<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Wie Abdullah al Saud Ben Ali beruhigt

profil durfte einem Gespräch des saudischen Potentaten mit seinem Gast aus Tunesien beiwohnen.

Ben Ali: Ich gebe zu, es war ein Riesenfehler, dass der Hosni und ich auf öffentliche Hinrichtungen verzichtet haben. In dieser Hinsicht hast du deine Leute, Allah sei Dank, um ­vieles besser informiert. Aber Saudi-Arabien hat 27 Millionen Einwohner – glaubst du, dass wirklich alle …
Abdullah: Erstens zeigen wir das alle paar Wochen. Zweitens hat das Fernsehen live übertragen, und wir haben es auf ­Facebook gestellt. Wir müssen lernen, die neuen Medien auch für uns einzusetzen.

Ben Ali:
Ich fürchte mich trotzdem. Beim Hosni hat letztlich auch jeder gewusst, was seinen Gegnern blüht.
Abdullah: Beim Töten geht nichts über das lebendige Bild.

Ben Ali:
Und wenn trotzdem irgendwelche Islamisten …
Abdullah: Die schicke ich seit Jahrzehnten ins Ausland. Dort können sie sich austoben. Bei mir gibt’s die nicht.

Ben Ali:
Aber der Hosni hat seine Islamisten auch weg­geschickt oder gleich … (macht mit der Hand eine Geste des Halsabschneidens). Und trotzdem …
Abdullah:
Er hätte sich ein Beispiel an Mahmud nehmen müssen. Der hat in Teheran rechtzeitig schießen lassen, als die Leute nicht von der Straße verschwinden wollten. Er hat die richtigen Lehren aus dem Sturz des Schah gezogen: Wenn du nicht schießen lässt, bist du weg!

Ben Ali:
Aber der Muammar hat doch auch …
Abdullah: Zu spät, leider zu spät. Trotzdem hat er seine Chance: Wenn er seine Luftwaffe richtig einsetzt …

Ben Ali:
Aber werden die USA, wird die EU dann nicht doch einen Militärschlag …
Abdullah: Also die EU kannst du vergessen.

Ben Ali:
Aber Obama. Bis jetzt hat er sich zwar geweigert, ihm auch nur das Fliegen zu verbieten. Aber wenn wirklich Tausende umkommen, wenn das Fernsehen Bilder bringt. Erinnere dich an Bosnien, nachdem es die Bilder von den KZs gebracht hat.
Abdullah: Das hat die Amis an die Juden erinnert, und da ­reagieren sie irrational. Bei uns wissen sie, dass wir für ­Frieden mit Israel sind.

Ben Ali:
Aber der Hosni und ich waren auch für Frieden mit Israel, und trotzdem haben sie uns hängen lassen.
Abdullah: Aber eure Ölproduktion ist ein Klacks. Wir liefern fast zehn Prozent … Ohne unser Öl steht alles.

Ben Ali:
Aber vielleicht ist das deinen 20 Prozent Arbeits­losen egal, weil das für sie nichts ändert.
Abdullah: Ich habe ihnen bis Jahresende Geld gegeben, und wenn es sein muss, zahle ich weiter. Geld war ja nie ein Problem. Bei den jetzigen Ölpreisen ist es schon gar keines.

Ben Ali:
Der Muammar schmeißt auch mit Geld herum und trotzdem …
Abdullah: Auch zu spät. Und außerdem: Abwarten!

Ben Ali: Das ist nix für mich. Mir ist mulmig.
Abdullah: Also mehr Sicherheit wirst du nirgends finden. Die US-Armee ist im Land stationiert, um aufzupassen, dass mir nichts passiert.

Ben Ali:
Ich möchte dorthin, wo man unsereinen mag. Österreich … Kreisky, Waldheim, Haider … Der Muammar hat immer geschwärmt von Österreich. Und erst der Jassir …
Abdullah: Leider alle tot.

Ben Ali:
Aber das Volk ist doch das gleiche, und das hat keine anderen Politiker so sehr geliebt. Den Kreisky haben sie grade erst wieder als größten Staatsmann gefeiert.
Abdullah: Innenpolitisch war er zu vergessen – schlimmste Reformen. Aber außenpolitisch hat er tatsächlich viel weitergebracht: Wer weiß, wo der Jassir ohne ihn international geblieben wäre – oder der Muammar. Womöglich ganz gewöhn­liche Terroristen. Für einen Juden eine beachtliche Leistung.

Ben Ali:
Was, der Kreisky war ein Jud?
Abdullah: Ungern. Wirklich sehr ungern. Nicht einmal die Österreicher haben ihm das zum Vorwurf gemacht, und ­denen kann man wirklich nicht nachsagen, dass sie nicht ­genug gegen die Juden sind.

Ben Ali:
No siehst du, ich hab ja gewusst, warum ich nach Österreich will. Der Muammar hat mir gesagt, seine Söhne haben sich dort wie zu Hause gefühlt. Richtig warm ist ­ihnen ums Herz gewesen, vor allem, als es den Haider noch gegeben hat.
Abdullah: Ja, dem seine Ehre hat wirklich Treue geheißen. Aber leider hat er keinen Alkohol vertragen. Ich meine, leider hat der Mossad sein Auto präpariert. (Er wendet sich mir zu, und sein Bodyguard gibt mir mein Tonbandgerät.) Den letzten Satz wiederhole ich, wenn Sie wollen.
profil: Danke, die Kärntner wissen das sowieso.
Abdullah: Gut. Dann ab jetzt: Wir, König Abdullah von Saudi-Arabien, sind bereit, zu vergessen, dass sie die Konten unseres Bruders Muammar Gaddafi eingefroren haben, seit man nicht mehr weiß, was aus ihm wird. Aber wir sitzen fest im Sattel, und ich bin bereit, ein Drittel unseres Vermögens auf österreichische Konten zu legen und der OMV auch bei uns eine Konzession zu erteilen. Außerdem schicke ich alle meine Söhne nach Lech zum Skifahren und nach Baden ins Casino. Das haben sie doch durch Jahrzehnte geschätzt – ich bin ­zuversichtlich, dass wir den Vertrag schon beim nächsten Besuch ihres Bundespräsidenten unter Dach und Fach bringen. Schließlich sind sie ein Volk, bei dem lange Hunger ­geherrscht hat. Für mich halten sie bis auf Weiteres das Schah-Zimmer im Rudolfinerhaus bereit …

Ben Ali:
Und ich?
Abdullah: Du schickst deine Frau mit dem Koffer voraus, bis sie dich einbürgern.


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