbst gewalttätigen Väter und Großväter, die mit ihrer Erziehung zur „Härte“ unverändert einen Knüppel an die nächste Generation weiterreichen. Kaputte Familien erzeugen Jugendliche, die im „Umtrunk“ fami­liäre Geborgenheit, in der Abwehr von „Ausländern“ eine lebenswerte Heimat und in einer radikalen Idee, auch wenn sie sie nur mehr vom Hörensagen kennen, „Sinn“ und „Ziel“ suchen: Alles, was ist, zu zertrümmern und die Gesellschaft, in der sie leben, aus den Angeln zu reißen.

Am Fortbestand dieser psychologischen Voraussetzungen in einem gewissen Prozentsatz der Bevölkerung wird sich meines Erachtens nur wenig ändern: Es wird diese kleinen, gewalttätigen Zellen immer geben.
Bedeutsamer sind die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die es ermöglichen, dass sie wuchern und zum Nukleus rechtsradikaler Parteien werden.

Eine dieser Voraussetzungen wird in der Slowakei oder Ungarn besonders klar: die überschießende Korruption.

Beide Staaten erleben seit der „Wende“ ein deutliches Wirtschaftswachstum – sind also reicher als zuvor. Aber dieser Reichtum ist denkbar ungerecht verteilt: Eine kleine, durchwegs korrupte Gruppe hat fast alles an sich gerissen – dem großen verbliebenen Rest geht es materiell eher schlechter als zuvor.

Das muss gewaltige Aggression schüren. Insbesondere bei jungen Menschen, die die dicken Limousinen der neuen Reichen täglich auf der Straße sehen, während sie selbst in vielen Fällen nicht einmal einen Job haben.

In Ermangelung größerer jüdischer Gemeinden richtet sich ihre Wut vorerst gegen „Zigeuner“ beziehungsweise die schwächste Gruppe, die ihnen wirklich oder vermeintlich Arbeitsplätze streitig macht: die „Ausländer“. Aber zwangsläufig richtet sie sich früher oder später gegen das gesamte „herrschende System“: Dann folgen sie dem „starken Mann“, der ihnen verspricht, es zu zerschlagen.

Ich wiederhole einen Stehsatz der Vorwoche: Alle ­„neuen“ Staaten der Europäischen Union, denen es nicht gelingt, ­einerseits die maßlose Korruption, andererseits die Spaltung in eine kleine reiche und eine große arme Gruppe zu überwinden, laufen Gefahr, eine „ungarische“ Entwicklung zu nehmen.

Das Erschütternde ist, dass auch die reichen „alten“ Staaten der Europäischen Union davor keineswegs gefeit sind: Auch hier wird eine kleine Gruppe sehr Reicher immer reicher. Dieses Auseinanderdriften ist kritisch, selbst wenn auch der Wohlstand der Massen etwas ansteigt, denn man erlebt nicht den absoluten eigenen Wohlstand, sondern man misst ihn am sichtbaren Reichtum der anderen. (Dass das dramatische Auseinanderklaffen von Arm und Reich in den USA bisher nie zu Explosionen geführt hat, liegt am – längst nicht mehr gerechtfertigten – Glauben aller Amerikaner, dass sie von Tellerwäschern zu Millionären werden können. Wenn dieser Glaube endgültig erlöschen sollte, droht auch den USA größte innen­politische Gefahr.)

In Deutschland und Österreich steigt der allgemeine Wohlstand nicht einmal an, sondern die Kaufkraft sinkt seit zehn Jahren.

Gleichzeitig nimmt die Korruption in weiten Teilen der EU dramatische Ausmaße an. (Wobei ihr in Österreich eine besonders hilflose Justiz gegenübersteht.) Das muss in ­allen „südlichen“ Ländern – aber auch in Österreich – maßlose Wut erzeugen und macht überall empfänglich für Männer, die den „eisernen Besen“ versprechen. (Und sich dann selbst besonders schamlos bereichern.)

Und die Jugendarbeitslosigkeit steigt und steigt. Wenn ein wirklicher wirtschaftlicher Abschwung hinzutreten sollte, sind das beste Voraussetzungen für eine ­faschistoide Entwicklung.

peter.lingens@profil.at