<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Beziehungsweise

Österreich und die Türkei gehen endlich erfrischend ehrlich miteinander um.

Nachdem die neueste Umfrage ergab, dass mittlerweile 102 Prozent der Österreicher gegen einen EU-Beitritt der Türkei sind, erklärte Außenminister Michael Spindelegger, die Verhandlungen mit dem sowieso asiatischen Staat seien aus seiner Sicht nun nicht mehr ergebnisoffen.

Denn ein Land, das Ursula Plassnik aus niedrigsten Motiven als OSZE-Vorsitzende ablehne, nachdem sogar Frau Spindelegger und Kardinal Schönborn beim Besuch des türkischen Präsidenten Abdullah Gül gehört hätten, wie dieser Plassniks Bestellung zugestimmt habe – wiewohl sie von einem kleinen Rotzglockerl in seinem lächerlichen Macho-Schnurrbart etwas abgelenkt gewesen seien –, habe nun einmal in der EU nichts verloren.

Der scheidende türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan entgegnete daraufhin in einem Interview, die Aussagen Spindeleggers passten hervorragend zu einem Vertreter dieses „primitiven und an jeglicher Kultur desinteressierten Bergvolks“, bei dem auch der selbstlose und unter dem größten aller Opfer – dem Verlassen der Türkei – unternommene Versuch der geistigen Befruchtung durch zahlreiche anatolische Intellektuelle nichts gefruchtet habe. Und was eine Frau angeblich gehört habe, interessiere ihn im Übrigen genauso wenig wie die Zeugenschaft eines seltsam verkleideten Christenklub-Kreuzritters.

Spindelegger bestellte den Botschafter daraufhin ins Außenministerium und las ihm bei einem aus Schweinsstelze und Grünem Veltliner bestehenden Arbeitsfrühstück nicht nur die Leviten, sondern auch eine Messe. Tezcan bot Spindelegger im Gegenzug eine privilegierte Partnerschaft mit seinem linken Schuh an, doch der gewandte Vizekanzler duckte sich gerade noch rechtzeitig.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu nahm ­diesen Affront zum Anlass, in einer vom türkischen Fernsehen in einer Werbepause des beliebten Films „Tal der Wölfe“ ausgestrahlten Rede zu erklären, Österreich, „dieser vollkommen unbedeutende Fliegenschiss von einem Land“, werde den EU-Beitritt der Weltmacht Türkei sicher nicht verhindern.

Sollten die unbotmäßigen Querschüsse aus Wien nicht endlich aufhören, würde im nächsten Teil von „Tal der Wölfe“ nicht nur der Brunnenmarkt von finsteren und von Israel gesteuerten Nazis gesäubert werden („Wahrscheinlich schreien diese Memmen dann wie 1683 wieder nach den Polen“), sondern man werde diesem lendenlahmen Rentnerstaat vor allem auf wirtschaftlichem Weg zeigen, wer hier der Herr sei.

Dies rief wiederum Finanzministerin Maria Fekter auf den Plan. Sie stellte in einer Pressekonferenz am Brunnenmarkt auf einer türkischen Wassermelone sitzend („Die sollte man übrigens auch dringend auf Ehec untersuchen“) fest, ein Land, dessen Hauptexportartikel ein permanent schwangeres Kopftuch sei, brauche sich wirklich nicht als Wirtschaftsgroßmacht zu gebärden. Wahr sei vielmehr, dass man von den österreichischen EU-Nettozahlern keinesfalls erwarten könne, dass sie 70 Millionen funktionale Analphabeten freudig in ihre Geldbörseln einziehen ließen – noch dazu, wo dort doch schon die Griechen wohnten, mit denen die Türken ja ständig Zores hätten.

Auf die Frage, ob sie bei einer solchen Ansage gerade am türkisch dominierten Brunnenmarkt nicht um ihre Sicherheit fürchte, antwortete Fekter schmunzelnd: „Seit wann können die ganzen Üzmürks da denn leicht Deutsch?“

Endlich griff dann auch der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan in die sachliche Debatte ein. Er erklärte, übersteigerter Nationalismus sei eine wirklich widerwärtige Sache – sofern er nicht von der Türkei betrieben werde und also den besten aller Gründe habe. Weiters meinte er, er könne seinen Leuten in Österreich nur raten, sich nicht durch den türkischen Staat zersetzende Maßnahmen wie etwa Schulunterricht, in dem das Wort „Armenien“ und die Zahl 1915 vorkämen, oder durch gottlose Sitten wie etwa Mischehen langsam, aber sicher assimilieren zu lassen. ­Assimilation sei schon prinzipiell ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und Assimilation in Österreich berge dar­über hinaus noch weitere Gefahren: „Ihr, die Kinder des Lichts und des Stolzes, werdet dann unfassbar hässlich werden – und auch noch das Fußballspielen verlernen!“

Tags darauf erschien schließlich Bundeskanzler Werner Faymann am Cover der „Kronen Zeitung“, flankiert von Maggie Entenfellner und drei in letzter Sekunde vor dem grausamen Schächtungstod geretteten oststeirischen Jungschafen (Schlagzeile: „Auch Lamperln würden Faymann wählen!“; Überzeile: „Tapferer Kanzler verhindert türkisches Massaker!“).

Im Blattinneren erklärte Peter Gnam namens des Kanzlers, am Wahltag 2013 werde nicht nur eine Volksbefragung über die Wehrpflicht abgehalten werden, sondern auch eine Abstimmung, ob man die Türkei a) gar nicht oder b) überhaupt nicht in Europa haben wolle. Außerdem regte er eine selbstverständlich streng auf den Grundsätzen der Objektivität basierende baupolizeiliche Überprüfung aller drei Minarette in Österreich an: „Und danach wird eine kontrollierte Sprengung wohl am besten sein!“

Und was HC Strache zu dem Ganzen zu sagen hatte, war dann eigentlich auch schon wurscht.

rainer.nikowitz@profil.at