Rainer Nikowitz: Buchstabengetreu

Rainer Nikowitz: Buchstabengetreu

Alle lachen über den Dolmetscher, der den Besuch von Alexis Tsipras bei Werner Faymann zum Erlebnis machte. Aber dass der Mann Mut zur etwas freieren Interpretation bewies, brachte ja die Dinge erst so richtig in Fluss.

Tsipras: Guten Tag, sehr verehrter Herr Bundeskanzler!
Dolmetscher: Es ist ein altgriechischer Mythos natürlich, man kann auch andere Mythen aus dem Altgriechischen, äh …, aber wie schon Odysseus sagt zu Polyphem: D’Ehre, bitteschen, Oida!

Faymann: Äh … Hallo!
Dolmetscher: Wie es die heißen Felsen Kretas nach dem Winterregen dürstet, so dürstete es Wien nach Ihrem Besuch!
Tsipras: Das hat er gesagt? Für mich klang das nach: „Hallo!“
Dolmetscher: Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie kompliziert und unlogisch die deutsche Sprache manchmal ist.

Faymann: Dieses Wetter, ha? Ich habe gehört, Sie haben nicht gleich landen können?
Dolmetscher: Die Nachtigall würgt die Lerche wie einen Truthahn.
Tsipras: Was soll das bedeuten? Ist das ein österreichisches Sprichwort, das ich nicht kapiere?
Dolmetscher: Das weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht – obwohl ich jetzt doch schon einige Monate hier lebe.

Tsipras: Dann übergehen Sie das am besten und sagen ihm, dass ich mich freue, hier zu sein, gerade weil ich doch bei einem linken Regierungschef auf Verständnis für mein Anliegen hoffe.
Dolmetscher: Wenn sich die Winde, Sie verstehen? Die Winde! Es wird also Winde wehen lassen, die Sie also bitteschen auch dem Sturm entgegensetzen können.
Faymann: Äh … ja. Drum hab ich ja gemeint, dass Sie nicht landen konnten. Aber gehen wir doch gleich in medias res, Herr Tsipras: Bei allem Verständnis, das ich als linker Regierungschef für Ihr Anliegen habe, muss ich doch auf eines hinweisen: Abmachungen sind einzuhalten.
Dolmetscher: Ich bin überzeugt davon, dass wir eine Lösung finden, bei der Griechenland seinen Stolz und seine Freiheit wiederbekommt – und im Gegenzug seine Schulden los wird!

Tsipras: Das ist Musik in meinen Ohren! Wie Mozart! Mögen Sie Mozart?
Dolmetscher: Olympiakos oder Panathinaikos?
Faymann: Also, auf die Frage war ich jetzt nicht vorbereitet … Und ich kenn mich ja auch nicht so aus im griechischen Fußball.
Dolmetscher: Er hört lieber Nana Mouskouri.
Tsipras: Alter Schwede!
Dolmetscher: Bitteschen … Ingemar Stenmark!

Faymann: Der hat bei Olympiakos gespielt? Das hab ich gar nicht gewusst. Nun, wie auch immer: Ich hoffe, wir haben uns verstanden. Ich kann Ihnen leider nicht wirklich weiterhelfen. Ich mein: Das ist ja auch das Geld von meinen Wählern, nicht wahr?
Dolmetscher: Der Herr Bundeskanzler verspricht darüber hinaus, dass Griechenland beim Song Contest zwölf Punkte von Österreich bekommt.
Tsipras: Das ist ausgesprochen freundlich. Aber eins sag ich gleich: Bevor Nana Mouskouri für uns antritt, lasse ich lieber wieder die Troika ins Land.
Dolmetscher: Und diese Hybris, die also entstanden ist, kommt jetzt bitteschen, bitte kommt der Augenblick, wo wir bitteschen, einen, eine Lösung finden könnten.

Faymann: Ja … Das ist … Fix, heast, wo ist der Ostermayer, wenn man ihn braucht?
Dolmetscher: Wie verbringen Sie Ostern?
Tsipras: Warum will er das wissen? Ich dachte, der ist ein Sozi.
Dolmetscher: Hören Sie, ich bin hier nur der Dolmetscher. Wenn Sie wüssten, was ich im Lauf der Zeit schon für unfassbar schräge Ansagen gehört habe! Ich habe längst aufgehört, mich über irgendwas zu wundern.

Tsipras: Also gut, er ist zwar ein bisschen eigenartig, aber er scheint mir ja sehr wohlgesonnen zu sein. Also übergehen Sie das am besten auch und fragen ihn, wie er glaubt, diese Merkel überzeugen zu können.
Dolmetscher: Wenn, bitteschen, der Kranich, ja? Kreuzt die Kranich Bahn von Mond. Dann ist sieben Viertel. Im Mai.
Faymann: Was soll das wieder heißen?
Dolmetscher: Hören Sie, ich bin hier nur der Dolmetscher. Wenn Sie wüssten … Bitte. Schen.

Faymann: Mich beschleicht irgendwie der Eindruck, hier ist alles gesagt.
Dolmetscher: Er sagt, Sie erinnern ihn an ihn selbst, als er jünger war.
Tsipras: Wirklich? Na, dann wollen wir nur hoffen, dass ich nicht gerade meiner Zukunft gegenübersitze! Ha!

Faymann: Was ist so lustig? Was sagt er?
Dolmetscher: Er will wissen, was so lustig ist.
Tsipras: Wer weiß, ob wir uns schon gut genug kennen für so einen Witz … Übersetzen Sie ihn lieber nicht. Lassen Sie sich was Unverfängliches einfallen.

Dolmetscher: Gut. Also, Herr Tsipras hat gesagt: „Wollen wir nur hoffen, dass ich nicht gerade meiner Zukunft gegenübersitze! Ha! Bitteschen.“
Faymann: Witzig.
Tsipras: Das klang jetzt aber irgendwie beleidigt. Was haben Sie gesagt?
Dolmetscher: Ich habe einen Schwiegermutterwitz erzählt.

Tsipras: Aha. Wahrscheinlich mag er seine.
Dolmetsch: Andere Länder, andere ­Sitten.