<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Das Parfum

Ernst Strasser gibt ja an sich keine Interviews mehr – aus begreiflichen Gründen. Aber für profil machte er natürlich gern eine Ausnahme.

profil: Herr Strasser …
Strasser: Bevor wir anfangen: Wo ist die versteckte Kamera?

profil: Welche Kamera?
Strasser: Sie glauben wohl, ich bin auf der Nudelsuppe daherge--schwommen.

profil: Nachdem Sie als Agent Provocateur diese englischen Falschspieler so glorreich auffliegen haben lassen? Wie könnte ich?
Strasser: Nun gut. Diese einzig mögliche Sicht der Dinge spricht ja schon einmal für Sie. Dennoch: Wo ist die Kamera? Im Kuli? Im Diktafon? Oder in diesem schiachen Wimmerl, das Sie da am Hirn haben?

profil: Wozu bräuchte ich jetzt noch eine versteckte Kamera, wo sich nun schon wirklich jeder von Ihrer Integrität überzeugen konnte?
Strasser: Auch wieder wahr. Sagen Sie, riechen Sie das auch? Was ist denn das?

profil: Ich fürchte, das sind Sie. Der certain smell wahrscheinlich.
Strasser: Ja! Natürlich! Der Duft der großen weiten Welt, des Staatskanzleienparketts und der Vorstands-etagenteppiche, durchsetzt mit ein paar Molekülen ehrlichen Grieskirchner Arbeiterschweißes. Ich sollte ihn als Parfum herausbringen und „Strasser Nr. 5“ nennen … Oder vielleicht „Simply Ernst“? Was meinen Sie?

profil: Hmm. Skunk noir?
Strasser: Na, wie auch immer. Kommen wir zum Geschäft. Das Geld bitte.

profil: Welches Geld?
Strasser: Ich arbeite ab jetzt nur mehr gegen Vorkassa. Schließlich haben diese englischen Kretins ja nicht einmal gepeckt!

profil: Tut mir leid. Wie es der Teufel will, trage ich gerade heute keine 100.000 Euro mit mir herum.
Strasser: Es wären sowieso 200.000. Mein Tarif hat sich verdoppelt. Immerhin kennt man mich jetzt in ganz Europa. Höchste Zeit, eigentlich.

profil: Na ja, kennen wird man Sie jetzt zweifellos. Aber Ihre guten Kontakte sind Ihnen ja im Lauf der letzten Woche doch ein bisschen unter der Hand zerbröselt.
Strasser: Das wird schon wieder. Meine Freunde werden ihre Fehleinschätzung revidieren und mich bald glanzvoll rehabilitieren.

profil: Sogar Ihr Erfinder Erwin Pröll ist laut seiner eigenen Aussage maßlos enttäuscht von Ihnen, weil Sie sich in den letzten 20 Jahren so verändert hätten.
Strasser: Der war gut, ja. Wenn mich einer in den letzten 20 Jahren verändert hat, dann der Erwin.

profil: In welche Richtung?
Strasser: Was ist das für eine Frage? Und Gott schuf Ernst nach seinem Ebenbild! Wenn ich noch ein Jahr länger in Niederösterreich geblieben wäre, hätte ich mir eine Glatze rasieren müssen!

profil: Was halten Sie eigentlich davon, dass die ÖVP jetzt Hubert Pirker als Ihren Nachfolger ins EU-Parlament schickt? Also einen Lobbyisten, der bis vor Kurzem auf seiner Homepage damit geworben hat, er könne aufgrund seiner Beziehungen Einfluss auf EU-Gesetze nehmen?
Strasser: Schauen Sie: Wenn die ÖVP keine mutige und konsequente Partei wäre, wäre ich ihr ja nie beigetreten.

profil: Und dass Ihr Intimfeind Othmar Karas jetzt Delegationsleiter wird – ärgert Sie das?
Strasser: Der Othmar ist ein Amateur. Der hat nie begriffen, welche Chancen ein Sitz im EU-Parlament mit sich bringt.

profil: Aber immerhin hatte er 112.000 Vorzugsstimmen.
Strasser: Was immer vergessen wird: Ich hatte auch 38.000! Was sagt uns das?

profil: Dass manche Teile der Bergpredigt von Jesus Christus immer noch brandaktuell sind?
Strasser: Sehen Sie, das ist einer der Vorteile, dass ich meine Parteimitgliedschaft ruhend gestellt hab: Ich muss nicht mehr so tun, als würde mich dieses ganze Bibelzeugs tatsächlich interessieren.

profil: Was bedeutet das eigentlich, wenn man eine Mitgliedschaft ruhend stellt?
Strasser: Dass man den Mitgliedsbeitrag nicht mehr zahlt.

profil: Das kommt Ihnen im Moment sicherlich nicht ganz ungelegen. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Geschichte finanziell ein herber Schlag war.
Strasser: Sie sagen es. Und für arbeitslose Lobbyisten zahlt das AMS nicht einmal irgendwelche Weiterbildungskurse.

profil: Was ist mit Humboldt? Haben die nichts im Programm? Kein: „Und ich mache jetzt den korrupten Ungustl 2“?
Strasser: Das finde ich jetzt weniger lustig. Was ist mit meinem Geld?

profil: Aber ich brauche auch gerade keinen Lobbyisten.
Strasser: Vielleicht einen Privatdetektiv, der feindliche Agenten aufspürt?

profil: Auch nicht.
Strasser: Haben Sie vielleicht sonst irgendein Problem, das ich beseitigen soll?

profil: Diesen Satz habe ich, glaube ich, das letzte Mal bei Tony Soprano gehört.
Strasser: Ja. Und der hat ihn auch von mir.

profil: Das ist es! Schreiben Sie doch ein Drehbuch: „The importance of being Ernst!“
Strasser: Eines sag ich Ihnen schon: Mit dem Englisch werden Sie es nicht weit bringen.

rainer.nikowitz@profil.at