<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Warum nicht Hausherr in Spanien?

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Warum nicht Hausherr in Spanien?

Das Unvermögen, „Vermögen“ richtig einzuschätzen, und der absehbare Aufstand der Deutschen und Österreicher.

Irritiert haben Deutsche und Österreicher kürzlich aus ­einer Studie der EZB erfahren, dass Spanier pro Haushalt und Person deutlich mehr Vermögen besitzen. Der ORF erklärte das damit, dass sie Wohnungen lieber kaufen als mieten – als ob das die Differenz verminderte. Der „Standard“ wendete ein, dass die hohen Ansprüche von Österreichern und Deutschen an den Sozialstaat nicht berücksichtigt wären. Das stimmt – die Studie klammert sie aus –, aber so unterentwickelt ist auch Spaniens Sozialstaat nicht: Das Gesundheitssystem ist von höchster Qualität und besonders preisgünstig. Mutterschutz, Arbeitslosengeld oder Pensionen sind selbstverständlich. Nur die Fürsorgeleistungen sind deutlich geringer und Kinderbeihilfen seit der Krise schmerzlich gestrichen.

Ich sehe daher nur ein Argument, das die hohen spanischen Vermögen ernsthaft relativiert: Dass sie derzeit kaum korrekt ermittelt werden konnten. Denn ziemlich sicher stehen Immobilien bei spanischen Banken mit viel zu hohen Werten in den Büchern, um der EZB – und sie erstellte die Studie – als Sicherheit für Kredite zu dienen. So wurde etwa mein Haus in Marbella 2009 auf 1,2 Millionen geschätzt, die mir die Bank auch sofort kreditieren wollte; jetzt sind ähnliche Häuser um 700.000 Euro zu haben.
Nur deshalb kommt mir die EZB-Statistik in Bezug auf Spanien spanisch vor – dass Spanier pudelarm und rundum bedauernswert wären, war immer Übertreibung.

Theoretisch müssten jene wohlhabenden Österreicher, die es jenseits jedes statistischen Zweifels gibt, jetzt den spanischen Immo-Markt stürmen: Für 700.000 Euro bekommt man in guten Bezirken Wiens gerade noch eine 100-Quadratmeter-Dachwohnung mit Mini-Terrasse – in Marbella ein Haus von 350 Quadratmetern in einem Garten von 1400 Quadratmetern samt Swimmingpool. Eine 100-Quadratmeter-Wohnung gibt’s mit großer Terrasse in einem Appartement-Haus mit großzügiger Gartenanlage und Gemeinschaftspool zum Preis einer Wiener 30-Quadratmeter-Garconniere.
Von Velden gar nicht zu reden.

Wer je ein Urlaubsdomizil am Wasser haben wollte, findet es jetzt in Spanien zum Bestpreis. Wäre ich jünger, ich gründete ein Magazin samt Website für andalusische Immobilien, in denen man billige Urlaube buchen kann, die man nicht zu bezahlen braucht, wenn man sie kauft. Aber leider bin ich 73, lebe lieber in Wien, und Europa funktioniert auch nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe: Die Sprachbarrieren sind unverändert, kaum ein Spanier kann halbwegs englisch; Flüge sind längst nicht so billig wie in den USA; und Österreicher essen lieber Schweinernes als Tunfisch.

Dabei gäbe es auch spanische Restaurants billigst zu kaufen und österreichischem Geschmack und Standard anzupassen. In der Straße, die in Nueva Andalucia oberhalb der unseren liegt und von Lokalen gesäumt ist, steht die Hälfte zum Verkauf. In Granada wollte mir eine alte Dame, die sich zur Ruhe setzen möchte, gleich ihr ganzes Hotel verkaufen: Fünf Fahrminuten vom Weltkulturerbe Alhambra, 20 Fahrminuten von der Sierra Nevada, wo man derzeit herrlich Skifahren kann, und 15 Zimmer groß. Zum Preis von 1,2 Millionen Euro, nachdem es noch vor fünf Jahren auf 2,2 Millionen geschätzt worden ist. Doch ich hab auch die 1,2 nicht.

Dabei ist Tourismus das einzige, was derzeit in Spanien boomt: 2012 war das beste Jahr aller Zeiten und 2013 ist noch besser angelaufen. Als ich kürzlich um 21 Uhr, wie Dutzende andere Touristen, in einem Restaurant gegenüber der Alhambra Platz nehmen wollte, wies mich der Geschäftsführer zurück – er sperre schon zu. Dass er noch durch Stunden ein blendendes Geschäft machen könnte, ließ in kalt. Leute wie er haben durch Jahre weit mehr als ich verdient.

Ich habe deshalb nicht recht begriffen, dass sich für das Hotel nicht doch ein spanischer Käufer findet. Die Erklärung gab mir mein Steuerberater: Spanier dürfen allfällige Verluste in neu erworbenen Gesellschaften jetzt nur mehr zu 20 Prozent abschreiben – also scheuen sie Beteiligungen.
Ich wollte schon über eine so kontraproduktive Gesetzesänderung spotten, als mir einfiel, dass unsere Grünen gerade fordern, jede Absetzbarkeit von Auslandsverlusten zu streichen, so dass auch kein Tiroler Hotelier Lust auf Investitionen in Andalusien bekommen könnte.

Zumindest bezüglich der wirtschaftlichen Dummheit schreitet Europas Einigung voran.

An der Spitze marschieren die Banken: Keine spanische Bank gibt einem Hotelmanager derzeit einen Kredit für den Kauf eines noch so preiswerten Hotels, obwohl die gleichen Banken zuvor Milliardenkredite für den Bau unverkäuflicher Wohnsilos vergeben haben. Banker sind offenbar Geschäftleute, die sich prinzipiell weigern, Risiken vernünftig einzuschätzen. Es sei denn beim Kauf gut ver­zinster Staatsanleihen südlicher Krisenländer, die sie schon wieder begeistert erwerben, weil sie wissen, dass Angela ­Merkel & Co – das sind wir – dafür bürgen. Ich wunderte mich nicht, wenn die neue Alternative für Deutschland, die nichts als dessen Austritt aus dem Euro zum Programm hat, Frank Stronachs Erfolg wiederholte.

peter.lingens@profil.at