<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Bunkerstimmung

Sie waren vor keiner Gulaschkanone zurückgeschreckt und hatten noch jede Offiziersmesse im Sturm erobert. Doch jetzt wartete auf die Generäle ihr bisher schrecklichster Gegner.

Die Generäle hatten schon viel erlebt. Sie waren allesamt hartgesottene Kampfmaschinen und mit sämtlichen Unbilden und Gefahren, die das schwere Leben im Feld hierzulande mit sich brachte, vertraut. Ob es nun ein gerissener Hosenträger war oder ein Powidlfleck auf der Galauniform, ein angelaufener Silberorden, den der Adjutant nicht ordentlich poliert hatte, oder die mangelnde Beinfreiheit im Dienstwagen – echte Soldaten beklagten sich nicht, sie lösten ihre Probleme entschlossen und kaltblütig, wie das echte Männer, die sich nicht dafür schämten, echte Männer zu sein, nun einmal taten.

Aber jetzt, nach all dem einschüchternden Donner der Gulaschkanonen, dem sie in ihrer Karriere schon getrotzt hatten, nach all den mit knapper Not überstandenen Nahkämpfen am Buffet beim Offiziersball, jetzt lernten die Generäle erstmals ein Gefühl kennen, das ansonsten nur die von ihnen ebenso mutig wie umsichtig beschützten Zivilistenmemmen kannten.
Sie hatten Angst.

Der Posten an der Tür hatte noch nichts Ungewöhnliches gemeldet. Noch hatten sie Zeit, sich eine Strategie zu überlegen, wie sie das Stahlgewitter, das sich ihnen mit der Unerbittlichkeit eines Sturmlaufs des SC Kroatisch-Minihof näherte, einigermaßen überstehen könnten. Doch eines war ihnen allen mit ihrer Kampferfahrung klar: Es würde nicht ohne Verluste abgehen.
„Wissts noch, am Anfang?“, hob einer der Generäle an. „Da war’s auch nicht einfach mit ihm. Aber jetzt könnt ma fast wehmütig werden.“

Ja, natürlich konnten sich alle an den alten Norbert Darabos erinnern. An den, der darauf bestand, dass sich zu Beginn einer Sitzung des Generalstabs alle die Hände reichten und dann „We Shall Overcome“ sangen. Der bei seinem Antrittsbesuch bei der Garde den Elitesoldaten entrückt lächelnd Blumen in die Gewehrläufe gesteckt hatte und dem Kommandanten ins Ohr geflüstert hatte: „Eines möchte ich Ihnen noch auf Ihren weiteren Lebensweg mitgeben: Make love – not war!“

Sie hatten sich mit der Zeit daran gewöhnt. Auch, dass er auf das traditionelle Gschnas der Offiziersgesellschaft als Bertha von Suttner gegangen war, hatte nur mehr mäßig Aufsehen erregt. Und als er schließlich dazu überging, während Diskussionen über die Landesverteidigungsdoktrin nur einen ­Gandhi-Lendenschurz zu tragen und Garn zu spinnen, bestand die Reaktion nur mehr aus kollektivem Achselzucken.

„Er kommt“, rief plötzlich der Posten an der Tür. Sofort gingen die Generäle in volle Deckung. Ein paar warfen sich einfach unter den Tisch, einer setzte sich einen Lampenschirm auf und stellte sich in eine Ecke, und ein anderer zerrte sich überhaupt hektisch die Uniform vom Körper – darunter trug er schwarze Spitzenunterwäsche, von der er hoffte, sie würde den Furor der Einmannarmee, der er gleich gegenüberstehen würde, ein wenig besänftigen.

Die Tür flog auf. Norbert trug Springerstiefel, eine zerschlissene Tarnhose und ein verdrecktes ärmelloses T-Shirt, das den Blick auf seine eingeölten, muskulösen Oberarme freigab. Vor seinem Waschbrettbauch kreuzten sich zwei Patronengurte. Er zog mit einem energischen Ruck sein Stirnband fester, setzte sich an den Tisch und begann in aller Seelenruhe mit einem Messer, das die Größe eines mittleren Samurai-Schwerts hatte, seine Fingernägel zu säubern. Niemand wagte zu sprechen. Jeder dachte nur: „Nicht mich! Jeden anderen, nur bitte nicht mich!“

Nach einer schier endlosen Phase gespannten Schweigens sagte Norbert schließlich mit einer Stimme, die so rau war, dass man Parmesan daran reiben hätte können: „Und meine Herren? Wer is denn jetzt für die Wehrpflicht?“

Der General mit dem Lampenschirm auf dem Kopf fiel lautlos in Ohnmacht. Und der, den Norberts durchdringender Blick traf, wies panisch auf den neben ihm Sitzenden, dessen Gesicht daraufhin in der Sekunde die Farbe der bedingungslosen Kapitulation annahm. Darabos kniff die Augen zusammen: „Wir können das auf die harte Tour machen oder auf die weiche. Wie hätt ma’s denn gern?“

Der General begann zu stottern: „Ich war nie für …, also, schon, bis vor drei Monaten, als Sie auch noch dafür waren – aber ich schwöre, ich habe meine Meinung in der Sekunde geändert, als Ihre geändert wurde!“ Norbert zog die Mundwinkel nach unten und rammte dann sein Messer wuchtig in die Tischplatte: „Geändert wurde? Wollen Sie damit andeuten, dass ich irgendwie fremdbestimmt bin? Ich? Der Fels in jeder Brandung? Der Turm in der Schlacht?“

Der kreidebleiche General begann zu weinen, sackte in seinem Sessel zusammen und ergab sich seinem Schicksal. Er wusste, was ihm blühte.
„Nun, meine Herren“, hob Norbert an, „ich muss Ihnen wohl nicht erklären, wie wichtig Disziplin in der Truppe ist. Und dass man sie gegebenenfalls mit unbarmherzigen Sanktionen wiederherstellen muss. Hände ausstrecken!“ Der General folgte dem Befehl willenlos. Blitzschnell fischte Norbert seine schärfste Waffe aus dem Halfter und haute dem General damit auf die Finger.

Dann steckte er die zusammengerollte „Krone“ wieder ein und knurrte: „Noch jemand?“

rainer.nikowitz@profil.at