Rainer Nikowitz: Betonabwehr

Rainer Nikowitz: Betonabwehr

Joseph Blatter muss jetzt dringend das Image der FIFA verbessern. Zum Beispiel mit menschelnden Baustellenführungen in Katar.

Blatter: Na, hab ich etwa zu viel versprochen? Von hier oben sieht es besonders beeindruckend aus. Ein wunderschönes, hochmodernes Stadion wird das. Also, man kann sagen, was man will, aber bauen können sie, diese Katari.
profil: Aber die Stadien werden doch von nepalesischen Gastarbeitern gebaut.
Blatter: Also gut, bitte: Bauen können sie, diese Nepalesen!
profil: Und zwar unter schlimmsten Bedingungen.
Blatter: Gut, dass Sie das ansprechen. Die FIFA möchte auch diese Kritik nicht unter den Teppich kehren. Aber sehen wir uns doch einmal an, was diese Nepalesen zu Hause haben: Erdbeben! Wir sind froh, dass wir sie hierher evakuieren konnten! Hier ist die Todesrate überschaubar.

profil: Das Stadion hier wird also 41.500 Zuschauer fassen?
Blatter: Ja! Welch wunderbare Begegnungsstätte für die sportbegeisterte Jugend, die hier in knisternder Atmos­phäre …
profil: Hier in Al-Shamal wohnen gerade einmal 7500 Menschen.
Blatter: Nun ja, ich finde es ganz anregend, wenn nicht immer nur in Ballungszentren Möglichkeiten geschaffen werden, die man sonst nur in …
profil: Dieses ganze Land ist so groß wie Oberösterreich und wird mit zwölf Riesen-Stadien überzogen, die selbst dann kein Mensch braucht, wenn es gerade weniger als 50 Grad hat. Nein, halt. Einer braucht das alles doch: der absolut regierende Monarch, der sich damit ein reichlich groteskes Denkmal setzt.
Blatter: Also, das geht jetzt zu weit.
Außerdem bin ich sicher, dass auch der Emir von Katar seine Freude mit diesem blitzsauberen Bau hier hat. Und nicht nur ich.

profil: Den hatte ich eigentlich auch gemeint.
Blatter: Ha! Na, da bin ich Ihnen aber in die Abseitsfalle gegangen, was? Nun ja, solche kleinen Anekdoten machen einen menschlich nur noch sympathischer, nicht wahr?
profil: Obwohl man das ja kaum mehr für möglich erachtet hätte.
Blatter: Aaah! Also, diese Luft hier!
profil: Ist ja auch niemand da, der sie einem wegatmen würde. In drei von vier Himmelsrichtungen Meer und in der vierten Sand.
Blatter: Herrlich! Wissen Sie, ich liebe Szenarien, die einem alles offen lassen.

profil: Und, womit nun echt keiner gerechnet hat: Der Grund für die Vergabe der WM an den neben der Antarktis vermutlich weltweit ungeeignetsten Ort war – Korruption! Ehrlich, Herr Präsident: Könnte es ein besseres Symbol als diesen Ort dafür geben, wofür die FIFA im Moment generell so steht?
Blatter: Hören Sie, ich habe das jetzt wirklich schon oft genug wiederholt: Ich kann nicht auf jeden Einzelnen aufpassen. Wenn jemand die Hand aufhält, ist das furchtbar – aber sicher nicht meine Schuld.
profil: Al Capone war auch nur ein Geschäftsmann, dessen Mitarbeiter mitunter leider ein wenig übermotiviert waren.
Blatter: Außerdem hätte ich jetzt gern handfeste Beweise. Ich bin noch keineswegs überzeugt, dass sich jemand von uns etwas zuschulden kommen lassen hat.
profil: Damit dürften Sie weltweit ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal haben. Außerdem, was brauchen Sie? Einen Film, auf dem man sieht, wie dicke Geldbündel über den Tisch wandern?
Blatter: Das würde auch nicht reichen. Wie Sie wissen, erkennen wir den Videobeweis nicht an. Das würde nur das Spiel ruinieren.

profil: Sie scheinen tatsächlich zu glauben, das alles als kleinen Betriebsunfall hinstellen und ansonsten so wie bisher weitermachen zu können.
Blatter: Nun, viel mehr war es ja wirklich nicht. Und ich denke, bis zum Zeitpunkt meiner nächsten Wiederwahl im Jahr 2019 wird sich das endgültig herausgestellt haben.
profil: Übrigens … Hinter Ihnen ist eine offene Hand.
Blatter: Was, schon wieder? Und ausgerechnet jetzt? Nun, wie gesagt … Ich kann leider nicht auf jeden aufpassen.

profil: Auf den hinter Ihnen hätte auch besser jemand anderer aufpassen sollen. Die Hand kommt unter einem Betonblock hervor.
Blatter: Was? Das ist ja … Ali! Mustafa! Oder wie Sie heißen! Man hat mir für den Pressetermin eine ordentlich gereinigte Baustelle versprochen. Unter ordentlich gereinigt verstehe ich: ohne nepalesische Hände. Was? Ja und, was interessiert das mich, ob der Betonblock so schwer ist, dass Sie ihn nicht mehr rechtzeitig weggekriegt haben! Dann hätten sie ihn wenigstens so verschoben, dass er die offene Hand zudeckt! So mach ich das seit Jahrzehnten! So … Wo waren wir vorhin stehengeblieben?
profil: Wenn das die Sponsoren sehen.
Blatter: Endlich spricht aus Ihnen der rechte Geist!

rainer.nikowitz@profil.at