<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Asyl!

Den Kärntnern war klar: In einer humanitären Notsituation wie dieser mussten sie ihre Herzen und Landesgrenzen öffnen – und helfen.

Nachdem Gerhard Dörfler erwiesenermaßen ein Mann des Wortes war, versuchte er, eine angemessene, jegliche besserwisserische Kritik von vornherein ausschließende Formulierung zu finden: „Gemäß der Tradition des Landes Kärnten …“

Uwe Scheuch unterbrach ihn: „Gemäß der langen Tradition. Klingt vül besser.“ Dörfler, der sich angesichts der Schnelligkeit, die die Situation erforderte, nicht in eine aufreibende semantische Diskussion verstricken wollte, wiewohl ihm der Hinweis, dass eine kurze Tradition ja eigentlich keine war, auf der flinken Zunge lag, seufzte vernehmbar und hob dann erneut an: „Gemäß der langen Tradition des Landes Kärnten als Zufluchtsort für die Verfolgten dieser Welt …“

„Verfolgten und Entrechteten“, warf Uwe ein. „… für die Verfolgten und Entrechteten dieser Welt“, fuhr Dörfler genervt fort, „betrachten wir es als unsere Pflicht, die am schlimmsten traumatisierten Opfer der dramatischen Umwälzungen in Libyen bei uns aufzunehmen und ihnen Asyl zu gewähren.“
Ein Blick in die Runde zeigte ihm, dass er den richtigen Ton getroffen hatte. Zustimmendes Nicken. Und der Bezirks­obmann von Hermagor schwärmte gar: „Der Jörg hätt’s nit scheena sagen kennan!“

Allerdings war auch allen klar, dass es damit nicht getan war. So eine Flüchtlingsaufnahme im großen Stil war ja nicht zuletzt eine enorme logistische Herausforderung. Und es war kein Zufall, dass es Kurt Scheuch war, bekannt für seine ausgesprochen zupackende Art, der die Frage in den Raum warf: „Und wo tamma se nocha hin?“

Ja, die Unterbringung. Kärnten hatte nicht zuletzt mit dem Luftkurheim auf der Saualm unter Beweis gestellt, dass es Asylsuchenden im Sunshine State Österreichs an nichts mangelte. Aber die jetzige Herausforderung war doch eine in dieser Dimension völlig neue. „Also der Saif“, sagte Uwe Scheuch, „der braucht schon recht vül Platz. Für sei ganze Garderobe im Haus und für de weißen Tiger draußen.“

Das leuchtete ein. Man konnte Saif al-Islam Gaddafi nicht einfach in eine Genossenschaftswohnung in Möllbrücke stecken, ohne die Gefahr einer daraus resultierenden depressiven Verstimmung zu bedenken. Und wenn ein Mitglied der Familie Gaddafi depressiv verstimmt war, konnte schließlich weiß Gott was passieren. Also schlug ein Funktionär das Maltatal vor. Das ganze.

Der Landeshauptmann schüttelte den Kopf: „Vül zu kalt da oben. Und vül zu weit zum nächsten Armani-Gschäft.“ Damit hatte er natürlich Recht. Etwas Urbaneres musste her, wenn möglich sogar die Nähe zu ­einer Weltstadt. Wie … Villach! „Burg Landskron! Repräsentativ, aber doch intim, und die Zufahrt lasst sich leicht verminen, wenn nötig“, rief Uwe Scheuch aus. Eine spontane Akklamation brandete auf. Das war wirklich eine hervorragende Idee.

Nur sein Bruder Kurt war nicht überzeugt. „Denkts amol nach, Burschen! Landskron is hoch oben. Wahnsinnig hoch! Wenn ihm da wieder amol a Ukrainerin vom Balkon fallt, dauert’s a Minuten, bis se unten is.“
Verdammt, ja. Daran hatten sie nicht gedacht. Etwas Ebenerdiges passte eindeutig besser zu Saifs Hobbys.

„Und wann er mit dem Al-Saadi zsammenziagt?“, fragte Dörfler. Bei dem Fußballnarren unter Gaddafis Söhnen, der es vor Jahren sicherlich nur aufgrund seines herausragenden Talents zu ein paar Einsatzminuten in der italienischen Liga gebracht hatte, war schnell klar gewesen, wo er einziehen würde. Sie wussten ja sowieso nicht, was sie mit dem Wörthersee-Stadion sonst machen sollten. Und eine Umbenennung von „Hypo-Group-Arena“ in „Lockerbie Park“ oder so ähnlich war ja nun wirklich das geringste Problem.

Ob die beiden aber auf so ungewohnt engem Raum miteinander auskommen würden? „Und der Hannibal? Is irgendwem für den scho was ein­gfallen?“, eröffnete Dörfler gleich den nächsten Problemkreis. Allerdings war man auch bei dem schlagkräftigsten Vertreter der Familie noch nicht über die Eckpunkte hinausgekommen. Nachdem sich alle einig waren, dass es auch Hannibal ermöglicht werden sollte, seinen Lebensstil beizubehalten, war klar, dass sich seine Unterkunft in der Nähe eines Frauenhauses – die Damen dort waren es schließlich gewohnt, regelmäßig getögelt zu werden – und einer Personalleasingfirma – die solcherart Vermittelten hatten nicht groß die Wahl – befinden sollte. Aber noch hatte sich kein geeignetes Objekt gefunden.

Und dann blieb ja noch einer … Sicherlich der schwierigste Fall. Es war keine ausgemachte Sache, dass sich Muammar mit dem Campingplatz am Klopeiner See zufriedengeben würde. Selbst dann nicht, wenn man die FKK-Pflicht aufheben würde.

Und noch etwas lastete bleiern auf den Gemütern der FPK-Elite. Uwe Scheuch blieb es vorbehalten, es auszusprechen. „Wos, wenn sie dann da san, und alle ihre Konten werden gsperrt?“ Ja. Humanitäres Engagement schön und gut – aber mit Petrodollars schöner und besser.

Die Stimmung verdüsterte sich schlagartig. Niemand wusste eine Antwort.
Gerade in Momenten wie diesen fehlte ihnen der Jörg am meisten.

rainer.nikowitz@profil.at