Rainer Nikowitz: Braver Bürger

Rainer Nikowitz: Braver Bürger

Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten, dachte sich Hautzenbichler bei Einführung des zentralen Kontoregisters. Also rief er beim Bürgerservice an.

Hautzenbichler: Guten Tag, mein Name ist Hautzenbichler. Ich hätte da eine Frage.
Bürgerservice: Ich auch. Vorname, Geburtsdatum, Adresse, Sozialversicherungsnummer, Bankverbindung?
Hautzenbichler: Wozu brauchen Sie denn das alles?
Bürgerservice: Amtsgeheimnis.
Hautzenbichler: Aha. Und wenn ich jetzt aber auch ein Geheimnis haben will?
Bürgerservice: Dann haben Sie auch keine Frage.
Hautzenbichler: Also gut, dann leg ich halt wieder auf.
Bürgerservice: Als ob das jetzt noch was nützen würde.

Hautzenbichler: Wieso?
Bürgerservice: Jetzt telefonieren wir schon mehr als zehn Sekunden. Länger braucht unsere Datenbank nicht. Ich hab Sie schon auf dem Schirm: Ernest Hautzenbichler, geboren am 17.2.1971 in Linz, wohnhaft in Kronstorf … Uh! Ihre Hausfassade könnten Sie aber auch wieder einmal neu machen, das schaut ja aus wie Bukarest in Ihrem Geburtsjahr.
Hautzenbichler: Meine … was? Woher wissen Sie das alles?
Bürgerservice: Ihre Telefonnummer und ein paar intelligente Verknüpfungen.
Hautzenbichler: Aber ich hab doch die Rufnummernunterdrückung aktiviert!

Bürgerservice: Moi! Issa nicht lieb!
Hautzenbichler: Und außerdem: Datenbank? Intelligente Verknüpfungen? Sie bringen doch schon ewig und ein Jahr nicht einmal eine Datenbank zusammen, in der alle Förderungen der öffentlichen Hand drinstehen, um Doppelgleisigkeiten um mein Geld zu vermeiden.
Bürgerservice: Wir haben da einen Grundsatz, im Sinne einer schlanken Verwaltung: First things first – und second things never. Also jetzt fragen Sie schon, Zeit ist Geld. Zwar auch Ihres, aber trotzdem. Höhö!
Hautzenbichler: Also ich … Ich wollte wissen, wie das jetzt ist: Die Regierung führt ein zentrales Kontoregister ein, damit da quasi jeder Finanzbeamte nachschauen kann, wie viel Geld ich wo liegen hab?
Bürgerservice: Na ja, einfach so kann er nicht reinschauen. Nur, wenn er Bedenken hat, ob bei Ihren Steuersachen eh alles in Ordnung ist.
Hautzenbichler: Bedenken?
Bürgerservice: Bedenken.

Hautzenbichler: Und wann tät der Finanzbeamte denn zum Beispiel Bedenken kriegen?
Bürgerservice: Zum Beispiel, wenn einer anruft und deppert fragt, wann der Finanzbeamte denn Bedenken kriegen tät.
Hautzenbichler: Na super. Aber, wenn der Staat schon überall einfach so herumschnüffeln kann, dann hab ich ja wohl auch das Recht zu erfahren, was er denn genau mit meinem Steuergeld anstellt, oder?
Bürgerservice: Gegenfrage: Wenn Sie Ihrem Schwiegervater zu Weihnachten eine Krawatte schenken – muss er Ihnen dann jeden Tag melden, ob er sie auch trägt?
Hautzenbichler: Nein. Er kann damit machen, was er will.
Bürgerservice: Na, wenn Ihr Schwiegervater das Recht hat, mit seinen Geschenken zu machen, was er will, dann wird das ja wohl für Ihren Staat erst recht gelten, nicht wahr?

Hautzenbichler: Aber … das kann man doch nicht vergleichen!
Bürgerservice: Nicht?
Hautzenbichler: Aber so was von nicht!
Bürgerservice: Na gut. Dann tritt hiemit Plan B in Kraft.
Hautzenbichler: Und der lautet?
Bürgerservice: Amtsgeheimnis!
Hautzenbichler: Und sonst geht’s Ihnen gut?
Bürgerservice: Mäßigen Sie sich Ihnen, ja? Dieses Gespräch wird nämlich zu unserem Schutz aufgezeichnet.
Hautzenbichler: Dieses …
Bürgerservice: Also gut, also gut. Nicht nur dieses. Eh überhaupt jedes.

Hautzenbichler: Sagen Sie einmal, was soll denn das? Sie sind doch für mich da! Schließlich ist das das Bürger­service!
Bürgerservice: Mein lieber Herr! Da haben Sie aber etwas gründlich missverstanden. Sie müssen den Begriff „Service“ mehr so verstehen, wie bei einem Auto. Wenn Sie das zum Service bringen, wird nachgeschaut, ob es ordentlich läuft und gegebenenfalls repariert. Genau das ist auch unsere Aufgabe hier. Wir achten drauf, dass die Bürger eh ordentlich funktionieren. Sie glauben ja gar nicht, was wir da manchmal für Montagsbürger reinkriegen, na habe die Ehre!
Hautzenbichler: Was für eine unglaubliche Sauerei!
Bürgerservice: Na ja, so weit würde ich nicht gehen, denn viele Bürger funktionieren ja nicht absichtlich nicht richtig. Aber Sie haben schon Recht: Leicht ist es für uns nicht immer, die alle wieder auf grad zu kriegen. Aber wir sind es nun einmal der Demokratie schuldig.

Hautzenbichler: Ich fasse es nicht! Was ist bloß aus den bürgerlichen Freiheiten geworden?
Bürgerservice: Die mögen ja in der Theorie recht gut klingen. Aber beim Regieren stören Sie schon ziemlich. Und übrigens, wegen Ihrer Fassade …
Hautzenbichler: Was?
Bürgerservice: Mit dem, was Sie gespart haben, geht sich das nie aus.

rainer.nikowitz@profil.at