© Udo Titz

Meinungen
04/04/2020

Rainer Nikowitz: Corona-Bürgerwehr

Wenigstens ein sehr typisch österreichischer Menschenschlag kann die Zeit der Ausgangsbeschränkungen in vollen Zügen genießen: der Blockwart.

von Rainer Nikowitz

Es hat keinen Sinn, die Sache zu beschönigen. Sie sind unter uns. Überall. Bei allem Schulterschlussgetöse, allem Wir-sitzen-alle-im-selben-Boot-Gesülze gibt es leider immer noch Seuchenvermeidungsvermeider, wo man nur hinschaut! Ein besonders stark keuchender - und deshalb den Sicherheitsabstand von einem Meter locker überspuckender -Jogger hier, zu viele Stimmen hinter den dünnen Wänden der Nachbarwohnung da, an jeder Ecke durchaus aufklärungsbedürftige Massenansammlungen von zwei Personen: Als aufmerksamer Bürger kommt man nicht umhin, eine verdächtige Situation nach der anderen zu bemerken. Damit kann die Exekutive bei allem heroischen Einsatz natürlich nicht allein fertigwerden. Da braucht es schon die Mithilfe von uns allen. Also zumindest von uns allen, die wir eisern zusammenhalten.

In Graz sind dem aufmerksamen Bürger Franz L. mittlerweile 482 Anzeigen wegen Zuwiderhandelns gegen die derzeit vorgeschriebenen Abstandsregeln zu verdanken. Er habe ein untrügliches Gefühl für Maßeinheiten, erläutert L. nicht ohne Stolz seine herausragende Leistung. Schließlich sei er früher Fleischhauer gewesen und habe bei einer Bestellung von 10 Deka Leberkäse immer exakt 12 erwischt -und es durfte quasi immer mehr sein. Da werde er doch von seiner Fensterbank im zweiten Stock aus locker sehen können, ob da unten zwei nur 80 Zentimeter auseinander seien! L. erteilt übrigens zuerst eine laut nach unten gebrüllte Abmahnung. Erst wenn sich die Verbrecher uneinsichtig zeigen, drückt er die Wiederwahltaste am Handy und alarmiert die Polizei.

Eine Corona-Party der besonders verwerflichen Art wiederum konnte nach einem Hinweis aus der Bevölkerung in Wien-Donaustadt gesprengt werden. Es war gegen 23 Uhr, als Leopold B. rein zufällig von seinem Klopfbalkon aus mittels des Präzisionsfeldstechers, den er einst erworben hatte, als in der Wohnung gegenüber eine Studentin mit einem sehr natürlichen Verhältnis zu ihrem Körper und einer lobenswerten Abneigung gegen Vorhänge eingezogen war, etwas entdeckte, das ihm sofort Schauer der Empörung über den Rücken laufen ließ. Da waren sechs nein: offenbar sogar acht Personen beteiligt! Sie hielten ganz eindeutig nicht den Sicherheitsabstand ein. Allerdings war da ein Mundschutz Oh, nein, das war doch etwas anderes. Und diese ganze Bande war auch definitiv keine Familie, das erkannte Herr B. sofort, da konnte man ihm kein X für ein U vormachen.

Auch der von B. verständigten Exekutive war der Ernst der Lage sofort klar. Binnen Minuten trafen 18 Funkstreifen am Tatort ein -17 von ihnen allerdings freiwillig, nachdem die Besatzungen am Funk mitgehört hatten, um welche Art Einsatz es sich handelte. Die braven Gesetzeshüter wollten ihre Kollegen natürlich nicht mit dieser schwierigen Situation allein lassen. Warum die Polizei dann allerdings am Ort des Geschehens schließlich nur eine Festnahme vornahm und nicht alle Partyteilnehmer ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden, liegt noch im Dunkeln. Es gab dazu mit dem Hinweis auf laufende Ermittlungen vorerst keine weiteren Auskünfte.

UPDATE: Leider stellte sich der Großeinsatz später als etwas überzogen heraus. Der angezeigte Gruppensex hatte wohl stattgefunden, allerdings nur auf einem dieser nun wirklich manchmal grotesk großen Plasmafernseher. Der vorübergehend verhaftete, alleinstehende Besitzer wurde nach dem Versprechen, derartiges der moralischen Volksgesundheit zuwiderlaufendes Videomaterial nicht mehr zu verwenden, wieder auf freien Fuß gesetzt. Die beschlagnahmte DVD wurde als Prämie gemeinsam mit einer Belobigungsurkunde dem aufmerksamen Bürgerwehrler B. übergeben. Er habe ja an sich richtig gehandelt, hieß es in der Begründung des Innenministeriums - nur halt ein bissel ein Pech gehabt.

In St. Pankraz am Blasenstein wiederum konnte eine Ausbreitung der Epidemie zum lokalen Flächenbrand dadurch verhindert werden, dass Ernestine Z. am Schwarzen Brett der Gemeinde die Nachricht angeschlagen hatte, ihr Nachbar, der Gebauer Sepp, sei positiv. Als man sie - nachdem die aufgebrachte Bevölkerung den Sepp mit vorgehaltener Mistgabel aus dem Bett geholt und dann zu Fuß im Pyjama aus dem Dorf getrieben hatte - fragte, woher sie das eigentlich gewusst habe, antwortete sie: "Der hat mir so ausgeschaut." Die Polizei bedauerte übrigens in ihrer Manöverkritik, dass sie den Vorfall aufgrund der Dynamik der Ereignisse nicht mehr verhindern habe können. Man habe sich schließlich darauf beschränkt, darauf zu achten, dass das Pogrom geordnet und mit dem gebotenen Sicherheitsabstand innerhalb des Mobs ablief. Der Mob habe sich dabei erfreulicherweise kooperativ gezeigt. Das zeige, dass die Mahnungen der Bundesregierung bei den meisten auf durchaus fruchtbaren Boden fielen.