<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Armageddon

Nostradamus Rauch hatte in seiner klugen Fibel zwar geahnt, dass Rot-Grün schlimm werden würde. Aber gleich so schlimm!

Als Johannes Rauch an diesem Tag aus den vergitterten Fenstern der ÖVP-Zentrale blickte – mit den Prinzipien der Partei nur mangelhaft Vertraute dachten ja manchmal tatsächlich, die Gitter sollten verhindern, dass jemand reinkam und nicht etwa umgekehrt –, sah er dasselbe wie an allen Tagen, die seit den Wahlen 2013 ins Land gezogen waren. Seit also das an sich Undenkbare tatsächlich eingetreten und die landläufige Vorstellung vom Armageddon zum Kindergeburtstag degradiert worden war. Seit, nach 27 goldenen Jahren für Österreich, in denen es für alle Milch und Honig gegeben hatte – zumindest für alle, die beim Küssen mit verbundenen Augen die Füße Erwin Prölls unter Tausenden anderen herausschmecken konnten –, seit also die ÖVP aus der Regierung geflogen war.

Was dann gefolgt war, hatte zumindest jeder mit einem ähnlich großen Horizont wie Johannes ahnen müssen, der ja diesbezüglich vor allem von jenem politischen Instinkt profitierte, den er als ebenso selten angeleinter wie beißgehemmter Schoßhund von Ernst Strasser erworben hatte. Und leider, leider war alles ganz genau so gekommen wie befürchtet.
Johannes schob sich seinen Stahlhelm in den Nacken und griff dann hastig nach der nächsten Perle auf seinem Rosenkranz. Wohin man da draußen schaute, nichts als linksextreme Düsternis, marxistische Verzweiflung und ÖVP-loses Elend.

An der Straßenlaterne vis-à-vis hatte sich ein entlassener Guantanamo-Häftling mit seinem aus Mitteln der Wiener Multikulturförderung subventionierten Sprengstoffgürtel angekettet und war jetzt gerade dabei, sich Haschisch zu spritzen. Als ob es noch nicht skandalös genug gewesen war, dass die Außenministerin, eine alleinerziehende Transgender-Person mit Migrationshintergrund und Solar-Dienstfahrrad, seinen Business-Class-Flug ins österreichische Sozialsystem aus Steuergeldern bezahlt hatte.

Gleich neben dem rauschebärtigen Islamisten feierten zwei frisch vermählte Schwuchteln die gesetzliche Abschaffung der heterosexuellen Ehe, indem sie halb nackt Positionen einnahmen, nach denen Johannes schon verschämt beichten ging, wenn sie ihm sein Chiropraktiker abverlangte.

Ein Kleinflugzeug mit einem Werbebanner, auf dem ein zähnefletschender linkslinker Promiarzt versprach: „Happy Hour von 10 bis 11 Uhr! Drei Abtreibungen zum Preis von zwei Krankenscheinen!“, drehte schon seit dem frühen Morgen seine Runden über der Parteizentrale – wohl um die letzten Gerechten in dieser allerletzten Bastion der wahren Werte mürbezumachen. Und im Fernsehen, das Rauch schon deshalb immer laufen ließ, weil er sich in seiner Position ja langsam wirklich mit diesem neuen Medium vertraut machen musste, lief ein sicherlich vom rot-grünen Zentralkomitee in Auftrag gegebenes Machwerk namens „Das Leben des Brian“.

Besonders schlimm war dieser ganze Wahnsinn natürlich für die Kinder. Die konnte man nicht mehr rauslassen, seit es „lebenslänglich“ nicht mehr gab und man nur mehr Polizist werden konnte, wenn man wenigstens eine Vorstrafe vorweisen konnte. Und abgesehen davon: Was hatten sie denn bitte für eine Zukunft? In einer Welt, in der Bauern nicht nur mit brutaler Gewalt zur Zahlung von Einkommensteuer, sondern auch zum Koka-Anbau gezwungen wurden? In einer Welt, in der die Kinder nicht nur den ganzen Tag gegen den Willen der entmündigten Eltern in der Schule festgehalten wurden, sondern denen man dort auch noch eintrichterte, der Mensch stamme vom Affen ab?

„Jessasmarandjosef!“, flüsterte es plötzlich von rechts hinter ihm. Michael, der Parteichef von der traurigen Gestalt, starrte mit ebenso schreckgeweiteten Augen wie Johannes auf die Anarchie, die sich da draußen austobte. Mehr sagte er nicht, weil er generell nicht mehr sehr viel sprach. Es war schon traurig. Ab und zu sah man ihn, wie er, mit einer Fliegenklatsche bewaffnet, durch das Haus lief, um Trugbilder zu jagen, die nur er sehen konnte. Liberale Ideen, die sich plötzlich materialisierten, Ansätze von Weltoffenheit, die plötzlich ihre hässliche Fratze zeigten. Nun ja. Die Wahlniederlage 2013 hatte ihm halt leider sehr zugesetzt.

Dabei konnten sie sich in der Partei wahrlich nicht vorwerfen, nicht alles versucht zu haben. In einer messerscharfen Analyse war Johannes 2012 nämlich draufgekommen, was das von Krise und Reformstau gezeichnete Land jetzt am dringendsten brauchte: noch viel mehr rechtspopulistischen Schas natürlich. Es war ja nun wirklich nicht einzusehen, warum eigentlich die FPÖ das Monopol darauf haben sollte. Und da ja damals allen Umfragen zufolge die Katas­trophe Rot-Grün schon unmittelbar herandräute – mit einer satten Mehrheit von 42 Prozent, wenn nicht sogar weniger –, richtete er auch den Wahlkampf genau darauf aus und …

Nun ja. Man kannte das eh. Was zählte schon der Prophet im eigenen Land?

Draußen ging gerade die vierte Klasse einer Gesamtschule in Stellung und begann, das kleine Einmaleins aufzusagen: „Ein mal eins ist drei. Zwei mal eins ist … Murat! Steck sofort das Messer weg!“

Schmerzerfüllt wandte sich Johannes ab. Und Michael hielt ihm lächelnd seine Fliegenklatsche entgegen.

rainer.nikowitz@profil.at