Rainer Nikowitz: Beichtgeheimnis

Rainer Nikowitz: Beichtgeheimnis

Der Bundeskanzler setzt seinen Besuchsreigen bei den Mächtigen der Welt emsig fort. Diesmal: ein Gipfeltreffen im Zeichen des ganz, ganz festen Glaubens.

Kurz: Eure Heiligkeit …
Papst: … ist nichts gegen Ihre, wie man hört.
Kurz: Bitte?
Papst: Nun, nach allem, was ich mitbekommen habe, sehen viele Ihrer Anhänger Sie offenbar als Erlöser.
Kurz: So nachvollziehbar das einerseits ist – aber Sie wissen ja, wie das so läuft mit Gläubigen. Denen kann man viel weismachen.
Papst: Sie müssen mir mein Geschäftsmodell nicht erklären. Aber ich finde auch bemerkenswert, dass Sie noch so jung sind. 31, oder?
Kurz: Jesus Christus war auch erst 33, als er gekreuzigt wurde.
Papst: Ja. Aber es gibt keine Garantie, dass das immer so läuft. Es besteht also durchaus eine Chance, dass Sie noch fünf oder sogar zehn Jahre Bundeskanzler sein könnten.
Kurz: Äh …
Papst: Kleines Späßchen!
Kurz: Ach so, ja. Ha … Ha.

Papst: Ich sehe schon, Sie lachen nicht so leicht, oder?
Kurz: Das steht bei der Jungen ÖVP leider nicht so wirklich im Ausbildungsprogramm für zukünftige Führungskräfte.
Papst: Das ist etwas, das mich an euch Konservativen fast am meisten stört: dass ihr alle einen Humor habt wie ein Lebenslänglicher in Alcatraz.
Kurz: „An euch Konservativen“? Ich dachte, wir spielen im selben Team.
Papst: Wie kommen Sie denn auf diese Idee?
Kurz: Na ja, Sie als Oberhaupt der katholischen Kirche und ich als Chef einer christlich-sozialen Partei – das ist doch an sich dieselbe Welt.
Papst: Wenn Ihre Partei tatsächlich eine christlich-soziale wäre, dann könnte man darüber reden. Aber nach allem, was ich so höre, war das vielleicht einmal, oder?

Kurz: Ich sehe schon, es war höchste Zeit, dass ich zu Ihnen gekommen bin. Da braucht es dringend eine Kurskorrektur.
Papst: Bei Ihnen.
Kurz: Das war nicht unbedingt das, was mir vorgeschwebt ist. Ich dachte eher, dass es jetzt, nachdem ich die Balkanroute geschlossen habe, an der Zeit für meinen nächsten weltpolitischen Fußabdruck ist. Also möchte ich Ihnen ins Gewissen reden.
Papst: Sie mir?
Kurz: Ja. Weil ich hab mir gedacht, ich versuch es erst einmal im Guten. Aber eines sag ich Ihnen gleich: Ich kann auch anders!
Papst: Das ist ja …
Kurz: Ich weiß. Wahnsinnig nett von mir. Also, Heiliger Vater: Die Kirche muss sich dringend ein bisschen an die aktuellen Gegebenheiten anpassen.
Papst: Kommen Sie mir jetzt auch mit den Homosexuellen und so?
Kurz: Aber nein. Wir sind schließlich die ÖVP – also diesbezüglich für jede Diskriminierung zu haben. Es geht mir um die Flüchtlinge.
Papst: Ach so, klar. Wie immer.

Kurz: Es kann nicht sein, dass die Kirche so eindeutig für die Flüchtlinge Partei ergreift.
Papst: Genau das ist aber christlich, junger Freund.
Kurz: Das sehe ich anders. Drum müssen wir genau da eine Korrektur vornehmen. Weniger Bergpredigt und Nächstenliebe und so. Mehr Altes Testament und Wehrhaftigkeit. Wir brauchen da jetzt einfach eine moderne Auslegung.
Papst: Wir?
Kurz: Na ja, ich sag es dann gleich einmal den Journalisten draußen. Sie werden ja keine Zeit haben.
Papst: Wieso nicht?
Kurz: Weil Sie da die 20 Vaterunser und zehn Gegrüßet seist du Maria beten, die ich Ihnen als Buße auferlege. Für Ihr Linksabweichlertum. Strafe muss sein.
Papst: Wie bitte?
Kurz: Aber ich kann Sie natürlich nur von Ihren Sünden befreien, wenn Sie auch wirklich bereuen. Das ist ja bei euch starrsinnigen Befreiungstheologen leider nicht selbstverständlich.
Papst: Jetzt bin ich sprachlos.

Kurz: Das ist zwar schade, aber als Zeichen meines guten Willens mache ich einen Vorschlag: Sie können Ihre restlichen Sünden gern bei Gelegenheit einem anderen modernen Christenführer beichten. Kommt der Orbán vielleicht irgendwann vorbei?
Papst: No puede ser! Hijo de puta madre!
Kurz: Hey, ich kann auch Latein! Wobei ich zugeben muss: Ich kann nur, was ich laufend brauche. Also das hier: Ego te absolvo a peccatis tuis. In nomine patris et filii et spir…
Papst: Ich kann es nicht glauben!
Kurz: Na ja, jeder hat manchmal Zweifel. Das ist schon okay. Vorausgesetzt natürlich, man strengt sich an und überwindet sie. Aber das wird schon werden. Sie sind ja nicht der Kern oder ein anderer von diesen bedauerlichen Härtefällen.
Papst: Junger Mann, ich denke, diese Audienz ist beendet. Ich werde mich jetzt zurückziehen und versuchen, das eben Erlebte zu verarbeiten.
Kurz: Meinen Segen haben Sie.
Papst: Ich will ihn aber nicht! Und außerdem: Hier bin immer noch ich der, der segnet!!
Kurz: Eine Frage hätte ich noch: Wie sind Sie eigentlich nach Europa gekommen? Mittelmeerroute?

rainer.nikowitz@profil.at